Deutschlands beste Schule
Die Schule einer Reha-Klinik für Kinder und Jugendliche ist jetzt mit dem Deutschen Schulpreis 2010 ausgezeichnet worden.
Die Sophie-Scholl-Schule gehört zur Rehabilitationsklinik-Santa Maria in Oberjoch/Bad Hindelang. Jetzt hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Sophie-Scholl-Schule als Deutschlands beste Schule ausgezeichnet. ihre-vorsorge.de sprach darüber mit Schulleiterin Angela Dombrowski.
Wer sind Ihre Schüler?
Angela Dombrowski: Unsere Schule ist angegliedert an die Rehabilitationsklinik Santa Maria. Die meisten der Kinder und Jugendlichen besuchen die Sophie-Scholl-Schule in der Regel vier bis acht Wochen, wenn sie wegen Asthma, Allergien, Neurodermitis oder Adipositas bei uns an der Klinik sind. Einige besonders schwer erkrankte Schüler sind Langzeitschüler. Sie sind mehrere Jahre bei uns, das heißt: wir führen sie hier zum Schulabschluss.
Wie erfahren Sie ihren Wissensstand?
Wir haben mit großem Engagement einen Fragebogen entwickelt, den wir an die Heimatschulen schicken. Dieser fragt schulische Informationen ab; entweder die Eltern und Schüler bringen ihn mit; uns ist es aber am liebsten, wenn wir ihn eine Woche vorher haben. Wir erfahren auf diesem Weg Wesentliches über den Lernstand der Schüler, aber auch über die Unterrichtsinhalte, die in den folgenden vier bis sechs Wochen zu Hause unterrichtet werden. So können wir für jeden Schüler individuell passend ein persönliches Lernarrangement gestalten.
Wie viele Schüler unterrichten Sie, und teilen Sie die Schüler nach Schularten und Klassen ein?
Wir können keine festen Schülerzahlen angeben - durchschnittlich sind es in etwa 150. Es gibt mal mehr Kinder im Primarbereich, mal welche, die noch nicht in die Schule gehen, mal viele Jugendliche - das wechselt; wir stellen uns in der Organisation darauf ein. Wir unterscheiden nicht nach Schularten, wir unterrichten in jahrgangs- und schulartübergreifenden Klassen.
Haben Sie Lehrpläne, nach denen Sie so verschiedene Kinder sechs Wochen lang unterrichten?
Wir sind eine bayerische Schule, deshalb gilt für uns der bayerische Lehrplan als Grundlage. Da unsere Schüler aber aus ganz Deutschland kommen, haben wir uns natürlich auch in die Lehrpläne der anderen Länder eingearbeitet. So ist es für uns auch eine wichtige Orientierung, jeweils zu schauen, wo der Schüler herkommt.
Wie lösen Sie das Problem der unterschiedlichen Schulbücher?
Die Schüler bringen uns ihre Schultaschen und Schulranzen mit. Jeden Freitag - alle zwei Wochen ist bei uns An- und Abreise - werden bei uns diese Taschen abgegeben. Und jede Lehrkraft sucht sich dann zu seinen Schülern passend die Schulranzen aus und arbeitet die Lernunterlagen am Wochenende durch. Ziel ist, dass jeder Schüler gleich am ersten Schultag montags einen individuell für ihn selbst gestalteten Wochenplan vorfindet. Wir haben also die Angaben im Fragebogen, die Schulbücher, und wir besprechen natürlich die Lernvorgaben mit den Schülern selbst. Ein zentrales Anliegen ist es, dass wir die Lernzeit optimal nutzen und die Lernprozesse passgenau abstimmen.
Was heißt das für Ihre Unterrichtsgestaltung?
Natürlich orientieren wir uns auch an den Büchern und Arbeitsheften, die wir mit einbeziehen, aber wir gestalten auch sehr viele Unterrichtsmaterialien selbst. Wir wollen das Lernen mit dem Leben verbinden und so auch Lernmaterialien zur Verfügung stellen, die zum Lernen anregen, Interesse wecken ...
Heißt das letztendlich, Sie gehen auf jeden einzelnen Schüler genau ein?
Ja, ich glaube, das ist etwas Zentrales, was uns auszeichnet, dieses individuelle Lernarrangement für jeden Schüler. Wir sind der Überzeugung, dass es keine Homogenität in einer Schulklasse gibt, nicht alle das Gleiche zur gleichen Zeit lernen können und es daher wesentlich darum gehen muss, für jeden das Passende zu finden.
Wofür genau ist Ihre Schule ausgezeichnet worden?
Beim Deutschen Schulpreis werden sechs Qualitätsbereiche bewertet, beispielsweise die Unterrichtsqualität, die Schulentwicklung, das Schulleben, Leistung oder der Umgang mit Vielfalt. In allen Bereichen haben wir in den letzten zehn Jahren mit außerordentlichem Engagement gearbeitet und nun sehen wir ausgezeichnete Ergebnisse.
Schaffen es die Schüler, sich auf Ihren Unterricht umzustellen?
Es gelingt fast allen Schülern unglaublich schnell, sich auf die für sie meist ungewohnte Art des Lernens einzulassen. Aber auch das ist natürlich ein Lernprozess. Ziel ist es, dass nach dem Motto "Du bist dein eigener Chef" Eigenverantwortung geübt und ein größtmögliches Maß an Selbständigkeit erreicht werden kann. Viele Schüler sind darauf eingestellt, dass der Lehrer vorne an der Tafel steht und genau vorgibt, was zu tun ist. Das gibt es bei uns nicht. Die Schüler erleben, dass sie hier gefordert sind, den Unterricht wesentlich aktiver mit zu gestalten.
Und wie ist der Lernerfolg?
Nach der Reha-Maßnahme bitten wir die Erziehungsberechtigten und die Heimatschulen anhand von differenziert gestalteten Fragebögen um ein Feedback. Diese Rückmeldungen zeigen uns, dass der Anschluss meist mühelos gelingt, die Schüler im Lernstoff sogar voraus sind und besonders an personalen und sozialen Kompetenzen gewonnen haben. Nicht immer ist es einfach, wenn der Schüler im Lernstoff weiter ist. Da braucht es eine gute Kooperation zwischen uns und den Kollegen der Heimatschule, was oft sehr zeitintensiv gestaltet wird - nicht selten geht es um einen Austausch über ein unterschiedliches Verstehen von Unterrichtsgestaltung.
Das heißt, sie lernen bei Ihnen mehr als zu Hause?
Wir geben dem einzelnen Schüler nicht vor: Du musst diese Woche fünf Stunden Mathe machen oder sieben Stunden Deutsch. Die individuellen Lernprozesse werden entsprechend der unterschiedlichen Lernvoraussetzungen und Lernziele mit den Schülern flexibel gestaltet. Selbstverständlich braucht es für diese Offenheit mehr als nur offene Klassenzimmertüren. Durch dieses besondere pädagogische Konzept erreichen wir, dass die Schüler das für sich beste Lernergebnis erzielen können.
Kommen die Kinder morgens gerne zu Ihnen in die Schule?
Wenn nun in einzelnen Bundesländern die Sommerferien beginnen, stellen wir diesen Schülern frei, ob sie in die Sommerferien gehen wollen, oder ob sie in der Schule bleiben möchten. Und das Interessante ist: Die gerade angereisten Schüler, die auch bei uns in die Schule gehen könnten, sagen: Nein, nein, wir wollen nicht -, weil sie einfach denken, Schule ist Schule, davon wollen wir uns erholen! Aber die Schüler, die vorher bei uns in der Schule waren, bleiben sehr gerne, und alle freiwillig.
Ein weiteres Beispiel ist der offene Unterrichtsbeginn. Natürlich haben wir einen festen Termin, zu dem alle da sein müssen, aber die Lehrkraft ist schon vorher im Klassenzimmer als "Gastgeber", und hier zeigt sich: Die Schüler versuchen ganz, ganz früh zu kommen, wollen ihre Termine vorher oder ihre Anwendungen ganz schnell machen, damit sie möglichst früh da sind und schon anfangen können zu arbeiten. Hier zeigt sich uns, dass es an unserer Schule gut gelingt, eine Umgebungen zu schaffen, die zum Lernen anregt, Interesse am Entdecken von Neuem weckt und so weiter.
Hat Ihr Unterricht Auswirkungen auf die Reha der Kinder?
Aus vielen Bausteinen, die für uns eine gute Schule ausmachen, haben wir unser Konzept "Gesundes Lernen" entwickelt, und wir können dadurch sicherlich einen wertvollen Beitrag dazu leisten, dass die Kinder und Jugendlichen umfassend "gesund" werden, ein "Stückchen wachsen" - auch über sich selbst hinauswachsen -, neue Fähigkeiten entdecken, Selbstvertrauen gewinnen und Mut und Zuversicht, dass sie "Welt" mitgestalten können und ihr Einsatz dazu wichtig ist.
Was kann die Kultusministerkonferenz von Ihnen lernen?
Eine unserer wichtigsten Lernerfahrungen ist, Heterogenität als Chance zu begreifen. Als schulartgemischtes Kollegium haben wir uns dieser Herausforderung gestellt und sind daran gewachsen. Das heißt nicht, dass es bei uns so einfach war.
Außerdem haben wir gelernt, wie eine Schule gestaltet werden muss, damit es nicht die Schüler sind, die für ein System passend gemacht werden müssen, sondern wie die Rahmenbedingungen verändert werden müssen, dass junge Menschen darin auf gesunde Weise leben und lernen können. Gemäß unseres Mottos "Wer etwas verändern möchte, sollte bei sich selbst beginnen" begann dieser Veränderungsprozess im Lehrerzimmer. Und es gab in allen Bereichen jede Menge zu lernen: Veränderung der eigenen Lehrerrolle, Entwicklung weg vom "Unterrichten von Fächern" hin zum "Unterrichten von Menschen", Intensivierung des Team-Teachings, Erlernen von Projektmanagement, Weiterbildungen schwerpunktmäßig in den Bereichen "Wirkungsvolle Formen des Lehrens und Lernens" und Kommunikation und noch vieles mehr.
Wenn Schule als Ort des Lernens verstanden werden will, dann macht es doch viel Sinn, dass auch die Lehrenden, die Experten für Bildung - von den Lehrern bis hin zu den Kultusministern- an eigenen Lernprozessen in besonderer Weise interessiert sein sollten. Und wir sind davon überzeugt, dass die lebendige Gestaltung von Schule ein zentrales Lernanliegen aller bleiben muss.




