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Reha im Einwanderungsland

Auch Menschen mit Migrationshintergrund gehen zur Reha. Über ihre spezifischen Probleme diskutierte eine Tagung in Münster.

Schon lange vor der Diskussion über Sarrazins Buch beschäftigt sich die Deutsche Rentenversicherung mit der Frage nach den Faktoren für eine erfolgreiche Rehabilitation bei Menschen mit Migrationshintergrund. Bei der Wissenschaftlichen Jahrestagung des NRW-Forschungsverbunds Rehabilitationswissenschaften in Münster stand dieses Thema im Mittelpunkt. Thomas Keck, Geschäftsführer der Deutschen Rentenversicherung Westfalen und gleichzeitig Gastgeber der Veranstaltung, sieht Reha und Reha-Forschung auch bei Versicherten mit Migrationshintergrund in der Pflicht, "mit passgenauen individuellen Reha-Leistungen die Menschen in Arbeit zu halten".

Deutschland, ein Einwanderungsland

Im Eröffnungsvortrag betonte Thomas Schott von der Universität Bielefeld, dass Deutschland ein Einwanderungsland sei: Im Jahr 2008 hatten von 82 Millionen Bürgern 15,6 Prozent einen Migrationshintergrund, 2,9 Millionen von ihnen einen türkischen Hintergrund. "Alle diese Menschen leben hier, arbeiten und zahlen Steuern und Sozialabgaben, gehen zur Schule, auf die Universität oder beziehen Rente. Deutschland ist damit de facto ein Einwanderungsland. Seine Bildungsangebote und Sozialleistungen müssen sich diesen Bedingungen anpassen."

Lange Zeit hätten türkische Versicherte kaum Reha-Leistungen in Anspruch genommen. Die Auszahlung der Rentenbeiträge für die Rückkehr in die Türkei war eingeplant; dafür durfte man aber noch keine Leistung in Anspruch genommen haben. Inzwischen sind die meisten Rückreisekoffer weggeräumt, Versicherte aus der Türkei nehmen tendenziell ansteigend Reha-Leistungen in Anspruch, allerdings mit tendenziell unterdurchschnittlichem Reha-Erfolg.

Zentraler Faktor Sprache

Das liege an interkulturellen Problemen im klinischen Alltag. Auch die Qualifikation der Betreffenden spiele eine Rolle. 72 Prozent der türkischen Zuwanderer seien ohne Berufsbildung. Allerdings sei die Sprache ein zentraler Faktor, erklärte Professor Fritz Muthny: "Sprache ermöglicht Integration, vermittelt Kultur, Spielregeln, Arbeitschancen. Es ist ein großes Unglück, dass wir das Problem der Sprache so lange sträflich vernachlässigt haben." In den Augen von Spyridon-Paul Marinos, Vorsitzender des Ausländerbeirats der Stadt Münster, "haben wir Generationen an Integrationsarbeit verschlafen".

Etwas schlechtere Reha-Ergebnisse

Verschiedene Vorträge beleuchteten Versorgungslage, Inanspruchnahme und Reha-Erfolg von türkischen Migranten in Reha-Kliniken. Ob bei Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems, des Atmungs- und Verdauungssystems, des Stoffwechsels, bei Bindegewebserkrankungen, psychischen Erkrankungen oder bei Verhaltensstörungen - in fast allen Indikationsgebieten waren die Reha-Ergebnisse für türkische Personen mehr oder weniger schlechter als für die nichttürkische Referenzgruppe, berichtete Thomas Schott bei der Vorstellung seiner Ergebnisse.

Interkulturelle Probleme im klinischen Alltag

Die Ursache dafür liege nicht allein in Fragen der Sprache und Verständigung, sondern auch in interkulturellen Problemen im klinischen Alltag: in unterschiedlichen Gebräuche und Tabus, einem anderen Verständnis von der Rolle des Arztes beziehungsweise Patienten, dem höheren Stellenwert familiärer Bindung, einem anderen Krankheitsverständnis, dem Umgang mit Schmerzsymptomen und Fragen von Erwartungen und Eigenverantwortung.

Lösungsstrategien: Fördern und fordern

Die einzelnen Reha-Kliniken arbeiten bereits seit Jahren an der Lösung dieser Probleme, zum Beispiel durch Einstellung von mehrsprachigem Fachpersonal, Schulung der Klinikmitarbeiter, Informationsmaterial oder Orientierungshilfen in den Kliniken. Wie man die einzelnen Lösungsstrategien zu Handlungsempfehlungen zusammenfasst, diskutierte ein Workshop am Ende der Jahrestagung.

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Autor: Friedrich Müller

Zuletzt aktualisiert am 20.10.2010

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