Reha: Netzwerke arbeiten besser
Aus Unwissenheit oder Unsicherheit: Hausärzte verschreiben Rheuma-Patienten zu selten eine Reha. Deswegen wird jetzt die Vernetzung vorangetrieben.
"Patienten, die aufgrund ihres Gesundheitszustandes eine Rehabilitation benötigen, müssen sie auch erhalten", sagte der Direktor des Instituts für Rehabilitationsmedizin an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Professor Wilfried Mau in Leipzig. "Dafür muss aber klarer als bisher definiert werden, wer im Reha-Prozess welche Aufgabe hat und wer welche Verantwortung übernimmt. Alle Beteiligten müssen an einem Strang ziehen." Vernetzung sei das Gebot der Stunde und Grundlage für die weitere Verbesserung der Reha-Qualität. Vom Patienten über den Haus- oder Betriebsarzt und der Reha-Klinik bis hin zur Nachsorge und Rückkehr in den Beruf sei eine konsequente Zusammenarbeit und Kooperation zwingend notwendig.
Vernetzung bietet Chance für nachhaltigen Behandlungserfolg
Forschungen des Instituts für Rehabilitationsmedizin belegen: Für eine stärkere Vernetzung bei der Behandlung chronisch kranker Menschen besteht zum einen dringender Bedarf, zum anderen bietet diese eine große Chance für einen nachhaltigen Behandlungserfolg. Leider hätten Patienten und zum Teil auch Ärzte falsche Vorstellungen von Rehabilitation. "Hier besteht dringender Korrekturbedarf", so der Institutsdirektor.
Haus- und Fachärzte haben Schlüsselfunktion
Von 117 internistischen Rheumatologen hätte im Jahr 2008 nur jeder Vierte bei seinen Patienten Reha-Bedarf gesehen. Für 28 Prozent der Ärzte war der bürokratische Aufwand zur Unterstützung des Reha-Antrags zu hoch. Als häufigsten Grund gegen einen Reha-Antrag (knapp 60 Prozent) äußerten Rheumatologen aber, dass Patienten die Behandlung nicht wollten. Sie erkannten nicht die Notwendigkeit oder sie hatten Angst, dadurch ihren Arbeitsplatz zu verlieren. Von den rund 40 Prozent, die eine Rehabilitation beantragten, haben drei Viertel diese auch erhalten. Bei 70 Prozent von ihnen wurden nach Einschätzung der weiterbehandelnden Rheumatologen deutliche Erfolge nachgewiesen. "Das Ergebnis zeigt, dass eine Rehabilitation meistens etwas für die Verbesserung des Gesundheitszustandes bringt", so Professor Wilfried Mau.
Rehabilitation verbessert den Gesundheitszustand
Deshalb sei Aufklärung dringend notwendig. Und die fange schon in der Ausbildung an. Denn: Nach Einschätzung des Wissenschaftlers käme den Haus- und Fachärzten in den Praxen und Krankenhäusern eine Schlüsselfunktion zu. "Jeder von ihnen kann vor der Entscheidung stehen, seinen Patienten zu einer Rehabilitation zu raten oder auch nicht", sagt Mau. Deshalb müssten sie wissen,
- wann eine Rehabilitation sinnvoll sei,
- was sie leisten könne,
- wie sie ablaufe,
- wie sie beantragt werden müsse
- und wie es nach dem Klinikaufenthalt weitergehen könne.
- Und die Ärzte müssten in der Lage sein, ihre Stellungnahmen zum Antrag der Versicherten vollständig und richtig auszufüllen.
"Unsere Forschungen haben aber gezeigt, dass viele Ärzte in Klinik und Praxis die Rehabilitation nicht ernst genug nehmen."
Reha gehört jetzt zur Ärzte-Ausbildung
Deshalb lege man an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg großen Wert darauf, bei der Ausbildung von Ärzten von Anfang an auch die Rehabilitation einzubeziehen. "Die hier praktizierte durchgängige Einbindung dieses Fachgebiets im Studium ist in Deutschland beispielhaft", so der Direktor des Instituts für Rehabilitationsmedizin. "Rehabilitation ist für jeden zukünftigen Arzt während des Studiums ein Prüfungsthema. Und er muss damit rechnen, dass das Fach auch ein Schwerpunkt seiner Abschlussprüfung ist." Außerdem müsse jeder der jährlich rund 220 Medizinstudenten in eine Reha-Klinik, um zu lernen, wie Patienten zu befragen sind, um die punktgenauen Informationen zu erhalten, die der Kostenträger fordere.
Zusammenarbeit zwischen Patient, Klinik-Ärzten und Therapeuten
Vernetzung ist ein Qualitätsmerkmal der Rehabilitation und zählt aus Sicht des Wissenschaftlers zu den Anforderungen an die Kliniken. Vor allem auf die Zusammenarbeit zwischen Patient, Klinik-Ärzten und Therapeuten käme es an und darauf, dass zum Beispiel Trainingsprogramme und Reha-Konzepte einheitlich kommuniziert und vertreten werden. Das ist besonders bei neuen Behandlungskonzepten wichtig, belegen neueste Forschungen.
Rehabilitanden sind bereit, viel für ihre Gesundheit zu tun
Die ersten Zwischenergebnisse einer seit Anfang 2008 laufenden Studie hätte gezeigt, dass für Patienten mit entzündlichen rheumatischen Erkrankungen nicht - wie bisher angenommen - weniger anstrengende Übungen und Ruhe den Erfolg sichern, sondern gezieltes Kraft-, Ausdauer- und Koordinationstraining viel effizienter sei. "Durch das zweimal eineinhalbstündige Training pro Woche, bei dem unter anderem alle Muskelgruppen und die allgemeine Fitness angesprochen werden, aber auch eine motivierende sportliche Komponente enthalten ist, hat sich sowohl der körperliche als auch der psychische Zustand der Patienten nachweislich verbessert." Diese hätten sich sehr positiv geäußert und begrüßt, mit den Trainings nützliche Hinweise für das Verhalten zu Hause bekommen zu haben. Kaum jemand hätte sich durch das neue Behandlungskonzept überlastet gefühlt; 79 Prozent hätten die Belastung als "genau richtig" und 16 Prozent sogar als "zu wenig" eingeschätzt. Die Studie mit knapp 400 Patienten auch läuft noch bis Ende 2010. "Die inzwischen vorliegenden Daten belegen, dass Rehabilitanden bereit sind, viel für ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit zu tun. Sie erwarten aber, dass alle Akteure, die an diesem Prozess beteiligt sind, miteinander kooperieren und sie dabei unterstützen", so Professor Wilfried Mau.
Weichen für die Nachsorge stellen
Das bedeute auch: Schon während einer medizinischen Rehabilitation müssen die Weichen für die Zeit nach dem Klinikaufenthalt gestellt werden. Aufgabe der Reha-Klinik sei es, eine Verhaltensänderung des Patienten einzuleiten, aber auch Hausarzt sowie Fachärzten über die Strategie der Klinik zu informieren. "Vernetzung in der Nachsorge bedeutet zudem, dass geprüft wird, ob eine berufliche Rehabilitation oder stufenweise Wiedereingliederung am vorhandenen Arbeitsplatz angeschlossen werden soll und wie diese aussehen muss, um für diesen Patienten erfolgreich zu sein", weiß Professor Mau. Und ob unterstützende Verbände oder Selbsthilfegruppen eingeschaltet werden können. Ziel sei der dauerhafte Reha-Erfolg. "Dafür muss jeder mit jedem zusammenarbeiten."
Qualitätssicherungsprogramm weiterentwickeln
Auch beim Qualitätssicherungsprogramm der Leistungsträger sieht Professor Mau Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. "Ich halte es für wichtig, dass die Vernetzung noch konkreter unterstützt und abgefragt wird. Der Kostenträger muss wissen wollen, was die Klinik und die Weiterbehandler ganz konkret unternommen haben, damit der Reha-Erfolg auch nach der Entlassung gesichert ist."
Weiterführende Informationen:
- Reha-Kolloquium
Weitere Informationen zum 19. Reha-Kolloquium in Leipzig. - Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland
Die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland ist Mitveranstalter des diesjährigen Reha-Kolloquiums.




