Beratungsprotokolle: Persilschein für Banken?
Verbraucherschützer Niels Nauhauser kritisiert die neuen Beratungsprotokolle der Kreditinstitute.
Niels Nauhauser
Seit Januar müssen Kreditinstitute ein Beratungsprotokoll führen. Konkrete Anforderungen an die Dokumentationspflicht gibt es nicht. Niels Nauhauser, Referent Altersvorsorge, Banken und Kredite bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, sieht im Gespräch mit ihre-vorsorge.de noch Nachbesserungsbedarf.
Wie fällt Ihr Fazit aus: "Hop" oder "top" für das Beratungsprotokoll?
Niels Nauhauser: Nach unseren ersten Beobachtungen erfüllt das Beratungsprotokoll noch nicht den gewünschten Zweck. Oft lassen sich die Angaben und die daraus abgeleiteten Empfehlungen in den Protokollen nicht nachvollziehen.
Ein konkretes Beispiel: Ein Kunde will Geld erneut anlegen, sein Ziel ist laut Beratungsprotokoll Liquidität. Wenn ich ins Protokoll schaue, sehe ich Ungereimtheiten: Einerseits hat er monatlich Einnahmen von 2.600 Euro und Ausgaben von nur 600 Euro. Meine Erfahrung sagt mir, dass es unwahrscheinlich ist, dass er mit 600 Euro über die Runden kommt. Das Vermögen wurde nur in einer Summe erfasst, nicht aber aus welchen Anlagen es besteht und welche Risiken damit verbunden sind. Die Risikobereitschaft wurde nur sehr unspezifisch erfasst. "Geringe Kursschwankungen", wie im Protokoll umschrieben, kann zwei oder 20 Prozent Kursverlust bedeuten. Dem Kunden wurde mit Standard-Begründung ("passt zum Kunden") ein Garantiezertifikat empfohlen, an dem das Kreditinstitut gut verdient, das Protokoll verweist beim Thema Provisionen aber nur auf ausgehändigte andere Unterlagen.
Generell wird immer viel zu schwammig formuliert und zu undifferenziert gefragt, indem nur Ankreuzoptionen vorhanden sind, keine freien Textfelder. Bei solcher Qualität in der Dokumentation muss die Beratungsqualität gleichfalls mangelhaft sein.
Ist das Beratungsprotokoll für Sie ein Schritt nach vorne oder ein Rückschritt?
Nauhauser: Ich habe das Gefühl, dass die Banken die Beratungsprotokolle einsetzen, um für den Schadensfall haftungsfrei zu bleiben, nicht um den Gesprächsablauf zu dokumentieren. Sie sagen dann "Kunde schau hin, Du hast es doch unterschrieben". Wenn sich das erstmal etabliert, muss man von einem Rückschritt sprechen.
Und was raten Sie Verbrauchern?
Nauhauser: Selbst ein Beratungsprotokoll verfassen.
Aber damit sind die meisten doch überfordert.
Nauhauser: Richtig. Daher setzen wir uns auch dafür ein, dass das Problem an der Wurzel gelöst wird. Hier ist der Gesetzgeber gefragt. Die Qualität der Finanzberatung muss überwacht werden. Zudem funktioniert gute Beratung auf Provisionsbasis nicht. Hier gibt es einen unlösbaren Interessenkonflikt. Ähnlich wie bei Lebensmittelkontrolleuren bräuchte man eine Überwachung für die Anlageberatung.
Und was können Verbraucher bis dahin tun?
Nauhauser: Sie können sich in der Politik für Veränderung stark machen und uns unterstützen. Denn die Alternative dürfte vielen nicht gefallen: Sich selber schlau zu machen, z.B. Bücher und Internetseite lesen. Sparer müssen übrigens das Beratungsprotokoll nicht unterschreiben, nur der Berater ist dazu gesetzlich verpflichtet. Wir warnen Verbraucher dringend davor, irgendein Protokoll zu unterschreiben, denn für den Verbraucher hat das keinerlei Vorteile.
Was kostet die Beratung durch eine Verbraucherzentrale?
Nauhauser: Die Beratungspreise unterscheiden sich je nach Verbraucherzentrale. Bei uns in der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg kosten zwei Stunden 140 Euro.
Das Geld muss auch erst mal erwirtschaftet werden.
Nauhauser: Glauben Sie mir: Die Beratung lohnt sich immer. Denkt man allein an den Fall, was man spart, wenn man nicht die erst beste Riester-Rentenversicherung nimmt, sondern sauber auswählt. Die günstigsten Produkte verkauft eben niemand. Oder nehmen Sie den Verbraucher, der noch teuere Darlehen zurückzahlt: es ist viel lukrativer, erst Schulden zu tilgen und dann an die Altersvorsorge zu gehen.
Erhalten Sparer bei Ihnen denn auch ein Beratungsprotokoll?
Nauhauser: Aber sicher! Wir dokumentieren die Beratung schon seit vielen Jahren.




