"Crashkurs in Kommunikation"
Wie erkläre ich die Bilder aus Japan Kindern? Diplom-Psychologe Oliver Gießler-Fichtner über den komplizierten Spagat zwischen kindlichem Informationsbedürfnis und der Gefahr der Traumatisierung.
Diplom-Psychologe Oliver Gießler-Fichtner
Die Bilder von den Folgen des Erdbebens in Japan sind selbst für viele Erwachsene eine Herausforderung: Verwüstete Landstriche, vom Tsunami verschluckte Städte, zerrissene Familien, Obdachlosigkeit und über allem die unsichtbare Gefahr radioaktiver Strahlung. Wie können Erwachsene ihren Kindern diese Katastrophe erklären, welche Antworten können sie geben und müssen sie ihren Nachwuchs vor ängstigenden Bildern in den Medien schützen? Fragen an den Diplom-Psychologen Oliver Gießler-Fichtner. Er betreut als leitender Psychologe an der Fachklinik Gaißach der Deutschen Rentenversicherung Süd auch viele junge Patienten.
Herr Gießler-Fichtner, sollten Eltern Kinder von den Nachrichten fernhalten?
Gießler-Fichtner: Je nach Alter wird das schwer möglich sein. Eltern müssen derzeit tatsächlich einen komplizierten Spagat vollbringen zwischen kindlichem Informationsbedürfnis und der Gefahr ein Trauma auszulösen. Die Bilder aus Japan können beim Nachwuchs großen Stress auslösen. Kinder fragen sich: Wie ist es um meine eigene Sicherheit bestellt? Das ist ganz natürlich. Wenn Kinder die Katastrophe in Japan mitbekommen, wäre es ein großer Fehler, das Thema zu tabuisieren. Kommt das Thema auf, sollten Eltern den Schutzgedanken vor die Angst stellen. Hilfreich kann dabei auch das gemeinsame Betrachten von behutsamen Kindernachrichten sein - zum Beispiel die Sendung "Logo" im Kinderkanal.
Wie geht man ein solches Gespräch an?
Gießler-Fichtner: Wie bei allen Problemthemen, sollten Erwachsene dafür genügend Zeit einplanen. Oft reichen bei Kindern schon fünf bis zehn Minuten für die Befriedigung erster Informationsbedürfnisse. Gehetzt auf dem Weg zur U-Bahn klappt das also nicht. Wichtig ist auch der Ort: Am meisten Sicherheit vermittelt das Zuhause. Wenn es das Kind will, sollten Eltern Körperkontakt zulassen - das Kind etwa auf den Schoß nehmen. Auch Ruhe ist gut. Um das kleinere Geschwisterchen kann sich in diesem Moment vielleicht der zweite Elternteil kümmern.
Und wie lässt sich das heikle Thema dann diskutieren?
Gießler-Fichtner: Schlecht wäre ein belehrender Monolog. Besser ist eine narrative - also erzählerische - Gesprächsführung. Eltern sollten sich im Gespräch vortasten, dem Kind immer wieder die Möglichkeit für eigene Einschätzungen und Fragen geben. Ein Rat ist es, zu "defokussieren": Ähnlich wie in der Sexualaufklärung müssen Kinder nicht sofort alle Details kennen. Bei einigen Kindern versickert das Informationsbedürfnis schon nach wenigen Minuten. Dann sollten Eltern auch stoppen und nicht das Thema vorantreiben. Oft kommt es vor, dass Kinder unvermittelt nach Tagen wieder nachfragen. Dann gilt es das Gespräch wieder fortzusetzen.
Am Anfang unseres Gesprächs sagten Sie, dass für Kinder der Schutzgedanke wichtig ist. Was, wenn das Kind fragt, ob solche Unglücke auch in Deutschland passieren können? Kernschmelze, Fluten und Erdbeben sind schließlich auch in Deutschland möglich.
Gießler-Fichtner: Ehrlich bleiben. Diese Unglücke sind nun mal möglich. Auch hier sollten Eltern wieder narrativ vorgehen. Beispiel: Der Sohn fragt, ob es auch in Deutschland Riesen-Wellen gibt. Antwort des Erwachsenen: Überleg doch mal, wo es in Deutschland Meer gibt. Das Kind weiß vom letzten Urlaub, dass es die Nordsee gibt. Also kann es auch Riesen-Wellen in Deutschland geben, aber eben nur am Meer. Das gleiche gilt für Reaktorunfälle. Solche Katastrophen sind in Deutschland möglich, wenngleich auch sehr selten. Mit dieser Unsicherheit müssen wir leben lernen. Und wenn Eltern diese Unsicherheit gelassen vermitteln, sehen Kinder, dass man mit ihr leben kann. Wichtig ist ferner, das Eltern "Lösungen" anbieten.
Was für Lösungen meinen Sie? Wir können doch keine Atomkraftwerke abschalten.
Gießler-Fichtner: Das meine ich nicht - Lösungen eher im Sinn einer Aktion. So können gläubige Eltern mit ihren Kindern für japanische Familien beten. Eine andere Lösung wäre es mit den Kindern zu überlegen, wie sich Energie im Haushalt einsparen lässt. Oder auch Gedanken dazu entwickeln lassen, was sichere Energiequellen auszeichnet.
Lassen sich die Ratschläge auch auf andere Themen übertragen?
Gießler-Fichtner: Ja. Die Wucht der Katastrophe zwingt einigen Eltern einen Crashkurs in Kommunikation auf. Aber es wird immer wieder Situationen im Leben geben, die uns herausfordern. Wie wir jetzt mit Kindern die erschütternde Katastrophe von Japan thematisieren, wird ihnen später bei der Bewertung anderer Probleme helfen.
Mehr Informationen
- www.tivi.de
Fernsehnachrichten für Kinder - www.flimmo.de
Portal mit Tipps zum Umgang mit Medien.




