Prävention statt Rehabilitation
Die Menschen werden älter, chronische Krankheiten nehmen zu, das Renteneintrittsalter steigt. Um die Leistungsfähigkeit erfahrener Fachkräfte bis zum Erreichen ihres Renteneintrittsalters zu erhalten, hat die Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland das Projekt FEE entwickelt.
Dr. Ina Überschär
Wie das Projekt funktioniert und wer von den Maßnahmen profitiert, erklärt Dr. Ina Ueberschär. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland. Die Medizinerin leitet auch den Bereich Koordination Reha-Einrichtungen und Sozialmedizin.
Was verbirgt sich hinter FEE?
Dr. Ina Überschär: Das ist die Abkürzung für "Frühintervention zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit". Mit Hilfe von FEE sollen solche Lebens- und Arbeitsstrategien gefördert werden, die helfen, möglichst lange gesund beruflich aktiv bleiben zu können. Die Arbeitnehmer sollen ihren Arbeitsalltag wieder ohne gesundheitliche Probleme meistern können.
Warum wurde FEE entwickelt?
Dr. Ina Überschär: Vor allem aus drei Gründen: Die Menschen werden immer älter, aber auch chronisch kränker. Der Fachkräftemangel nimmt durch Geburtenknick und Abwanderung in die alten Bundesländer zu, und zwar vor allem in Mitteldeutschland. Und das Renteneintrittsalter wird schrittweise auf 67 Jahre erhöht. Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, ein frühzeitiges Ausscheiden der Arbeitnehmer aus dem Berufsleben zu verhindern. Auch die gesetzliche Rentenversicherung muss ihren Teil dazu beitragen, dass die Menschen möglichst lange gesund im Berufsleben stehen und ihre Erwerbsfähigkeit und damit ihren Arbeitsplatz erhalten können.
An wen genau richtet sich das Projekt?
Dr. Ina Überschär: Wir wollen vor allem auch ältere Arbeitnehmer in kleinen und mittelständischen Unternehmen erreichen. Und zwar diejenigen, die besonderen beruflichen Belastungen ausgesetzt sind und bei denen bereits erste gesundheitliche Störungen vorliegen. Gefährdete Versicherte sollen rechtzeitig erkannt werden, um durch ein spezielles, auf individuelle Defizite ausgerichtetes Programm ihre Leistungsfähigkeit zu erhalten, möglichst sogar zu erhöhen.
Ein wichtiges Angebot, was es aber nicht umsonst gibt. Steht FEE nicht im Widerspruch zum Reha-Budget?
Dr. Ina Überschär: Die Befürchtung liegt nahe, denn natürlich fallen für FEE auch Kosten an. Aber: Bei dem spezifischen Adressatenkreis müssten wir früher oder später ohnehin Rehabilitationsleistungen erbringen oder gar Erwerbsminderungsrenten zahlen. Genau das soll vermieden werden. Die Kosten für Präventivleistungen sind erheblich geringer als die für rehabilitative Leistungen. Deshalb gilt nicht nur der Grundsatz "Reha vor Rente", sondern der mindestens ebenso wichtige Grundsatz "Prävention anstatt Rehabilitation"!
Welche Voraussetzungen müssen die Teilnehmer erfüllen?
Dr. Ina Überschär: Grundvoraussetzung ist, bei der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland rentenversichert zu sein. Neben beginnenden Gesundheitsstörungen, wie zum Beispiel Rückenproblemen oder Gelenkbeschwerden, müssen auch problematische Arbeitsbedingungen vorliegen. Dazu gehören hohe körperliche oder psychosoziale Belastungen, Schichtarbeit, monotone Arbeitshaltungen oder belastende äußere Faktoren wie Lärm, Hitze, Nässe usw. Wichtig ist zudem, dass individuelle gesundheitliche Risikofaktoren wie Übergewicht, Bewegungsmangel, Schlafstörungen u. ä. gegeben sind.
Wie läuft FEE ab?
Dr. Ina Überschär: Das Projekt wird in Gruppen durchgeführt und beginnt mit einer einwöchigen Initialphase - stationär oder ganztägig ambulant. Hier werden die Teilnehmer dafür sensibilisiert, dass sie selbst viel für ihre Gesundheit und Leistungsfähigkeit tun können und sollen. Daran schließt sich eine zwölfwöchige berufsbegleitende Trainingsphase an. Unter Anleitung wird zweimal pro Woche 90 Minuten vor oder nach der Arbeit trainiert - und zwar wohn- bzw. arbeitsortnah in einem ambulanten Reha-Zentrum. Am Abschlusstag wird der Fitnesszustand dokumentiert und Empfehlungen ausgesprochen, wie das Training fortgeführt werden sollte. Sechs Monate später wird der Teilnehmer dann noch einmal eingeladen, um zu kontrollieren, wie fit er jetzt ist und welche nachhaltigen gesundheitlichen Veränderungen es bei ihm gibt. Außerdem erhält er Hinweise, wie er in Zukunft weiter trainieren soll.
Wo genau erfolgt die einwöchige Initialphase?
Dr. Ina Überschär: Wenn sie stationär durchgeführt wird, in der Reha-Klinik Gesundheitspark Bad Gottleuba, und wenn sie ganztägig ambulant erfolgt in der Medica-Klinik in Leipzig.
Werden die Teilnehmer dafür krankgeschrieben?
Dr. Ina Überschär: Nein. Der Versicherte bezieht weiter sein Gehalt, auch wenn er seinem Arbeitgeber an diesen fünf Tagen nicht zur Verfügung steht. Der Arbeitgeber muss zwar eine Woche auf seinen erfahrenen Arbeitnehmer verzichten, bekommt aber durch FEE anschließend einen gesünderen und leistungsfähigeren Arbeitnehmer.
Das heißt, der Arbeitgeber zahlt dafür, dass jemand abwesend ist. Ist das realistisch?
Dr. Ina Überschär: Wir denken schon. In großen Firmen hat man längst erkannt, dass für den Erfolg des Unternehmens Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Motivation gerade auch der älteren Mitarbeiter sehr wichtig ist. In kleinen und mittelständischen Betrieben gibt es da noch Handlungsbedarf. Aber nach und nach wird man sich auch hier bewusst, frühzeitig etwas für die älter werdende Belegschaft tun zu müssen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Eine Woche Abwesenheit durch FEE ist rentabler als häufige Ausfälle durch Arbeitsunfähigkeit, eine längere medizinische Rehabilitation oder gar ein vorzeitiges Ausscheiden des erfahrenen Facharbeiters.
Wer profitiert von FEE?
Dr. Ina Überschär: Eine Beteiligung ist für alle von Vorteil: Die Arbeitnehmer bleiben gesünder und damit leistungsfähiger. Das erhöht ihre Lebensqualität. Die Arbeitgeber müssen weniger auf ihre Fachkräfte verzichten, da die Anzahl der krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeitstage sinkt und sich die Gefahr der vorzeitigen Erwerbsunfähigkeit verringert. Damit erhöht sich die Wettbewerbsfähigkeit des einzelnen Betriebes; letztlich gewinnt aber auch die Volkswirtschaft insgesamt. Die Rentenversicherung (und damit die Versichertengemeinschaft), aber auch die Krankenversicherung sparen Geld, das sie sonst für Erwerbsminderungsrenten bzw. Heilbehandlungen ausgeben müssten. Eine klassische Win-Win-Situation, die sich allerdings nicht im Selbstlauf ergibt. Damit sich präventive Maßnahmen als Leistungsangebot der Rentenversicherung etablieren, müssen diese aber sowohl von den Arbeitgebern als auch von den Versicherten akzeptiert und unterstützt werden.
Wie erfahren die Arbeitnehmer von dem Projekt?
Dr. Ina Überschär: Wir stellen uns vor, dass die Betriebs- und Werksärzte die in Frage kommenden Arbeitnehmer ermitteln, ansprechen, über das Programm informieren und die Anträge initiieren. Ihnen kommt in dem Projekt deshalb eine herausragende Bedeutung zu. Aber auch die Hausärzte können die Teilnahme ihrer Patienten anregen. Und natürlich können auch die Arbeitnehmer selbst an die Ärzte herantreten.
Und wenn ein Arbeitnehmer, Arbeitgeber oder Arzt noch weitere Informationen von der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland benötigt ...?
Dr. Ina Überschär:... dann findet er diese im Internet. Dort kann man sich auch die notwendigen Antragsformulare herunterladen. Diese gibt es aber auch in jeder Auskunfts- und Beratungsstelle in Mitteldeutschland.
- Deutsche Rentenversicherung Mitteldeutschland
Direkter Link auf die Broschüre "Frühintervention zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit" auf den Internetseiten der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland. Auskünfte gibt es auch bei in jeder Auskunfts- und Beratungsstelle der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland. - Rubrik Gesundheit
Weitere Informationen rund um Reha-Themen auf dieser Internetseite.




