Gesundheit
01.02.12Weniger Vorurteile bei ADHS
Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung bei Kindern nimmt zu

Offenbach (fm). Immer mehr Kinder zeigen bereits in den ersten Schulklassen psychische Auffälligkeiten mit Symptomen von Konzentrationsstörungen und motorischer Hyperaktivität. Sind alle diese Kinder krank? Welche unter ihnen benötigen Hilfe? Und welche Hilfen, Therapien und Förderung brauchen sie wirklich? Die Stiftung Kindergesundheit machte diese Fragen in Zusammenarbeit mit der Deutschen Kinderhilfe im Dezember 2011 zum Gegenstand eines wissenschaftlichen Symposiums unter dem Motto: "ADHS in unserer Gesellschaft – wie wir damit umgehen können".
"Zappelphilipp" verniedlicht das Problem
"Die Strung ist real und ihre Existenz längst nicht mehr umstritten. Durch die volkstümliche Bezeichnung ‚Zappelphilipp’ wird das Problem lediglich verniedlicht", sagt Professor Berthold Koletzko, Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. Die betroffenen Kinder seien oft aufgedreht, mit fast aggressivem Bewegungsdrang, seien aufbrausend, mit unvermittelten Wutausbrüchen. Andere könnten sich nicht konzentrieren, nicht zuhören, seien leicht ablenkbar. Die Eltern seien oft verzweifelt.
Kinder- und Jugendpsychiater Professor Martin Schmidt vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit Mannheim wies den Vorwurf zurück, dass nicht das Kind das Problem sei, sondern die Industriegesellschaft, die keine unruhigen Kinder dulde. Kinder mit ADHS gebe es auch in Uganda oder Mexiko.
Beginn schon im Vorschulalter
Das größte Problem liegt in der gestörten Konzentrationsfähigkeit mit Beginn schon im Vorschulalter: Das Kind wechselt die Spiele schnell, weiß oft nicht, was es machen soll und hat dann schlechte Laune. Das Zusammenspiel mit anderen Kindern ist oft gestört, weil das Kind die Spielregeln nicht einhält, es ist ungestüm und frech und wird schon bald von anderen Kindern gemieden.
Nach aktuellen Daten haben insgesamt haben 4,8 Prozent aller Drei- bis 17-Jährigen eine ärztlich oder psychologisch diagnostizierte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung, Jungen mit 7,9 Prozent wesentlich häufiger als Mädchen (1,8 Prozent). Der große Unterschied zwischen den Geschlechtern besteht in allen Altersgruppen.
Es geht um bessere Chancen fürs Kind
Kinder mit einer diagnostizierten ADHS gehen zu 60 Prozent seltener aufs Gymnasium als unbelastete Kinder. Das sei ungerecht, sagt Professor Schmidt: "Darf man ihnen den Weg ins Gymnasium verwehren, ihnen also eine Ausbildung zumuten, die ihren Fähigkeiten nicht angemessen ist, nur um eine Behandlung mit Stimulanzien zu vermeiden?"
Die Eltern brauchen im Durchschnitt zwei Jahre, bis sie eine endgültige Diagnose haben. 38 Prozent müssen dazu drei oder mehr Ärzte konsultieren. Und es ist nicht leicht, für das einzelne Kind mit einer ADHS die optimale Behandlung zu finden. Zur Behandlung der ADHS stehen mittlerweile mehrere Medikamente zur Verfügung,
Professor Koletzko resümierte nach der erfolgreichen Tagung: "Die Fachleute sind sich einig, dass eine ausschließlich medikamentöse Behandlung von ADHS ungenügend ist. Notwendig sind vielmehr ganzheitliche Therapien, die je nach Situation des Kindes sowohl die medikamentöse Behandlung als auch psychoedukative und psychotherapeutische Maßnahmen, und entsprechende Rahmenbedingungen in den Regeleinrichtungen der Betreuung, Bildung und Ausbildung umfassen." Die Erfolg versprechende medikamentöse Therapie dürfe aber nicht länger verteufelt werden. Sie könne Nebenwirkungen haben. Aber ihr Nutzen für das spätere Schicksal der Kinder sei deutlich höher als ihre tatsächlichen oder theoretischen Risiken.
Weitere Informationen:
- www.kindergesundheit.de
Newsletter der Stiftung Kindergesundheit



