Rente
07.06.11"Umlageverfahren ohne Alternative"
Experte Franz Ruland: Gesetzliche Rente lässt sich nicht mehr kapitalgedeckt finanzieren.

Bad Homburg (sth). Das zur Finanzierung der gesetzlichen Rentenversicherung verwendete Umlageverfahren ist nach Ansicht des Vorsitzenden des Sozialbeirats der Bundesregierung, Franz Ruland, "ohne Alternative". In der Neuausgabe des "Handbuchs der Rentenversicherung" begründet Ruland seine Einschätzung damit, dass für eine Kapitalabdeckung der Ansprüche an die Rentenversicherung inzwischen "über acht Billionen Euro (8.000 Milliarden, Anm. d. Red.) notwendig" seien. Zum Vergleich: Der Bundeshaushalt 2011 umfasst nach Angaben des Bundesfinanzministeriums knapp 306 Milliarden Euro, also nicht einmal vier Prozent des benötigten Deckungskapitals.
Bei einer solchen Vermögensmasse "würden sich die Unterschiede zwischen dem Kapitaldeckungs- und dem Umlageverfahren weitgehend vermischen", so dass sie letztlich "nicht zu realisieren" sei, so Ruland. Die Renten könnten in diesem Fall wieder "nur aus dem laufenden Bruttosozialprodukt erwirtschaftet" werden. Das gebundene Kapital könne dann selbst "keinen Beitrag mehr zur Finanzierung der Renten leisten", argumentiert Ruland, der bis 2005 Chef des früheren Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger war. Das Umlageverfahren sei daher für den Gesetzgeber "ein Weg ohne Umkehr".
Umlageverfahren nicht demographieanfälliger als Kapitaldeckung
Obwohl die Umlagefinanzierung - vielfach auch als "Generationenvertrag" bezeichnet - eine ausreichende Zahl von Nachkommen oder eine höhere Zuwanderung benötigt, sieht Ruland das Umlageverfahren nicht als "demographieanfälliger" an als das Kapitaldeckungsverfahren. Auch diese Systeme seien gegen eine schrumpfende Bevölkerung "nicht immun". Gebe es nicht genügend Kinder, könne das angesparte Kapital "nicht entspart und als Rente ausgezahlt werden", schreibt der Rentenexperte. Deshalb seien Aktienmärkte mit Blick auf die weltweiten Alterungsprozesse "ähnlichen Risiken ausgesetzt wie umlagefinanzierte Alterssicherungssysteme".
Zudem habe sich gerade während der Finanzmarktkrise ab dem Herbst 2008 "eindrucksvoll bestätigt, dass die Rentenversicherung gerade wegen ihres Umlageverfahrens wirtschaftliche Krisen besser übersteht" als kapitalgedeckte Alterssicherungssysteme, so Ruland. Auch die Sozialunion im Zuge der deutschen Wiedervereinigung sei "ohne die umlagefinanzierte Rentenversicherung nicht möglich gewesen". Aufgrund der jeweiligen Stärken und Schwächen der Finanzierungsformen gehe es heute "nicht mehr um ein 'Entweder - Oder', sondern um das richtige Mischungsverhältnis" von Umlage- und Kapitaldeckungsverfahren.
- Gesetzliche Rente
Rentenarten, Beratungsstellen und Rentenversicherungsträger im Überblick. - www.ihre-vorsorge.de/magazin/nachrichten/rente/news-single/article/handbuch-der-rentenversicherung-neu.html
Autor: Stefan Thissen



