Soziales
01.12.11Dörfersterben
Viele Orte leiden unter einem enormen Einwohnerschwund

Bad Homburg (fm). Von den etwa 190 Orten des Vogelsbergkreises haben knapp 130 Dörfer weniger als 500 Einwohner. Fast alle Orte haben zwischen 2004 und 2010 Einwohner verloren, fünf Dörfer sogar mehr als 15 Prozent. Lediglich 13 Dörfer konnten ihre Einwohnerzahl stabil halten oder sogar wachsen. Auch auf Ebene der 21 Gemeinden sind nur Verluste zu vermelden.
Grafik: Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.
Im thüringischen Landkreis Greiz fallen die Extremwerte für Wachstum, aber auch für Schrumpfung größer aus. Während zwölf Orte zwischen 2004 und 2009 mehr als fünf Prozent Bevölkerung hinzugewannen, haben 19 Orte mehr als 15 Prozent ihrer Einwohner verloren.
Ungewisse Zukunft
Viele Orte blicken angesichts eines enormen Einwohnerschwunds in eine ungewisse Zukunft. Im Vogelsbergkreis fällt ein Sechstel, in Greiz sogar ein Fünftel der Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern in einen als kritisch zu bewertenden Risikobereich. Politik und Kommunalplanung brauchen eine klare Strategie zur Zukunft des ländlichen Raumes.
Gebiete mit stärksten Bevölkerungsverlusten
Der Landkreis Greiz in Thüringen und der Vogelsbergkreis in Hessen sind typische Beispiele für ländliche Regionen, die massiv unter dem demografischen Wandel leiden. Sie gehören zu den Gebieten mit den stärksten Bevölkerungsverlusten in Ost- beziehungsweise Westdeutschland. Den Kreisen gingen zwischen 2004 und 2010 neun respektive sechs Prozent der Einwohner verloren. Der Landkreis Greiz dürfte bis 2025 ein weiteres Viertel seiner Bewohner verlieren – und damit auch einige seiner zahlreichen kleinen Dörfer.
Bevölkerung konzentriert sich in größeren Orten
Im Vogelsbergkreis verläuft die Entwicklung dabei wie im Lehrbuch: Kleinere Orte verlieren tendenziell stärker Bevölkerung als größere und solche, die weiter von städtischen Zentren und von Infrastruktureinrichtungen entfernt liegen, schrumpfen stärker als Dörfer in deren Nähe. Dieser Konzentrationsprozess der Bevölkerung auf größere und zentraler gelegene Orte ist überall dort in Deutschland zu beobachten, wo die Einwohnerzahlen sinken. Innerhalb von nur sechs Jahren hat mehr als ein Viertel aller Dörfer am Vogelsberg mit weniger als 500 Einwohnern zwischen zehn und 22 Prozent der Bevölkerung verloren.
Verwerfungen der Wendezeit
Im Kreis Greiz wirken dagegen noch immer die Verwerfungen der Wendezeit nach: Einerseits sind durch den Zusammenbruch ganzer Branchen zwischen 1991 und 2009 fast 40 Prozent der ursprünglichen Arbeitsplätze verloren gegangen und vor allem junge Menschen sind auf der Suche nach Arbeit fortgezogen. Andererseits war es erst nach der Wende möglich, Neubausiedlungen auf der grünen Wiese zu errichten. Manche Orte haben dadurch neue Bewohner angezogen, verfügen heute noch über eine vergleichsweise junge Bevölkerung und dürften vorerst stabil bleiben.
Insgesamt ist die demografische Lage im thüringischen Kreis Greiz dramatischer als im Vogelsbergkreis: Auch wenn zwischen 2004 und 2009 knapp ein Fünftel der Dörfer stabil bleiben oder gar wachsen konnte, hatte fast ein Drittel der etwa 200 kleinen Dörfer Bevölkerungsverluste zwischen zehn und 30 Prozent zu verbuchen.
Positive Faktoren
Nach den Untersuchungen des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung wirken sich folgende Faktoren positiv auf die demografische Entwicklung aus:
- kompakte Dörfer,
- Neubausiedlungen (leer stehende oder gar verfallende Gebäude sowie langgestreckte, unstrukturierte Orte stehen eher für demografischen Schwund)
- eine attraktive landschaftliche Lage,
- eine aktive Bürgerschaft mit einem regen Vereinsleben
- Dorfgröße,
- die Erreichbarkeit von Oberzentren mit wichtigen öffentlichen Einrichtungen
- und die Altersstruktur der Bevölkerung auf die Zukunftsfähigkeit der Dörfer aus.
Weniger als 20 Einwohner
Aus diesen Kriterien wurde das Gefährdungspotenzial der Orte abgeschätzt. Im Ergebnis fällt im Landkreis Greiz ein Fünftel der 196 kleinen Dörfer in einen kritischen Risikobereich und ist im Bestand gefährdet. Fünf dieser Siedlungen zählen mittlerweile weniger als 20 Einwohner. Vier Orte haben in nur sechs Jahren mehr als 20 Prozent ihrer Bewohner verloren. In zwölf Greizer Dörfern gibt es kein einziges Kind unter sechs Jahren mehr.
Im hessischen Vogelsbergkreis sind die Dörfer tendenziell größer als in Thüringen, die Bevölkerung ist jünger und das Vereinsleben ist deutlich stärker ausgeprägt. Hier fällt ein Sechstel aller Dörfer mit weniger als 500 Einwohnern in einen als kritisch zu bewertenden Risikobereich. Drei der kritischen Dörfer haben zwischen 2004 und 2010 mehr als 15 Prozent ihrer Einwohner verloren, zwei weitere sogar mehr als 18 Prozent.
Perspektiven offen diskutieren
Das Berlin-Institut fordert, ehrlich mit den Bürgern betroffener Siedlungen umzugehen und die voraussichtliche Entwicklung der Dörfer offen zu diskutieren. Nur so können die Bürgerinnen und Bürger realistisch ihre Zukunft planen. Generell sei in Bundesländern mit sehr kleinen Kommunen die Bildung von Großgemeinden zu empfehlen, sie dann aber auch mit mehr Handlungsspielräumen und einem Regionalbudget auszustatten.
Weitere Materialien:
- www.berlin-institut.org
Studie "Die Zukunft der Dörfer"



