Nachgefragt / 10.05.2016

Auf dem Fußboden gekrochen und dann aktiv geworden

Elsbeth Rütten (67), gelernte Krankenschwester aus Bremen, kann sich über die neue „Übergangspflege“ der gesetzlichen Krankenkassen ganz besonders freuen: Sie war nach einem Krankenhausaufenthalt selbst von der bisherigen Versorgungslücke betroffen und hat durch eine Petition an den Deutschen Bundestag mit dazu beigetragen, dass diese Lücke geschlossen wurde.

Frau vor Mann im Rollstuhl – Bildnachweis: wdv © J.Lauer

Was haben Sie selbst nach der Entlassung aus dem Krankenhaus erfahren müssen?

Elsbeth Rütten: Das war 2005. Damals hatte ich eine große Fußoperation. Die OP verlief zwar gut, doch mein Fuß brauchte lange Zeit für die Heilung. Ich durfte zwölf Wochen lang nicht auftreten, war aber nur zwei Wochen im Krankenhaus. Dann wurde ich nach Hause entlassen. Mein Fuß war bis zum Knie im Gips. Ich kam also gar nicht mehr aus dem Haus raus. Wie sollte ich so als Alleinstehende klarkommen? Ich hatte zwar von meiner Kasse ein Krankenbett bekommen. Ich hatte mich auch gut vorbereitet, hatte mich zum Beispiel um Essen auf Rädern gekümmert. Was ich aber nicht bedacht hatte, waren diese zwölf Wochen, in denen ich mich irgendwie zu Hause versorgen musste. Ich habe dann nach drei, vier Tagen bei meiner Krankenkasse angerufen und erfuhr dann, dass man nichts für mich tun konnte. Man sagte mir: „Falsche Krankheit, falsche Zeit, Pech gehabt!“

Wie haben Sie sich denn zu Hause versorgt?

Elsbeth Rütten: Man muss ja irgendwie versuchen, zu Hause an seine Sachen zu kommen. Teilweise gelang mir das mit einer Unterarmgehhilfe, teilweise bin ich aber auch auf dem Fußboden gekrochen. Oder ich habe mir den Toilettenstuhl mit Rollen genommen und das Knie darauf abgelegt, so bin ich dann durch die Wohnung gerollert – einfach um von einem Zimmer ins nächste zu kommen.

Was hätte Ihnen denn geholfen?

Elsbeth Rütten: Ich hätte schlicht und einfach ein- bis zweimal die Woche jemanden gebraucht, der für mich einkauft oder die Wäsche in die Waschmaschine im Keller steckt und anschließend wieder hochholt. Ich brauchte einfach Hilfen im hauswirtschaftlichen Bereich. Ich habe aber immer noch eine glückliche Situation gehabt, weil mich Freundinnen unterstützt haben. Doch wer so ein soziales Netzwerk nicht hat, der hängt wirklich völlig in den Seilen.

Ihre Erfahrungen haben Sie dann dazu gebracht, aktiv zu werden?

Elsbeth Rütten: Zuerst habe ich meinen eigenen Fall durchdekliniert und habe bei allen – bis zum Gesundheitsministerium – mal nachgefragt, was für Möglichkeiten man als Betroffene in so einer Situation hat: Man wird also aus dem Krankenhaus entlassen, braucht Hilfen, ist aber nicht pflegebedürftig im Sinne der Pflegeversicherung. Dabei habe ich festgestellt, dass einem außer vielen Worten nichts Konkretes an die Hand gegeben werden konnte. Nur Schulterzucken – das sei eben so, das wäre alles easy, nur bei ein paar älteren Menschen wäre es etwas problematisch wegen der Fallpauschalen im Krankenhaus.

Was hat das denn mit den Fallpauschalen zu tun?

Elsbeth Rütten: Seit 2004 ist die Krankenhausfinanzierung umgestellt worden. Seitdem gibt es für die jeweiligen Diagnosen sogenannte Fallpauschalen. Das bedeutet beispielsweise: Für einen Patienten, bei dem eine Blinddarm-OP vorgenommen wird oder bei dem eine künstliche Hüfte eingesetzt wird, erhalten die Krankenhäuser im Prinzip überall das Gleiche – egal wie lange ein Patient im Krankenhaus bleibt. Das setzt natürlich Anreize für eine frühzeitige Krankenhausentlassung. Vorher – also vor 2004 – sind Patienten oft lange im Krankenhaus geblieben, was durchaus reformierwürdig war. Danach ist das ins Gegenteil gekippt. Manche sprachen gar von einer „blutigen Entlassung“.

Sind nur die Fallpauschalen dafür verantwortlich, dass sich die Probleme beim Übergang vom Krankenhaus nach Hause häufen?

Elsbeth Rütten: Nein. Da kommt mehr hinzu. Wir werden ja heute auch ganz anders krank und gesund. Wir können heute bis ins hohe Lebensalter eine Reha mitmachen. Und wir kommen heute weit häufiger in die glückliche Situation, dass wir etwa nach einer Operation oft auch bis ins hohe Lebensalter wieder genesen, dass aber der eigentliche Genesungsprozess zu Hause stattfindet. Und darauf muss das Gesundheitssystem reagieren.

Das haben Sie dann versucht, einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen …

Elsbeth Rütten: Ja, ich habe mich an die Presse gewandt in Bremen und der erste Aufruf führte schon dazu, dass sich innerhalb von vier Stunden 20 Menschen meldeten und sagten: „Das Problem kenne ich.“ Und dann haben wir das systematisiert, haben uns zunächst an die Krankenkassen gewandt, aber letztlich gesehen, dass nur der politische Weg der einzig sinnvolle ist.

Was heißt „der politische Weg?“

Elsbeth Rütten: Wir haben dann einen Verein gegründet, der zunächst „Ambulante Versorgungslücken e.V.“ hieß. Ich bin dann in Berlin bei den gesundheitspolitischen Sprechern aller Parteien Klinken putzen gegangen. Wir haben eine Petition gestartet, die schließlich insgesamt 25.000 Unterschriften erbracht hat. Sie zielte darauf ab, die Versorgungslücke während der Genesung daheim nach einem Krankenhausaufenthalt zu schließen, die entstand, weil viele Krankenkassen die Kosten einer Haushaltshilfe nicht übernahmen. Und der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages hat uns auch Recht gegeben, dass beim Übergang vom Krankenhaus in den häuslichen Bereich unbedingt Nachbesserungsbedarf besteht. Dadurch wurden schließlich die Gesetzesänderungen der letzten Jahre angestoßen. Seit Anfang dieses Jahres gibt es nun die neue Übergangspflege nach einem Krankenhausaufenthalt oder einer ambulanten Operation.

Ihr Verein bietet nun aber auch selbst „ambulante Versorgungsbrücken“ an…

Elsbeth Rütten: Unser Verein heißt jetzt „Ambulante Versorgungsbrücken e.V.“ Er berät heute Betroffene und unterstützt sie dabei, wenn Brücken in die Genesung erforderlich werden. Wir haben einen Leitfaden erstellt, der Menschen sowohl auf den Krankenhausaufenthalt als auch auf die Genesungsphase vorbereitet. Er schildert, was Patienten den Arzt vor einer Operation fragen sollten, damit sie vorher darüber im Bilde sind, was nachher auf sie zukommt. Die Krankenhäuser und Ärzte wissen meist sehr genau, wenn sie Patienten aufnehmen, wann sie diese wieder entlassen. Das ist heute alles durchstrukturiert. Aber die Patienten wissen das vorher eben nicht. Und da muss man die Ärzte und Krankenhäuser, aber auch die Kassen fordern, damit diese einem vorher schon sagen, wie es nachher weitergehen kann - und eben alles vorher genau geplant und durchorganisiert werden kann. In den Krankenhäusern ist dafür der Sozialdienst der wichtigste Ansprechpartner.

Haben Sie und Ihr Verein schon Erfahrungen mit der neuen gesetzlichen Regelung?

Elsbeth Rütten: Ja. Bislang läuft das relativ problemlos. Ich habe schon erfahren, dass Menschen von ihrer Krankenkasse das entsprechende Okay sowohl für die Kurzzeitpflege als auch die häusliche Versorgung bekommen haben. Aber derzeit ist ja alles noch im Übergang. Ich bin da noch zurückhaltend, was tatsächlich für die Zukunft daraus wird. Denn noch sind die Krankenkassen gerade dabei, sich darauf einzustellen.

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Autor

Rolf Winkel