Nachgefragt / 05.11.2015

Die Mauer fällt – Interview mit Karl-Heinz Klocke

Wie bekamen die Versicherten der DDR-Sozialversicherung nach der Wende ihre Rente? Im Jubiläumsjahr der Wiedervereinigung erinnert sich der Pressesprecher der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg.

Rentnerin mit Buch – Bildnachweis: wdv © K.Koch

Seit 25 Jahren ist Deutschland wiedervereint, vor 26 Jahren fiel die Mauer. Was heute selbstverständlich ist, musste damals erst aufgebaut werden – auch die Deutsche Rentenversicherung in den neuen Ländern und Ostberlin. ihre-vorsorge.de sprach darüber mit Karl-Heinz Klocke, dem heutigen Pressesprecher der Deutschen Rentenversicherung Berlin-Brandenburg. Zur Zeit der Wiedervereinigung kümmerte er sich als Mitarbeiter der Rentenversicherungsabteilung der Landesversicherungsanstalt (LVA) Berlin gemeinsam mit Kollegen vor Ort darum, dass die Versicherten der ehemaligen DDR-Sozialversicherung ihre Renten bekamen und dass die Rentenversicherung auch in Ostberlin arbeiten konnte.

Wie haben Sie die Tage der Mauerfalls erlebt?

Karl-Heinz Klocke: Der Mauerfall war natürlich das große Thema. Es schien so, als sei die übrige Welt stehen geblieben. Bei mir selbst kam auch Fassungslosigkeit hinzu – niemals war so plötzlich damit zu rechnen. Ich kann mich noch erinnern: Ich saß am Abend vor dem Fernseher und habe ein Fußballspiel gesehen, als im unteren Bildrand die Einblendung über die Grenzöffnung kam, die ich eher unbewusst wahrgenommen habe. Erst am nächsten Morgen wurde mir in der S-Bahn richtig bewusst, was passiert war. Die Bahn war restlos mit überwiegend freudetrunkenen Menschen überfüllt. Natürlich gab es auch im Dienst kein anderes Thema. Aber wir haben an diesem Tag nicht daran gedacht, was nun auf uns zukommen würde.

Welche Auswirkungen hatte das auf die Rentenversicherung in Berlin?

Karl-Heinz Klocke: Erst einmal gab es Annäherungen an die für die Sozialversicherung zuständigen Stellen beim Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) der DDR beziehungsweise bei der Verwaltung der Sozialversicherung. Alles, was wir dort erfuhren, war neu. Wir hatten zwar vor dem Mauerfall durch Zuzüge aus der ehemaligen DDR teilweise Kenntnisse über das dortige Rentenrecht nach der Rentenverordnung und kannten die Sozialversicherungsausweise. Wir waren dann aber doch erstaunt darüber, was wir den Ausweisen alles entnommen hatten, was da gar nicht drin stand und vor allen Dingen, was ihnen wirklich zu entnehmen war. Für uns als Rentenversicherung in Berlin war nach dem Mauerfall mit der Sozialversicherung der ehemaligen DDR erst einmal ein weiterer Partner der gesetzlichen Rentenversicherung vor Ort.

Wann wurde die deutsche Einheit zum Thema in der Rentenversicherung?

Karl-Heinz Klocke: Richtig zum Thema wurde die Einheit für die Rentenversicherung durch die Regelungen zur Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion im Mai 1990 und den Einigungsvertrag vom August 1990. Beide enthielten eine Vielzahl von Regelungen zur gemeinsamen Rentenversicherung. Für mich war es das Sprungbrett in den Grundsatzbereich der damaligen LVA: Als erste Aufgabe musste ich dort für die Mitarbeiter eine Schnellinformation zu den Regelungen der Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion schreiben. Spätestens in dem Moment, wo die Kollegen diese gelesen hatten, war ihnen klar, was jetzt auf sie zukommt.

Welche Aufgaben sind schließlich auf Sie zugekommen?

Karl-Heinz Klocke: Im November 1990 wurde entschieden, dass die LVA Berlin ab 1991 in der schnell gegründeten Überleitungsanstalt Sozialversicherung für alle Versicherten und Rentner im Ostteil der Stadt zuständig sein soll – unabhängig von der Versicherungszughörigkeit. Schnell wurde in der LVA Berlin eine Mannschaft zusammengestellt, mit der wir dann Ende 1990 in das Abenteuer starteten. Die Verwaltungsstellen der Sozialversicherung in den Stadtbezirken wurden in Berlin-Mitte, Am Köllnischen Park, zusammengeführt. Dann konnte es richtig losgehen.

Welche Probleme, welche Schwierigkeiten haben sich ergeben?

Karl-Heinz Klocke: Schwierigkeiten gab es jede Menge. Angefangen bei der Unterbringung der Mitarbeiterinnen und dem benötigten Mobiliar über den Mangel an von uns gewohnten Kommunikationsmitteln – einschließlich Telefonen, unserer wichtigsten Verbindung zur LVA –, bis hin zum Verstehen der vielen Rechtsvorschriften, insbesondere auch für die Zusatz- und Sonderversorgungssysteme. Ein Glück, dass die uns anvertrauten Mitarbeiterinnen der Sozialversicherung der ehemaligen DDR – es gab dort bei weit mehr als 100 Beschäftigten weniger als zehn männliche Mitarbeiter – uns vom ersten Tag bei allen zu lösenden Problemen vorbehaltlos unterstützt haben. Wir waren von Anfang an eine tolle Mannschaft und überzeugt davon, dass wir unseren Kunden, den verunsicherten Rentnern und Versicherten, Ängste vor dem Neuen nehmen können und sie tatkräftig unterstützen können. Das wurde schließlich von uns erwartet.

Wie haben Sie diese Schwierigkeiten gelöst?

Karl-Heinz Klocke: Probleme – und davon gab es viele – haben wir immer auf dem kurzen Dienstweg lösen können. Es war eine ganz besondere Situation, die auch besonderes Handeln erforderte, häufig auch losgelöst von bestehenden Anweisungen. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie wir die sogenannten DDR-Nummernkonten auf unser Kontoformat umstellen mussten. Die Rentenempfänger hatten schnell neue Konten, wir konnten die Änderungen aber nicht so schnell abarbeiten. Um die Rentner, die ihre Rentenzahlung auf dem neuen Konto vermisst haben, nicht mittellos zu lassen, haben wir massenweise Barauszahlungen im Dienstgebäude durchgeführt.

Als dann mal schon am Vormittag das Geld alle war, bin ich mit einer Kollegin in deren Trabbi zur Staatsbank gefahren, wo wir durch geheime Gänge in Tresorräume geführt wurden. Dort packten wir ein paar Hunderttausend D-Mark in die mitgebrachte Plastiktüte eines bekannten Lebensmittelmarktes und fuhren zurück. Am Dienstgebäude glaubte es keiner der wartenden Rentner so recht, als unser Bereichsleiter lauthals verkündete, dass wir mit unserer Plastiktüte die Geldboten sind und die Auszahlung jetzt fortgesetzt werden könne.

Das größte Problem: In unserer Auskunfts- und Beratungsstelle fiel uns während der Sprechzeit im wahrsten Sinne des Wortes die Decke auf Kopf. Gott sei Dank wurden eine Besucherin und eine Mitarbeiterin nur leicht verletzt. Als dann eine Woche später auf einer der Etagen eine Wand einstürzte, waren unsere Tage in dem Gebäude gezählt. In überwiegender Nachtarbeit – ich war größtenteils mit vor Ort – hatten Baufirmen und Statiker schnell festgestellt, dass das Gebäude ein Sicherheitsrisiko darstellt und für die Belastung mit den Mitarbeitern und den täglich mehreren hundert Besuchern nicht mehr geeignet ist.

Die Entscheidung fiel an einem Sonntag. Am Montag standen wir zu Dienstbeginn vor dem Haus und schickten die Mitarbeiterinnen wieder nach Hause. Mit einigen wenigen machten wir uns an die Räumung. Wir zogen Hals über Kopf in den Verwaltungsteil des ehemaligen Staatsratsgebäudes, um die Arbeit nach wenigen Tagen wieder aufnehmen zu können und unseren Kunden den erwarteten Service zu bieten. Mit der Unterstützung aller, auch aus der Hauptverwaltung der LVA, haben wir diese brenzlige Zeit gut gemeistert.

Wurden die Mitarbeiter der LVA Berlin von den Ostberlinern akzeptiert?

Karl-Heinz Klocke: Alles haben wir nur schaffen können, weil wir alle, egal ob „Wessis“ oder „Ossis“, uns vom ersten Tag an gegenseitig voll akzeptiert haben. Wir waren nicht nur eine Zweckgemeinschaft, sondern wurden sehr schnell eine eingeschworene Gemeinschaft – mit dem Ziel, die Rentenversorgung sicherzustellen. Als wir Ende März 1992 mit Sack und Pack in das Dienstgebäude der LVA in Charlottenburg umzogen, war auch Wehmut dabei. Den Mitarbeitern der ehemaligen Sozialversicherung der DDR stand die nächste Umgewöhnung bevor.

Wurde ihr damaliger Einsatz anerkannt?

Karl-Heinz Klocke: Mein Einsatz und der aller anderen „Mitstreiter“ wurde seitens der Leitung der früheren LVA Berlin schon im laufenden Tagesgeschäft regelmäßig gewürdigt. Die größte Anerkennung erhielt ich dann aber durch die damalige Bundesregierung. Im Rahmen einer Feierstunde dankte mir Arbeitsminister Norbert Blüm sowie den zahlreichen Anwesenden der verschiedenen Zweige der Sozialversicherung für ihr Engagement beim Aufbau der „neuen“ Sozialversicherung im Beitrittsgebiet. Im Namen des Bundeskanzlers Dr. Helmut Kohl und dessen Regierung bekam ich als weitere Auszeichnung für die geleistete Arbeit – völlig unerwartet übrigens – eine Dankesurkunde. Neben mir wurden noch zwei Kollegen des Verbands deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) geehrt sowie der heutige Geschäftsführer der Deutschen Rentenversicherung Mitteldeutschland, Dr. Wolfgang Kohl. Als Norbert Blüm die Urkunde übergab, sagte ich: „Die nehme ich nur stellvertretend für uns alle entgegen, die wir erst am Köllnischen Park waren und jetzt in der Breite Straße sind.“

Wie sehen Sie diese Zeit heute im Rückblick?

Karl-Heinz Klocke: Ich bin inzwischen mehr als 45 Jahre in der gesetzlichen Rentenversicherung tätig und habe die Zielgerade meiner Berufszeit erreicht. An diesem geschichtlichen Ereignis beteiligt gewesen zu sein, wird für mich in der Rückschau auf mein Berufsleben immer das Highlight bleiben.

Autor

Dr. Friedrich Müller