Nachgefragt / 10.12.2014

„Private Vorsorge fördert Ungleichheit“

Sozialwissenschaftler Prof. Ingo Bode von der Uni Kassel kritisiert, dass die Altersvorsorge durch Riester und Co. den Märkten überlassen wird. Das fördere Altersarmut und soziale Ungleichheit. Und er ist überzeugt: Das Umlageverfahren könnte die Absicherung leisten – wenn die Finanzierungsbereitschaft bestehe.

Bettelnder Mann – Bildnachweis: gettyimages © Vstock LLC

Herr Prof. Bode, Sie bezeichnen private Vorsorge als Illusion. Ist das nicht ein bisschen dramatisch?

Prof. Ingo Bode: Der Befund bezieht sich auf das Gesamtkonzept des neuen deutschen Rentenmodells: Dieses unterstellt, private Vorsorge könne sich zu einem Ersatz für eine angeblich überforderte gesetzliche Rentenversicherung entwickeln. Diese Vision erscheint uns illusionär. Dass für die einzelnen Sparer die Renditeversprechungen von einst heute Makulatur sind, ist eher nur ein Nebenaspekt unserer Diagnose.

Was meinen Sie mit „angeblich überforderte“ gesetzliche Rentenversicherung?

Prof. Ingo Bode: Die Erfahrungen mit der Finanzkrise legen nahe, dass die umlagefinanzierte Säule nachhaltiger funktioniert als kapitalgedeckte Vorsorge. Aber es wurde und wird noch immer argumentiert, die Gesetzliche Rentenversicherung könne zukünftig keine Lebensstandardsicherung gewährleisten. Insofern galt und gilt sie als überfordert. Unserer Ansicht nach ist das letztlich eine politische Einschätzung. Technisch, so erläutern wir in unserem Buch, kann das Umlageverfahren eine solche Absicherung leisten, wenn eine hinlängliche Finanzierungsbereitschaft besteht. Die Abgabelast ist ja auch mit den Reformen deutlich gestiegen: Heute zahlen ja Arbeitnehmer – mit den Beiträgen zur privaten Vorsorge – deutlich mehr als früher.

Was ist das Grundproblem der privaten Vorsorge?

Prof. Ingo Bode: Die Untersuchung, die ich zusammen mit Felix Wilke durchgeführt habe, problematisiert die Organisationsbasis des Vorsorgesystems. Das Gros der Bevölkerung will berechenbare Sicherheit im Alter. Private Vorsorge wird jedoch auf dynamischen Märkten organisiert, und diese schaffen naturgemäß Differenz und Ungleichheit, Verlierer und Gewinner – und damit Unberechenbarkeit. Aus Sicht der Verbraucher bedeutet dies: die/der Einzelne muss sich individuell orientieren, informieren, eine Meinung bilden. Und dies in Auseinandersetzung mit „Verkäufern“, die immer auch ihre eigenen Ziele verfolgen. Aus dieser Gemengelage kommt die „passende“ Vorsorge nur unter glücklichen Umständen heraus, auch weil langfristige Planung schwierig und die Rentenpolitik unstetig ist.

Liegt es am System oder am Verbraucher? Immerhin bleibt die Zahl der abgeschlossenen Riester-Verträge seit ein paar Jahren relativ konstant bei knapp 16 Millionen. Nutzen die Verbraucher vielleicht nur ihre Chance nicht?

Prof. Ingo Bode: Nach Einschätzung vieler Experten sind es derzeit nur mehr die staatlichen Zulagen, die Riester-Sparern einen gewissen Vorteil versprechen. Das hat sich mittlerweile herumgesprochen und wird sicherlich hier und da mit den langen Bindungsfristen eines Riester-Sparplans abgewogen. Viele Verträge werden ja auch nicht mehr bedient. Insofern durchschauen einige Verbraucher vielleicht das System. Aber unsere Studie zeigt, dass diese Verbraucher letztlich gar keine Chance haben, zukunftsstrategisch zu handeln: Angesichts der systematischen und markttypischen Intransparenz des Vorsorgegeschäfts bleibt ihnen oft nur, sich im privaten Netzwerk gleichsam zufällig Erfahrungen einzuholen oder denjenigen Beratern zu vertrauen, mit denen sie schon Geschäftsbeziehungen unterhalten. Und den Finanzmarkt beziehungsweise das Schicksal ihres Produkts auf eben diesem können sie individuell schon gar nicht beeinflussen.

Wie informieren sich die Verbraucher? Wie gehen Sie vor?

Prof. Ingo Bode: Der Zugang zu Informationen bezüglich der privaten Vorsorge erfolgt selten so, wie es die Architekten und Befürworter des neuen Modells annehmen oder angenommen haben: Ein großer Teil der Menschen holt sich nicht mehrere Angebote ein, geht nicht zu verschiedenen Beratern – und entschieden wird oft auf der Basis von Anhaltspunkten, die mit einem spezifischen Produkt wenig zu tun haben. Das sind zum Beispiel Erfahrungen von Nahestehenden. Beratungen ändern daran nichts: Sie sind provisionsgetrieben oder an bestimmte Anbieter gekoppelt – das ist allgemein bekannt. Und die Verbraucher vertrauen nolens volens auf Tipps derer, die schon immer ihre Finanzgeschäfte abwickeln.

Nun gibt es ja Institutionen, wie die deutsche Rentenversicherung, die unabhängig beraten. Was müsste sich ihrer Ansicht nach ändern, um die Bürgern besser zu informieren?

Prof. Ingo Bode: Sicher wären die Stärkung neutraler Beratungen wie die der deutschen Rentenversicherung oder der Verbraucherzentralen oder vielleicht auch die Einführung eines unter öffentlicher Aufsicht stehenden Produkts Fortschritte – sofern man unbedingt am bestehenden Mehrsäulenmodell festhalten will. Aber unsere Forschung hat sich auf die Durchleuchtung des „Systems private Vorsorge“ konzentriert. Bei der Abgabe konkreter Empfehlungen bezüglich einer anderen Marktregulierung bleiben wir entsprechend zurückhaltend. Prinzipiell arbeitet dieses „System“ gegen jeden Versuch, Transparenz zu schaffen – es erfindet einfach immer wieder neue Intransparenzen, denn die Betreiber des Systems wollen Erträge erwirtschaften, also die Differenz zwischen eigenen Kosten und Einzahlungen der Sparer maximieren. Vorliegende Erfahrungen mit Beratungsprotokollen bestätigen dies.

Was sagen Sie in Zeiten niedriger Zinsen zur Wirtschaftlichkeit des Systems der privaten Vorsorge?

Prof. Ingo Bode: An der Kalkulation von Renditen und dahingehenden Zukunftsaussichten wollen wir uns nicht beteiligen. Wir stellen fest, dass vergangene Aussagen dazu heute Schall und Rauch sind. Bekannt ist auch, dass in einem marktgetriebenen System neben den Verwaltungskosten auch Gewinnmargen verdient werden müssen – dies ist wahrscheinlich durch zwischenzeitliche Mondzinsen lediglich verdeckt worden.

Die private Vorsorge wird angesichts des demografischen Wandels als alternativlos dargestellt.

Prof. Ingo Bode:Die Zukunft der Alterssicherung ist und bleibt eine politische Frage. Unseren Analysen zu Folge ist das Umlageverfahren nicht weniger demografiefest als andere Formen der Alterssicherung. Die Anwendung des Eichhörnchenprinzips auf die Alterssicherung, also der Idee, dass Ressourcen zum Verbrauch für eine ferne Zukunft zurückgelegt werden können, ist ein Trugschluss. Auch bei Kapitaldeckung kann nur das in Geldwert umgesetzt und konsumiert werden, was im gleichen Moment volkswirtschaftlich produziert wird – und auch die Hoffnung auf beständig hohe Renditen aus dem Ausland scheint uns nicht besonders zukunftstauglich, von Fragen internationaler Gerechtigkeit einmal ganz abgesehen.

Sie sehen durch das Modell der privaten Vorsorge ein steigendes Risiko für Altersarmut und neuartige soziale Ungleichheit. Wie wird sich diese äußern?

Prof. Ingo Bode: Das Armutsrisiko wird ja nun auch von vielen anderen prognostiziert. Was wir ergänzen ist, dass – wegen des oben geschilderten Marktcharakters des Systems – auch zwischen materiell gleichgestellten Personen zukünftig mehr Ungleichheit im Alter zu erwarten ist: Die/der eine hat mehr Glück mit seinem Vorsorgeprodukt als der andere oder hat zufällig schlechtere Tipps bekommen als ihres/seinesgleichen und deshalb weniger oder anders oder gar nicht vorgesorgt – wobei letzteres sich vielleicht sogar als Glücksumstand erweisen könnte, wenn die derzeitige Zinsflaute länger anhält.

Sie lassen kein gutes Haar am heutigen deutschen Rentensystem...

Prof. Ingo Bode: Wir argumentieren, dass das neue deutsche Rentenmodell, in dem die Zukunft des Alters – mit umfassender staatlicher Förderung – verstärkt dem Markt überlassen wird, bestimmte, in der Bevölkerung noch immer mehrheitsfähige Erwartungen an ein sicheres Alter enttäuschen wird. Teile des Systems sind aber nach wie vor zukunftstauglich. Zum Beispiel denkt die Politik ja über neue „Sicherheitsriegel“ nach dem Modell der Lebensleistungsrente nach, die sich im Rahmen der umlagefinanzierten Rentenversicherung bewegen. Die bestehenden Institutionen lassen vieles zu, insofern ist die Zukunft offen.

Weitere Informationen:

  • www.deutsche-rentenversicherung.de
    Auf ihrer Internetseite gibt die Deutsche Rentenversicherung Tipps zur privaten Vorsorge.
  • Die Experten der Deutschen Rentenversicherung beraten auch am kostenlosen Service-Telefon unter 0800 1000 4800.
  • Das Buch „Private Vorsorge als Illusion“ von Prof. Ingo Bode und Felix Wilke ist im Campus-Verlag erschienen und kostet 39,90 Euro.
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Autor

Katja Mathes