Aktuell beleuchtet / 30.05.2016

3,821 Milliarden an Zuzahlungen in der gesetzlichen Krankenversicherung

Für Versicherte wird die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) zunehmend teurer – nicht aber für Arbeitgeber. Vergessen werden dabei häufig noch die Milliarden, die Versicherte zuzahlen müssen. Unser Faktencheck zur paritätischen Finanzierung der GKV.

Viele Banknoten – Bildnachweis: stocksy.com © Juri Pozzi

3,821 Milliarden Euro: So viel mussten gesetzlich Krankenversicherte 2015 zu Kassenleistungen zuzahlen. Dazu kommen noch Zusatzbeiträge im Schnitt von 1,1 Prozentpunkten. Die Arbeitgeber bleiben dabei außen vor. Von einer paritätischen Finanzierung der GKV kann keine Rede mehr sein. 

Faktencheck, Teil 1: Gleiche Beiträge für Arbeitgeber und Arbeitnehmer

Wer heute 25 Jahre oder jünger ist, wird sich kaum noch daran erinnern. Doch es gab die Zeiten, in denen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer den Beitrag zur gesetzlichen Krankenversicherung einfach geteilt haben. Das galt bis zum 1. Juli 2005 und war früher einmal selbstverständlich. Damals lag der Krankenversicherungsbeitrag insgesamt im Schnitt bei 14,2 Prozent. Davon trugen Arbeitnehmer und Arbeitgeber je die Hälfte: jeweils 7,1 Prozent. Dann wurde ein „fester“ Sonderbeitrag für Arbeitnehmer in Höhe von 0,9 Prozent eingeführt. Kassen, die damit nicht auskamen, durften von ihren Mitgliedern – nicht von den Arbeitgebern – ab 2009 einen festen Zusatzbeitrag nehmen.

Das galt bis Ende 2014. Seitdem gilt ein allgemeiner Beitragssatz von 14,6 Prozent. Den – das hört sich zunächst gut an – teilen sich Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Weil die Kassen damit aber nicht auskommen, kommen auf die Arbeitnehmer Zusatzbeiträge zu. Derzeit sind es im Schnitt 1,1 Prozent. Experten rechnen damit, dass es noch in diesem Jahrzehnt 2 Prozent sein werden. Das bedeutet: Arbeitnehmer werden dann 9,3 Prozent ihres Bruttoeinkommens an ihre Krankenkasse abführen. Der Arbeitgeberanteil bleibt dagegen bei 7,3 Prozent eingefroren. Doch damit nicht genug. Hinzu kommt als weitere Belastung, die nur die Versicherten betrifft, die Zuzahlung zu Kassenleistungen.

Faktencheck, Teil 2: Was Versicherte zuzahlen müssen

Für die meisten Versicherten dürfte es sich um ein eingespieltes Ritual handeln, das als selbstverständlich gilt: Sie reichen dem Apotheker ein Rezept und erfahren dann, was sie zuzahlen müssen. Das galt schon zu Zeiten der alten Reichsversicherungsordnung. Vor 50 Jahren lag die Zuzahlung pro Rezept noch bei 50 Pfennig. Nun sind es fünf oder zehn Euro – manchmal aber auch gar nichts. Die Beträge haben sich geändert, das Prinzip jedoch nicht. Bei der Inanspruchnahme verschiedener medizinischer Leistungen müssen gesetzlich Krankenversicherte zusätzlich entweder einen prozentuellen Preisanteil oder einen festen Euro-Betrag entrichten. Die Eigenbeteiligungen betreffen mittlerweile fast alle medizinischen Leistungsbereiche. Am meisten müssen die Versicherten in der Apotheke in die eigene Geldbörse greifen: 56 Prozent aller Zuzahlungen betreffen Arznei- und Verbandmittel. Es folgen mit knapp 20 Prozent die Behandlungen im Krankenhaus und mit rund 19 Prozent die Heil- und Hilfsmittel (inklusive der Behandlungen durch sonstige Heilberufe).

Für viele Versicherte sind die Einzelbeträge wohl zu verschmerzen. Doch es läppert sich – auf 3,821 Milliarden Euro im Jahr 2015. Das waren 225 Millionen mehr als noch im Vorjahr. Diese Beiträge auf den einzelnen Versicherten heruntergebrochen, kommt man 2015 auf eine Pro-Kopf-Belastung von 54,03 Euro im Jahr. Das scheint noch verschmerzbar. Aber: Die Zuzahlungen treffen gerade die Kranken. Wer 15 Tage im Krankenhaus liegt, Hilfsmittel und viele Arzneimittel benötigt, muss schnell etliche hundert Euro selbst zahlen.

Es gibt zwar eine Obergrenze für die Zuzahlungen, doch die ist ziemlich hoch gesteckt. Die Grenze des Zumutbaren liegt in der Regel bei zwei Prozent der Bruttoeinnahmen zum Lebensunterhalt, für chronisch Kranke bei einem Prozent. Das bedeutet: Ein Alleinstehender der im Jahr 30.000 Euro brutto verdient und keine weiteren Einkünfte hat, wird schlimmstenfalls mit 600 Euro an Zuzahlungen belastet. Das betrifft – wie gesagt – in erster Linie die Kranken. Dabei ist Solidarität von Kranken und Gesunden, Gutverdienern und Geringverdienern das Grundprinzip der gesetzlichen Sozialversicherung.

Faktencheck, Teil 3: Zusatzbeitrag plus Zuzahlung

Unterm Strich bedeutet dies: Arbeitnehmer zahlen heute schon im Schnitt einen Zusatzbeitrag von 1,1 Prozent. Hinzu kommen die Zuzahlungen. Bei einem Durchschnittsverdiener dürften diese kaum mehr als 0,2 Prozent des Bruttoeinkommens ausmachen. Wer schwere gesundheitliche Einschläge zu verkraften hat, kann aber durchaus bei einer Zusatzbelastung von 2 Prozent landen. Das macht dann in der Summe heute schon 3,1 Prozent. Und für die Zusatzbeiträge gibt es keine Grenze nach oben.

Tipp

Gesetzlich Krankenversicherte sollten alle Belege über Zuzahlungen sammeln. Ärzte, Apotheken und Therapeuten müssen ihnen personenbezogene Zuzahlungsbelege über geleistete Zuzahlungen ausstellen. Übersteigen die Zuzahlungen die Belastungsgrenze, so können sie sich im folgenden Jahr den „überschiessenden“ Betrag erstatten lassen. Wer vorab – wie viele chronisch Kranke – weiß, dass bei ihm in erheblichen Maße Zuzahlungen anfallen, kann sich von seiner Krankenkasse auch seine persönliche Zuzahlungsgrenze ausrechnen lassen und diesen Betrag vorab zahlen. Die Kasse stellt dann einen Bescheid über die Befreiung von Zuzahlungen aus. Das spart dann künftig das Sammeln von Belegen.

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Autor

Rolf Winkel