Nachgefragt / 20.09.2013

Ausstieg und die Alternativen

Die Verzinsung von Lebensversicherungen sinkt. Ein Ausstieg birgt aber große Risiken und Alternativen sind rar gesät, warnt Versicherungsexperte Oliver Mest.

Geldscheine – Bildnachweis: shutterstock.com © WronaART

Die laufende Verzinsung der Lebensversicherungen in Deutschland hat ein neues Niedrigniveau erreicht: Gerade einmal 3,6 Prozent werden für 2013 prognostiziert, während vor 10 Jahren noch 4,91 Prozent und vor 15 Jahren sogar über 7 Prozent gezahlt wurden. Zeit also für den Ausstieg aus der Lebensversicherung?

Warum sind die Renditen so niedrig?

Oliver Mest: Das wird schnell und transparent ersichtlich, wenn man sich die Zinsen für sein Tagesgeldkonto anschaut: Von deutlich über 3 Prozent in 2010 ist der Zins jetzt auf knapp über 1 Prozent gerutscht. Das ist vor allem die Folge der Wirtschaftskrise, die die Notenbanken dazu verleitet hat, die Leitzinsen zu senken. Und dieses niedrige Zinsniveau trifft auch die Lebensversicherer und damit unsere Policen knallhart, denn rentablere Anlagen – wie zum Beispiel in Aktien – sind für die Lebensversicherer nur in einem engen Rahmen möglich und eigentlich auch nicht gewünscht.

Also Verträge kündigen?

Oliver Mest: Das liegt nahe, aber die Frage ist ja auch: Was dann? Mal angenommen, ich bekomme bei meinem Lebensversicherer zwischen 3,5 Prozent und 4 Prozent Rendite in 2013, dann stellt sich ja die Frage: Wo bekomme ich die denn alternativ her?

… eine Möglichkeit wären Aktien …

Oliver Mest: Und sogar eine sehr lukrative! Immerhin hat sich der Dax seit Anfang 2009 mehr als verdoppelt, da wären 25 Prozent plus im Jahr möglich gewesen. Aber eben auch 25 Prozent oder mehr Minus und die bleiben den Sparern bei einer Lebensversicherung „erspart“. Soll heißen: Die Lebensversicherung bietet vor allem Sicherheit und den Schutz vor Verlusten – aber das wird halt mit einer schlechteren Rendite bezahlt.

Was mache ich denn mit meinem Vertrag, wenn mir die Rendite zu schlecht ist?

Oliver Mest: Zunächst einmal sollte man sich immer den Rückkaufswert ermitteln lassen – das ist die Summe, die man nach der Kündigung aus dem Vertrag erhält. So bekommt man eine Vorstellung davon, was der Vertrag heute eigentlich wert ist, und zusammen mit den jährlich fälligen Prognose-Rechnungen kann man auch sehen, was bis zum Ende der Vertragslaufzeit daraus ungefähr werden wird. Eine Kündigung ist nur dann sinnvoll, wenn der Anleger es schafft oder sich zutraut, ein besseres Ergebnis als die Versicherung zu erzielen. Bei gerade erst abgeschlossenen Verträgen dürfte das eher wahrscheinlich sein als bei älteren Policen.

Und was mache ich, wenn der Vertrag erst ein paar Jahre läuft?

Oliver Mest: Dann sollten Kunden darüber nachdenken, ob sie den Vertrag wirklich fortführen wollen. Den bei neueren Verträgen ist das Guthaben noch ein zartes Pflänzchen und muss nicht unter Schutz gestellt werden. Außerdem hat es in der Vergangenheit zahlreiche Urteile gegen Versicherer gegeben, die die Rückzahlungspraxis der Versicherer als unzulässig beurteilt haben: Die meisten Kunden bekommen jetzt bei Kündigungen oder auch Beitragsfreistellungen deutlich mehr Geld ausgezahlt als früher. Hier hat die Verbraucherzentrale Hamburg unter dem Motto „Nachschlag für Millionen“ diverse Prozesse angestrengt und dabei Beachtliches für die Kunden herausgeholt. Zwar rücken die wenigsten Versicherer freiwillig mehr Geld heraus, aber für solche Fälle gibt es ja zum Beispiel den Ombudsmann für Versicherungen, der vermittelt – und nicht zuletzt steht jedem natürlich der Rechtsweg offen, wenn zu wenig zurückgezahlt wird.

Wann kann ich denn kündigen?

Oliver Mest: In aller Regel sehr kurzfristig zum Ende der Zahlungsperiode – bei monatlicher Zahlung also jeweils zum Monatsende.

Als Altersvorsorge der Zukunft taugt die Lebensversicherung wohl kaum?

Oliver Mest: Nein, hier ist derzeit eher der Ausstieg vor dem Einstieg zu empfehlen. Die Rendite geht immer weiter in den Keller, und der Trend scheint ungebrochen. Garantiert sind gerade einmal 1,75 Prozent Zinsen – und die auch nur auf den Sparanteil, also das Geld, was nach Abzug aller Kosten wirklich in den Topf des Versicherten fließt. Die tatsächliche Rendite auf das aufgebrachte Kapital liegt teilweise bei 1 Prozent und darunter! Und selbst magerste Renditen scheinen einigen Versicherern zuzusetzen: Erst kürzlich haben 10 kleinere Versicherer bei der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungen vorgefühlt, ob es nicht eine Ausnahme von den derzeit geltenden Beteiligungsregelungen geben könne. Mit anderen Worten: Man will den Kunden – wenn auch nur vorübergehend – weniger zahlen und dafür später Nachzahlungen leisten. Auf so ein Modell sollte sich niemand für eine zuverlässige Altersvorsorge einlassen.

Laufende Verzinsung der Lebensversicherer in Deutschland in den Jahren 1995 bis 2013

Jahr Verzinsung Jahr Verzinsung
1995 7,40 % 2005 4,45 %
1996 7,38 % 2006 4,29 %
1997 7,33 % 2007 4,33 %
1998 7,32 % 2008 4,44 %
1999 7,31 % 2009 4,33 %
2000 7,22 % 2010 4,20 %
2001 7,13 % 2011 4,07 %
2002 6,20 % 2012 3,91 %
2003 4,91 % 2013 3,60 %
2004 4,50 %

Mehr Informationen

  • Altersvorsorge
    Schwerpunkt auf ihre-vorsorge.de
  • www.vzhh.de
    Informationen zu den verbraucherfreundlichen Urteilen auf der Internetseite der Verbraucherzentrale Hamburg.
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Oliver Mest