Aktuell beleuchtet / 15.06.2015

Entlastung und Urlaub für pflegende Angehörige: Welche Möglichkeiten gibt es?

Sommer. Sonne. Ferien. Das wünschen sich auch viele Menschen, die einen Angehörigen pflegen. Insbesondere gilt dies für die mit Pflege und Job doppelt belasteten pflegenden Arbeitnehmer. Doch wie können Urlaub und Pflege miteinander vereinbart werden?

Eine Pflegerin wäscht einer Seniorin den Rücken. Bildnachweis: wdv © Lauer. Jan

Arbeitnehmer, die einen Angehörigen pflegen, haben die gleichen Urlaubsansprüche wie ihre nicht pflegenden Kollegen. Was die Urlaubszeit angeht, so können sie unter Umständen aber sogar auf Sonderrechte pochen. Wenn zu viele Arbeitnehmer zur gleichen Zeit Urlaub beantragen, muss der Arbeitgeber nämlich abwägen, wer den Zuschlag bekommt. Und dabei geht’s nicht nach Sympathie oder Augenfarbe, sondern nach sozialen Kriterien. Dazu gehört zum Beispiel, dass Eltern von schulpflichtigen Kindern meist den Vorrang bekommen, wenn es um Urlaub in den Schulferien geht. Denn außerhalb der Ferien können sie ja gar nicht mit ihren Kindern in Urlaub fahren.

Ähnliches gilt auch für pflegende Arbeitnehmer: Für den Fall, dass sie wegen der Pflege ihres Angehörigen auf einen bestimmten Urlaubszeitraum angewiesen sind, haben sie bei der Urlaubsgenehmigung einen gewissen Vorrang.

Doch wie soll die zu pflegende Mutter oder der pflegebedürftige Vater in der Urlaubszeit versorgt werden? „Es gibt einen ganzen Strauß von Möglichkeiten, wie pflegende Angehörige ihren Urlaub oder auch mehrere Auszeiten im Jahr organisieren können – und gleichzeitig sichern können, dass der Pflegebedürftige gut versorgt ist“, weiß Markus Siegmann. Er ist Pflegeberater bei der Knappschaft in Lünen. Auf die folgenden Entlastungs-Leistungen haben Pflegebedürftige und ihre Angehörigen jeweils einen Rechtsanspruch: 

Verhinderungspflege

Die Pflegeversicherung übernimmt auf Antrag in der Zeit, in der ein pflegender Angehöriger – etwa wegen Urlaub oder krankheitsbedingt – verhindert ist, die Kosten für eine Ersatzpflege.

Geregelt ist dies in § 39 Sozialgesetzbuch (SGB) XI (Pflegeversicherungsgesetz), der die Überschrift trägt: „Häusliche Pflege bei Verhinderung der Pflegeperson“. Bis zu 1.612 Euro im Jahr für maximal sechs Wochen zahlen die Pflegekassen dafür.

Wichtig: Dies gilt für alle Pflegestufen gleichermaßen, also auch für die so genannte Pflegestufe 0, zu der Personen mit erheblich eingeschränkter Alltagskompetenz („Demenzkranke“) zählen, die (noch) in keiner regulären Pflegestufe (I bis III) eingruppiert sind.

Wie die Verhinderungspflege praktisch organisiert wird, können sich die Betroffenen und ihre Angehörigen weitgehend selbst aussuchen – und sie müssen dies auch selbst organisieren. Die Pflege kann von einem Pflegedienst, einer Tages- oder Nachtpflege, aber auch von einer stationären Einrichtung oder einer dem Pflegebedürftigen nahestehenden Person geleistet werden.

Wird die Ersatzpflege von einem nahen Angehörigen (bis zum zweiten Grad mit dem Pflegebedürftigen verwandt oder verschwägert) vorgenommen, dann zahlt die Pflegeversicherung in der Zeit der Ersatzpflege nur so viel, wie normalerweise als Pflegegeld gezahlt wurde. Wenn die verwandten Ersatzpflegekräfte allerdings einen Verdienstausfall oder hohe Fahrtkosten haben, können sie auch diese Ausgabenposten geltend machen und höhere Leistungen – bis zu maximal 1.612 Euro im Jahr – erhalten.

Der maximal sechswöchige Anspruch auf Verhinderungspflege kann innerhalb eines Kalenderjahrs beliebig aufgeteilt werden – beispielsweise für sechs "Kurzurlaube" von jeweils einer Woche. Es geht aber auch stundenweise – etwa für Kinobesuche.

Wichtig ist dabei: Wer die Ersatzpflege nur für wenige Stunden in Anspruch nimmt, greift das zeitliche Budget von 42 Tagen nicht an. Kostet eine Ersatzpflege für die Zeit, in der der pflegende Angehörige verhindert ist, beispielsweise 40 Euro und ist der pflegende Angehörige nur für drei Stunden verhindert, so reduziert sich nur der zur Verfügung stehende Jahresbetrag (in diesem Fall von 1.612 Euro auf 1.572 Euro). Das zeitliche Budget wird dagegen nur bei einer „Auszeit“ von der Pflege, die mindestens acht Stunden dauert, angegriffen. 

Kurzzeitpflege

In Urlaubs- oder Auszeiten kann auch vier Wochen lang eine so genannte Kurzzeitpflege in Anspruch genommen werden. Der Pflegebedürftige wird hier allerdings nicht zu Hause, sondern in einer stationären Einrichtung betreut. Die Pflegeversicherung zahlt hierfür ebenfalls bis zu 1.612 Euro. Auch dieser Betrag gilt für alle Pflegestufen gleichermaßen und auch für Pflegestufe 0.

Die Kurzzeitpflege nutzte auch Burkhard R., der seine 90-jährige Mutter ansonsten zu Hause in Bonn betreut. Als er in diesem Jahr in den Osterferien verreisen wollte, buchte er für seine Mutter in einem Heim bei Unkel für 14 Tage einen Aufenthalt in der Kurzzeitpflege. Seine Mutter ist in Pflegestufe 2 eingruppiert. Die Pflegeversicherung übernahm den größten Teil der Kosten, die Mutter selbst musste noch etwa 500 Euro zusteuern. 

Kurzzeitpflege zur Heimerprobung nutzen

Bevor ein Pflegebedürftiger in ein Pflegeheim umzieht, kann er dieses per „Kurzzeitpflege“ erproben. Mitunter werben Heime sogar mit dieser Möglichkeit. Pflegebedürftige sollten allerdings die Erfahrungen, die sie in der Zeit der Kurzzeitpflege in einem Heim machen, nicht überbewerten. Unter Umständen bekommen sie in dieser Zeit nur die „Schokoladenseite“ des Hauses zu Gesicht. Wer zur Probe in einer stationären Einrichtung ist, sollte die Probezeit deshalb nutzen, um zu erfahren, wie zufrieden die „normalen“ Heimbewohner mit der Pflege und Betreuung in dem Haus sind.

Kombination von Kurzzeit- und Verhinderungspflege

Kurzzeit- und Verhinderungspflege, die vom Konzept her ohnehin recht ähnlich sind, können seit Anfang 2015 auch flexibler genutzt und kombiniert werden. So kann ein nicht genutzter Etat für die Verhinderungspflege auch voll für die Kurzzeitpflege verwendet werden. Statt nur vier Wochen sind so jetzt bis zu acht Wochen Kurzzeitpflege im Jahr möglich. Die Pflegekasse kann dann maximal 3.224 Euro für die Kurzzeitpflege übernehmen.

Umgekehrt gilt: Die Hälfte des (nicht genutzten) Anspruchs auf Kurzzeitpflege kann nun auch für die Verhinderungspflege verbraucht werden, so dass dann jährlich maximal 2.418 Euro für die Verhinderungspflege zur Verfügung stehen.

Gemeinsamer Urlaub mit Pflege

Burkhard R. hätte alternativ für seine Mutter auch eine Kurzzeitpflege an seinem eigenen Urlaubsort buchen können. Die Leistungen der Pflegeversicherung können nämlich – zumindest innerhalb Deutschlands – an jedem beliebigen Ort gebucht werden.

Manche Hotels bieten mittlerweile sogar ausdrücklich einen „Gemeinsamen Urlaub mit Pflege“ an, so beispielsweise ein Hotel in Bad Herrenalb im Schwarzwald. Es arbeitet mit ortsansässigen Pflegediensten zusammen. Je nach Bedarf können so im Hotel durch einen örtlichen Pflegedienst – ganz wie zu Hause – ambulante Pflegeleistungen erbracht werden.

Oder der Pflegebedürftige wird tagsüber in einer so genannten Tagespflege betreut. Der Angehörige kann derweil wandern, schwimmen oder einfach relaxen. Wer im Internet sucht – etwa unter dem Stichwort „Pflegehotel“ – findet hunderte solcher Angebote. 

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Autor

Rolf Winkel