Im Fokus / 02.04.2015

Erwerbsminderungsrente: Auffangnetz für Millionen

Nie war sie so wertvoll wie heute: Die Erwerbsminderungsrente. Die Möglichkeiten des vorzeitigen Bezugs der Altersrente sind eingeschränkt worden. Umso wichtiger wird die Frührente für Erwerbsgeminderte. Hoch fällt sie allerdings meist nicht aus. Wir erklären, wer unter welchen Umständen Anspruch darauf hat und worauf es ankommt.

Ein Mann im Rollstuhl. Bildnachweis: wdv © Lauer. Jan

Inhalt

Erwerbsminderungsrente – für wen?

Sind Sie aus gesundheitlichen Gründen nur noch in der Lage, täglich weniger als drei Stunden zu arbeiten? Dann kommt für Sie die Rente wegen voller Erwerbsminderung (EM) in Frage. Ansonsten immerhin die niedrigere Rente wegen teilweiser EM.

Die meisten Arbeitnehmer können zwar noch vorzeitig in Rente gehen – überwiegend aber erst mit 63 Jahren. Für gesundheitlich angeschlagene Versicherte kommt allerdings die Rente wegen Erwerbsminderung in Frage – auch für Jüngere. Gut 1,7 Millionen Erwerbsminderungsrentner gibt es derzeit. Jahr für Jahr beantragen knapp 400.000 Versicherte diese Leistung. Doch fast jeder zweite Antrag wird abgelehnt.

Wichtigste Diagnosen:

Psychische Leiden stehen bei den anerkannten Erwerbsminderungen (EM) immer mehr im Vordergrund. Unter den rund 180.000 im Jahr 2013 bewilligten EM-Renten wurden knapp 43 Prozent wegen psychischer Erkrankungen zugestanden. Danach folgten Skeletterkrankungen (vor allem Bandscheibenleiden), Krebs und Herz-/Kreislauf-Erkrankungen. Es kommt nicht darauf an, wie schwer eine Krankheit ist. Die Gutachter der Rentenversicherung müssen vielmehr über die (Rest-)Arbeitsfähigkeit urteilen. Die Rente wegen voller Erwerbsminderung (EM) gibt es, wenn nur noch Jobs mit täglich weniger als drei Stunden ausgeübt werden können. Die nur halb so hohe Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung kann erhalten, wer pro Tag noch zwischen drei und unter sechs Stunden arbeiten kann.

Tipp:

Die Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung ist als Aufstockung zum Entgelt aus einer Teilzeitbeschäftigung konzipiert. Daher gelten hier relativ großzügige Hinzuverdienstregeln. Wie viel Sie genau hinzuverdienen dürfen, sollten Sie sich bei einer Auskunfts- und Beratungsstelle der Rentenversicherung ausrechnen lassen.

Vorversicherungszeiten:

Die gesetzliche EM-Rente erhält nur, wer mindestens fünf Jahre rentenversichert war und in den letzten fünf Jahren mindestens drei Jahre lang Pflichtbeiträge gezahlt hat. Günstigere Regelungen gelten für Berufsanfänger.

Auf die allgemeine Wartezeit (= Mindestversicherungszeit) von fünf Jahren (= 60 Kalendermonaten) werden Beitragszeiten, Ersatzzeiten, Zeiten aus einem Versorgungsausgleich und aus einem Rentensplittung angerechnet. Anrechnungszeiten (früher: Ausfallzeiten) zählen hier nicht mit (beispielsweise wegen Schulbesuch).

Tipp: Rentenversicherungspflichtiger Minijob erhält Anspruch auf EM-Rente

Wenn Sie als Hausfrau oder Hausmann einen Minijob ausüben, sind Sie im Grundsatz rentenversicherungspflichtig. Die Zeit des Jobbens zählt damit als ganz normale Versicherungszeit. Das ist insbesondere im Hinblick auf den Anspruch auf Erwerbsminderungsrente vorteilhaft. Sie können allerdings auf die Versicherungspflicht verzichten. Dadurch sparen Sie – bei einem gewerblichen Job – monatlich maximal 16,65 Euro an Versicherungsbeiträgen, setzen jedoch ihren Versicherungsschutz bei Erwerbsminderung aufs Spiel.

Auch Ihre Job-Chancen spielen eine Rolle

Sie können noch zwischen drei und (unter) sechs Stunden täglich arbeiten? Dann sind Sie im Prinzip ein Fall für die (niedrige) Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung.

Für Sie gilt es im Prinzip als zumutbar, dass Sie einen erheblichen Teil Ihres Lebensunterhalts durch eine Teilzeitarbeit selbst erwirtschaften. Soweit das Konzept der Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung. Denn diese ist als kleine Zusatzrente zum Arbeitsverdienst aus Teilzeitarbeit gedacht.

Nun gibt es natürlich Fälle, in denen Versicherte zwar teilweise erwerbsgemindert sind (also nur noch zwischen drei und unter sechs Stunden erwerbsfähig sind), aber keine (Teilzeit-) Beschäftigung finden können, die ihrer Restarbeitsfähigkeit entspricht. In diesen Fall sind sie arbeitslos und müssen sich der Arbeitsvermittlung der Arbeitsagenturen zur Verfügung stellen. Wenn ihnen auf Dauer kein passender Teilzeitarbeitsplatz vermittelt werden kann, muss ihnen eine volle Erwerbsminderungsrente gewährt werden.

Ausschlaggebend dafür ist die sogenannte „konkrete Betrachtungsweise“, die das Bundessozialgericht in einem Urteil aus dem Jahr 1976 entwickelt hat. Eine volle EM-Rente erhalten danach auch teilweise Erwerbsgeminderte, die ihr Restleistungsvermögen wegen eines „verschlossenen Arbeitsmarkts“ nicht in Erwerbseinkommen umsetzen können, weil sie von der Arbeitsagentur nicht in eine Beschäftigung vermittelt werden können.

Achtung:

Die Arbeitsmarktrente ist keineswegs unbedeutend. Jeder siebte Neuzugang in EM-Rente gehört in diese Kategorie.

Tipp:

Wenn Sie arbeitslos sind und unter erheblichen gesundheitlichen Einschränkungen leiden, so sollten Sie eine Erwerbsminderungsrente dennoch nicht zu früh beantragen. Dies gilt auch dann, wenn Sie relativ sicher sein können, dass ein Rentenantrag bewilligt würde. Denn das Arbeitslosengeld I fällt vielfach höher aus als die Rente, die Sie andernfalls erhalten könnten. Daher sollten Sie zunächst Ihren Anspruch auf Arbeitslosengeld ausschöpfen und einige Monate vor dessen Auslaufen bei der gesetzlichen Rentenversicherung die „Arbeitsmarktrente“ beantragen. Dafür gibt es im Übrigen kein gesondertes Formular. Sie müssen vielmehr – ganz normal – eine Erwerbsminderungsrente beantragen. Falls Sie eine Restarbeitsfähigkeit von drei bis unter sechs Stunden täglich haben, prüft die Rentenversicherung von sich aus, ob Ihnen – weil der Arbeitsmarkt sich für Sie als verschlossen erwiesen hat – eine volle EM-Rente bewilligt wird.

Ausnahmeregeln: EM-Rente trotz Erwerbsfähigkeit

In Ausnahmefällen können Sie eine Rente wegen Erwerbsminderung auch dann erhalten, wenn Sie sechs Stunden oder mehr pro Tag erwerbsfähig sind oder sein können.

Das kann beispielweise dann gelten, wenn Sie aufgrund Ihrer gesundheitlichen Einschränkungen nicht mehr in der Lage sind, täglich den Weg zu Ihrem Arbeitsplatz zurückzulegen. Davon kann ausgegangen werden, wenn Sie nicht mehr viermal am Tag 500 Meter in jeweils maximal 20 Minuten zurücklegen können. Dann liegt nach der Rechtsprechung des Bundessozialgerichts gegebenenfalls keine „Wegefähigkeit“ mehr vor. In diesem Fall steht Ihnen möglicherweise sogar (weil der Arbeitsmarkt für Sie als „verschlossen“ gilt) eine Rente wegen voller Erwerbsminderung zu. Dabei müssen allerdings alle infrage kommenden Hilfsmittel (etwa Gehstützen) und Beförderungsmöglichkeiten berücksichtigt werden (Urteil vom 17.12.1991, Aktenzeichen 13/5 RJ 73/90). Die Rentenversicherung muss auch prüfen, ob Ihnen nicht als so genannte Teilhabeleistung die Anschaffung oder Umrüstung eines Pkw teilfinanziert wird.

Auch bei häufiger Arbeitsunfähigkeit Erwerbsminderungsrente möglich

Nicht ganz selten sind gerade chronisch kranke ältere Arbeitnehmer in der Situation, dass sie zwar im Grundsatz („theoretisch“) vollschichtig arbeiten könnten, aber de facto wegen häufig auftretender Arbeitsunfähigkeit nicht in der Lage sind, ihre Tätigkeit auszuführen. In solchen Fällen kann unter Umständen ein Anspruch auf Erwerbsminderungsrente bestehen. Die Vorlage dafür hat das Bundessozialgericht (BSG) am 31. Oktober 2012 gegeben (Aktenzeichen B 13 R 107/12 B). Danach kann das Risiko einer häufigen Arbeitsunfähigkeit dann zu einer Erwerbsminderung führen, wenn feststeht, dass die Arbeitsunfähigkeit so häufig auftritt, dass die während eines Arbeitsjahres zu erbringenden Arbeitsleistungen nicht mehr den Mindestanforderungen entsprechen, die ein „vernünftig und billig denkender Arbeitgeber“ zu stellen berechtigt ist. Wann diese Grenze erreicht ist, hat das BSG aber nicht klar definiert. Klar ist für das oberste deutsche Sozialgericht jedoch, dass die Mindestanforderungen, die ein Arbeitgeber berechtigt stellen kann, nicht mehr erfüllt werden, „wenn der Versicherte die Arbeitsleistung für einen Zeitraum von mehr als 26 Wochen (sechs Monate oder die Hälfte) im Jahr gesundheitsbedingt nicht mehr erbringen kann“. Ob auch 20, 23 oder 25 Wochen zu erwartender Arbeitsunfähigkeit reichen, hat das BSG nicht gesagt.

Es hat allerdings als Regel aufgestellt: Wenn eine extrem häufige Arbeitsunfähigkeit prognostiziert werden kann, müsse dem Betroffenen eine konkrete andere Tätigkeit (Verweisungstätigkeit) benannt werden, die er ausüben könne. Gelinge das nicht – das ist praktisch die Regel – sei er trotz vollschichtigen Leistungsvermögens erwerbsgemindert.

Tipp:

Wer wegen einer chronischen Krankheit etwa die Hälfte des Jahres arbeitsunfähig ist, für den kann sich ein Antrag auf Erwerbsminderungsrente lohnen – und für den Fall, dass der Antrag abgelehnt wird, das Einlegen von Widerspruch und Klage. Wer diesen Weg geht, sollte sich in jedem Fall allerdings juristisch beraten lassen – etwa vom gewerkschaftlichen Rechtsschutz oder einem Sozialverband.

Private Berufsunfähigkeitsversicherung für Jüngere ein Muss

Sind Sie vor dem 2. Januar 1961 geboren worden? Dann gilt bei der gesetzlichen Rentenversicherung für Sie noch ein Berufsschutz. Sie erhalten die Rente, wenn sie das Stundenlimit von unter drei Stunden in Ihrem zuletzt ausgeübten Beruf nicht mehr erreichen können. Für Jüngere gilt dagegen jeder Job als zumutbar. Für sie kann deshalb eine private Berufsunfähigkeitsversicherung Gold wert sein.

Berufsunfähigkeit und Erwerbsunfähigkeit – das hört sich ganz ähnlich an. Doch die Unterschiede sind beträchtlich. Erwerbsunfähig sind Sie, wenn Sie keinerlei Erwerbstätigkeit mehr nachgehen können – jedenfalls weniger als drei Stunden täglich. Bei der Berufsunfähigkeit (BU) geht es dagegen darum, ob Sie noch in Ihrem erlernten oder ausgeübten Beruf tätig sein können. Ein Fliesenleger, der wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht mehr gebückt am Boden arbeiten kann, gilt als berufsunfähig. Er könnte jedoch stattdessen in einem Fliesengeschäft als Verkäufer und Berater arbeiten. Daher gilt er nicht als erwerbsunfähig.

Verbraucherschützer sehen eine solche Versicherung als Pflicht an. Sie gilt als wichtiger als zusätzliche Privatvorsorge fürs Alter. Für viele ältere Arbeitnehmer, die bereits Vorerkrankungen haben, kommt der Abschluss einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung nicht mehr infrage, weil sie entweder keine Versicherung finden, die bereit ist, mit Ihnen einen Vertrag abzuschließen oder weil die Versicherung für sie (wegen ihrer hohen Risiken) viel zu teuer ist. Die Versicherung sollte man also so früh wie möglich abschließen, am besten bevor sich gesundheitliche Einschläge einstellen.

Selbst wenn Sie selbst eine BU-Versicherung nicht mehr abschließen können, sollten Sie an Ihre Kinder oder Enkel denken. Diese sollten den Abschluss einer privaten BU-Versicherung bereits ab dem 16. Geburtstag erwägen. In diesem Alter können sie relativ preiswert einsteigen. Da Jüngere meist noch keine längere Krankengeschichte haben, bleiben sie zudem von Risikozuschlägen oder Ausschlüssen für bestimmte Krankheiten verschont. Übrigens: Die Wahrscheinlichkeit, von Berufsunfähigkeit betroffen zu sein, liegt bei 1:4 (und das ist um ein Vielfaches wahrscheinlicher als ein Lottogewinn).

Preisunterschiede enorm

Bei BU-Versicherungen gibt es allerdings enorme Preisunterschiede, so dass sich in jedem Fall ein Vergleich verschiedener Angebote lohnt. So zahlt zum Beispiel ein 30-jähriger IT-System-Kaufmann bei 100 Prozent Bürotätigkeit für einen Vertrag bis zum 67. Lebensjahr für 1.200 Euro BU-Rente bei günstigen Anbietern rund 40 Euro im Monat, bei teuren Anbietern ist es schon doppelt so viel. Soweit der Anteil der Bürotätigkeit (die als besonders risikoarm eingestuft wird) geringer ist, steigen die Prämien generell.

Man sollte allerdings nicht nur auf die Beiträge achten, andere Kriterien sind mindestens genauso wichtig: So unterscheiden sich die Versicherungen ganz erheblich in ihrem Verhalten, wenn der „Schadensfall“ eintritt. Manche Versicherer sind hierbei relativ großzügig, während andere einen großen Teil der Anträge ablehnen.

Tipp:

Ohne professionelle Beratung sollte niemand eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen. Die erste Adresse sind dabei die Verbraucherzentralen der einzelnen Bundesländer.

Antragstellung: Auch aufs Kartoffelnschälen und Schuhebinden kommt’s an

Nur etwa die Hälfte der Anträge auf Erwerbsminderungsrente werden im ersten Angang (also ohne Widerspruch und Klage) bewilligt. Teilweise werden Anträge abgelehnt, weil die versicherungsrechtlichen Voraussetzungen für die Rente nicht erfüllt sind, häufiger jedoch deshalb, weil der Gutachter befindet, dass noch gar keine (größere) Erwerbsminderung vorliegt. Das liegt zum Teil auch an der unzureichenden Vorbereitung der Antragsteller und insbesondere in der falschen Schwerpunktsetzung bei der Vorbereitung.

Was können Sie im Alltag und im Job nicht mehr?

Antragsteller sollten ihr Augenmerk weniger auf medizinische Diagnosen richten. Vielmehr sollten sie genau Buch darüber führen, welche Tätigkeiten und Verrichtungen im Beruf und im Alltag sie nicht mehr oder kaum noch ausführen können und wie ihre Tätigkeiten und Verrichtungen durch ihre Krankheiten/Verletzungen/Leiden gestört werden.

Tipp: Dokumentieren Sie genau – am besten in Tabellenform – wie sich Ihre gesundheitlichen Beschwerden auswirken. Dabei sollten Sie auch keineswegs Tätigkeiten zu Hause, im Garten oder im Hobbybereich vergessen. Der Rentenberater Tibor Jockusch gibt in einem Merkblatt folgendes Beispiel: „Wer keine Kartoffeln mehr schälen oder seine Schuhe nicht mehr zuschnüren kann und deshalb nur noch Schuhe mit Klettverschluss trägt, sollte genau das vortragen.“ Denn es zeige, dass die Feinmotorik gestört ist. Viele Tätigkeiten kämen dann nicht mehr in Frage.

Solche Punkte werden von Antragstellern vielfach vergessen, auch weil man solche Einschränkungen mitunter für so selbstverständlich hält, dass man sie gar nicht mehr registriert. Und vor allem: Mit einer Reihe von Einschränkungen arrangiert man sich im Alltag so, dass man gar nicht mehr an sie denkt. In beruflichen Situationen würden solche Einschränkungen dagegen wieder zum Tragen kommen. Einige Beispiele:

  • Sie tragen schon jahrelang Schuhe mit Klettverschluss – weil es mit dem Schnüren nicht mehr geklappt hat.
  • Oder: Sie benutzen schon lange eine Kartoffelschälmaschine. Auf die Maschine sind Sie „umgestiegen“, weil das Schälen mit der Hand nicht mehr funktioniert.
  • Oder: Sie kaufen schon lange fertig geschnittenes Gemüse, weil es mit dem Schneiden nicht mehr hinhaut.

Um es nochmals zu verdeutlichen: Natürlich hat jeder, der gesundheitlich eingeschränkt ist, unter anderen Restriktionen im Alltag zu leiden. Die Beispiele „Kartoffelnschälen“, „Schuhebinden“ oder „Gemüse schneiden“ wurden hier nur gewählt, um zu verdeutlichen, welche Details bei der Vorbereitung des Gutachtertermins wichtig sind. Und natürlich sind die motorischen Störungen, auf die diese Beispiele hindeuten, längst nicht in allen Berufsbereichen von Bedeutung.

Weitere Beispiele:

  • Müssen Sie sehr oft auf die Toilette? Wie oft? Führen Sie über einige Tage Buch!
  • Leiden Sie häufig unter Schwindel? Wie oft? Wie intensiv? Was machen Sie in diesen Situationen? Denken Sie an Folgendes: Schwindel am Arbeitsplatz gefährdet nicht nur Sie, sondern auch Ihre Kollegen!
  • Welche Tätigkeiten können Sie im Haushalt nicht mehr (allein) verrichten?

Achten Sie dabei auf genaue Formulierungen: Wenn Sie nur noch das Fensterputzwasser und den Abzieher bringen und jemand anders – etwa ein Verwandter – das Putzen übernimmt, dann sollten Sie genau dies angeben und nicht einfach sagen, dass sie Hilfe beim Fensterputzen benötigen. Beachten Sie: Je mehr Tätigkeiten Sie im Haushalt ausführen können, desto geringer ist ihre Chance, dass ihre Rente bewilligt wird. Notieren Sie ggf. auch, wie häufig Sie Pausen bei Ihren Verrichtungen im Haushalt einlegen müssen und wie lange die Pausen dauern.

Natürlich sollten Sie auch auf die (früheren) Einschränkungen im betrieblichen Arbeitsalltag eingehen – doch mit dem Arbeitsalltag haben Sie ja vielfach zum Zeitpunkt, an dem die Begutachtung stattfindet, schon lange nichts mehr zu tun, auch aus diesem Grund sollten Sie ein großes Gewicht auf Haushalt und Hobbies legen.

Diagnosen stellen die Ärzte

Weniger Gewicht sollten Sie dagegen in Ihrer Antragstellung Diagnosen beimessen. Diese gehen ohnehin aus den Berichten Ihrer Ärzte hervor. Selbst wenn gesundheitliche Probleme als schwerwiegend anzusehen sind, spielen sie unter Umständen für einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente keinerlei Rolle. Dies gilt beispielsweise für einen Bluthochdruck, der medikamentös gut eingestellt ist, eine belastende Impotenz, die Entfernung der Gebärmutter oder ein beeinträchtigendes Hautekzem. All dies wirkt sich kaum auf die Erwerbsfähigkeit aus – und somit auch nicht positiv auf die Chancen, eine Rente gewährt zu bekommen. Solche Beeinträchtigungen sollten keinesfalls in den Vordergrund gerückt werden.

So wird die Rente berechnet

Wer 2013 erstmals eine Rente wegen voller Erwerbsminderung erhielt, dem wurden im Monat im Schnitt 613 Euro ausgezahlt. Nach der Rentenreform von 2014 dürften es rund 650 Euro sein. Nicht viel. Im Einzelfall kann die Rente aber auch weit über 1.500 Euro liegen.

Wie hoch Ihre eigene Rente wegen Erwerbsminderung im Falle des Falles ausfallen würde, können Sie der Renteninformation entnehmen, die Ihnen die Deutsche Rentenversicherung jährlich zusendet (ab 27 Jahren). Dort ist die Höhe der „Rente wegen voller Erwerbsminderung“ ausgewiesen. Bei einer Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung müssen Sie den ausgewiesenen Betrag halbieren. Wenn Sie also z.B. bei voller Erwerbsminderung eine Monatsrente in Höhe von 1.000 Euro erhalten könnten, sind es bei teilweiser Erwerbsminderung 500 Euro.

Hierbei handelt es sich aber um Brutto-Beträge. Wenn Sie in der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung pflichtversichert sind, geht hiervon noch Ihr Anteil ab. Ab 2015 sind das in der Regel insgesamt gut zehn Prozent. Wenn Sie in einer besonders günstigen Kasse versichert sind, ist der Abzug etwas geringer.

Fiktive Annahme: Durchschnittsverdiener bis 62

Die Berechnung der Erwerbsminderungsrente funktioniert folgendermaßen: Die gesetzliche Rentenversicherung geht von den Rentenansprüchen aus, die Sie vor dem Eintritt der Erwerbsminderung erworben haben. Entscheidend sind dabei die pro Versicherungsjahr erworbenen so genannten Entgeltpunkte. Diese Ansprüche werden in die Zukunft fortgeschrieben. Wenn Sie also bislang Durchschnittsverdiener waren, werden Sie auch für die Zukunft fiktiv weiterhin als Durchschnittsverdiener eingestuft. Dabei gab es allerdings zum 1.7.2014 eine deutliche Verbesserung: Die Fortschreibung der Ansprüche in die Zukunft („Zurechnungszeit“) wurde um zwei Jahre bis zum 62. Geburtstag verlängert.

Hierzu ein Beispiel: Wer mit 30 – zum Beispiel nach einem schweren Autounfall – schon nicht mehr arbeiten kann, hat bis dahin durch seine eingezahlten Beiträge zwar nur geringe Rentenansprüche erworben. Bei seiner Erwerbsminderungsrente wird aber so getan, als ob er bis zum 62. Geburtstag (bislang: 60. Geburtstag) mit seinem bisherigen Durchschnittsverdienst weiter gearbeitet und Versicherungsbeiträge an die Rentenkasse abgeführt hätte. Diese Zurechnungszeiten sollen dafür sorgen, dass auch Versicherte, deren Erwerbsminderung in jungen Jahren eintritt, finanziell einigermaßen abgesichert sind.

Im Beispielfall werden die 32 fehlenden Rentenbeitragsjahre zwischen 30 und 62 ähnlich bewertet wie die tatsächlichen Beitragsjahre bis zum 30. Lebensjahr. Hat der Versicherte vor dem Unfall gut verdient und hohe Beiträge an die Rentenkasse abgeführt, werden auch die fehlenden Versicherungsjahre bis zum 62. Geburtstag entsprechend hoch bewertet – und umgekehrt. Das Gros der Erwerbsminderungsrentner/innen gehörte allerdings vor dem Eintritt ihrer Erwerbsminderung nicht zu den Gutverdienern.

Zudem gilt seit Mitte 2014 eine günstigere Methode zur Ermittlung des „Ausgangseinkommens“: Wenn die Rentenversicherung ermittelt, welches Einkommen in der Zurechnungszeit „fortgeschrieben“ wird, bleiben nun die letzten vier Versicherungsjahre vor dem Eintritt der Erwerbsminderung außen vor, wenn sie negativ zu Buche schlagen würden. Dieses Verfahren nennt sich „Günstigerprüfung“. Die Neuregelung ist vor allem für diejenigen vorteilhaft, deren Einkommen bereits in den letzten Jahren vor der amtlich festgestellten Erwerbsminderung gesunken ist – etwa durch eine gesundheitsbedingte Verkürzung der Arbeitszeit, Phasen der Krankheit oder den Wegfall von Überstunden.

Die günstigere Einstufung muss nicht beantragt werden. Die Rentenversicherung nimmt diese Prüfung automatisch vor.

Abschläge bleiben

Die nach diesen Regeln ermittelte Rente wird allerdings noch durch Rentenabschläge gekürzt. Diese betragen dabei maximal 10,8 Prozent. Mit einem derart hohen Abschlag muss 2015 rechnen, wer mit 60 Jahren und 9 Monaten oder früher erstmals eine Erwerbsminderungsrente erhält – und das gilt für das Gros der Erwerbsminderungsrentner, da Erwerbsminderung im Schnitt bei gut 50 Jahren eintritt. Nur wer mit 63 Jahren und neun Monaten (oder später) erstmals eine Erwerbsminderungsrente erhält, bleibt von Rentenabschlägen verschont.

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Autor

Rolf Winkel