Aktuell beleuchtet / 16.02.2015

Forschungsnetzwerk Alterssicherung: Unstetes Berufsleben – sicheres Alter?

Wissenschaftler des Forschungsnetzwerks Alterssicherung diskutierten nationale und internationale Probleme – und skizzierten Lösungen.

Zufriedene Rentnerin auf einem Sofa – Bildnachweis: wdv © J.Lauer

Berlin (sth). Der Weg zu einer dauerhaft stabilen Alterssicherung bleibt auf absehbare Zeit eine offene Baustelle. Denn sowohl stabile als auch – erst recht – instabile Erwerbsbiografien sind keine Garantie dafür, dass am Ende des Arbeitslebens ein sorgenfreies Rentner-Dasein steht. Das wurde kürzlich bei der Jahrestagung des renommierten Forschungsnetzwerks Alterssicherung (FNA) bei der Deutschen Rentenversicherung deutlich, bei der rund 130 Wissenschaftler und Experten aus Rentenversicherung und Verbänden zwei Tage lang über die Folgen von „Kontinuität und Diskontinuität in der Altersvorsorge“ diskutierten.

Die aktuelle Lage der Alterssicherung in Deutschland ist zwar gut. Und die anhaltend gute Beschäftigungslage trägt ihren Teil dazu bei, dass das Thema "Altersarmut" derzeit ein wenig aus dem Blickfeld der breiten Öffentlichkeit gerückt ist. Doch die gesetzlich beschlossene schrittweise Senkung des Rentenniveaus und das hierzulande noch immer nicht ausreichend entwickelte Drei-Säulen-Modell zur Altersvorsorge (gesetzliche, betriebliche und private Vorsorge) waren zumindest für einen Teil der in Berlin anwesenden Experten Anlass zur Sorge für die Zukunft. 

Ein Blick auf die Fakten

Den Einstieg in die Tagung bildete – wie bei fast jeder FNA-Jahrestagung – ein Blick auf die Fakten. Und den wagte – aufgrund der kurzfristigen Erkrankung einer angekündigten Referentin – die Sozialwissenschaftlerin Dina Frommert von der Deutschen Rentenversicherung. Ihr Befund anhand einer Analyse der wegweisenden Studie „Altersvorsorge in Deutschland“ (AVID) 2005: Zwar sind vor allem bei Frauen in den alten Bundesländern die Erwerbsbiografien oft durch längere Lücken und Teilzeitarbeit gekennzeichnet. Doch bei einer Betrachtung der Gesamteinkünfte von Haushalten im Alter zeige sich, dass „der Trend zu Diskontinuität (im Erwerbsverlauf, d. Red). nicht immer negative Folgen“ habe, so Frommert. Für die Zukunft ergäben sich durch „veränderte Familienkonstellationen“ allerdings neue Herausforderungen, erklärte die Berliner Rentenexpertin mit Blick auf zunehmende Scheidungsquoten.

Wie sich die Trennung von (Ehe-)Partnern auf die aktuelle Haushaltssituation und die Sicherung des Alters auswirkt, nahm die Bochumer Sozialwissenschaftlerin Notburga Ott unter die Lupe. So hätten 50 Prozent der Haushalte von Geschiedenen mit Kindern „keinen gedeckten Unterhalt“, stellte Ott in Untersuchungen fest. Oft liege dies aber nicht am mangelnden Zahlungswillen der Unterhaltspflichtigen – meistens die Väter –, sondern es gebe „Mangelfälle auf beiden Elternseiten“. Um die Folgen der Scheidung für Frauen zu begrenzen, schlug die Bochumer Forscherin einen „erweiterten Versorgungsausgleich“ vor. Ihre These: Die Auswirkungen der Scheidung auf die Alterssicherung seien ein „Problem, das man zugunsten der Frau innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung lösen könnte“. Zudem forderte Ott auch im Rentenrecht „mehr Anreize für ein anderes Erwerbsmodell“ als das derzeit vor allem in Westdeutschland bevorzugte Vollzeit-/Teilzeitmodell. 

Kindererziehung und Teilzeitarbeit bleiben beliebt

Die mit Abstand häufigste Ursache für eine „Diskontinuität“ – also Unterbrechung – in der Erwerbsbiografie von Frauen ist nach Beboachtung von Stefan Traub, Leiter der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung am Zentrum für Sozialpolitik (ZeS) der Universität Bremen, die Erziehung von Kindern. Dagegen störe bei Männern in der Regel Arbeitslosigkeit einen kontinuierlichen Erwerbsverlauf, konnte Traub anhand einer Analyse von Daten der Deutschen Rentenversicherung beobachten.

Seinen Angaben zufolge hat sich die Zahl der Normalerwerbsbiografien – das sind unter Wissenschaftlern dauerhafte Vollzeitarbeitsverhältnisse – zwischen 1999 und 2009 um etwa 650.000 reduziert. Im gleichen Zeitraum habe es jedoch einen Zuwachs an Teilzeitjobs um etwa 1,1 Millionen gegeben. Der überwältigende Anteil der Jobs mit einem zeitlichen Umfang von weniger als 21 Wochenstunden entfalle auf Frauen, so Traub – sehr oft wegen Kindererziehung.

Auch für die Alterssicherung von Frauen sei bedeutsam, dass die Teilzeitarbeit oft mit Kindererziehung zusammenhänge, erläuterte der Bremer Wissenschaftler. In den alten Bundesländern habe sich das „Hinzuverdienermodell“ von Frauen, die in einer Partnerschaft leben, in den vergangenen Jahrzehnten stark verbreitet. Aber auch in den neuen Ländern gewinne dieses Erwerbsmodell zunehmend an Bedeutung. 

Baukasten für die Alterssicherung

Einen „Baukasten“ für die Alterssicherung nach einem (mehrfach) unterbrochenen Erwerbsleben skizzierte anschließend der Hannoveraner Ökonom und Sozialwissenschaftler Andreas Wagener. Statt ein ausgereiftes Konzept zu präsentieren, entführte er die zahlreichen Renten- und Sozialexperten im Saal auf eine Art Spielwiese. Wageners These: Armut im Alter lässt sich am besten durch eine Begrenzung von Niedrigeinkommen in der Erwerbsphase, geringfügige Änderungen im Rentenrecht und durch eine Stärkung der kapitalgedeckten Zusatzvorsorge erreichen. Ein Ansatz, der zwar im Auditorium nicht unumstritten war, aber für lebhafte Diskussionen unter den Fachleuten sorgte.

Zum Abschluss des ersten Veranstaltungstages skizzierte die Finanzwissenschaftlerin Gisela Färber von der Universität Speyer die „Möglichkeiten und Grenzen eines Wechsels vom Beamten- ins Angestelltenverhältnis“. Scheidet ein Staatsdiener aus dem Beamtenverhältnis aus, zahlt der bisherige Arbeitgeber – offiziell: "Dienstherr" – rückwirkend für die Beamtenjahre Beiträge an die gesetzliche Rentenversicherung, erläuterte Färber. In der Rentenversicherung werde man damit so gestellt, als ob man die ganze Zeit Angestellter gewesen sei. Die Rentenbeiträge würden auf der Grundlage der bisherigen Bruttobezügen berechnet, erklärte die Finanzexpertin. 

Soziales Zusammenwachsen Europas

Chancen und Probleme beim sozialen Zusammenwachsen Europas standen im Mittelpunkt des zweiten Veranstaltungstags. Dazu erläuterte der Kölner Sozialforscher Frank Schulz-Nieswandt zunächst die politischen Rahmenbedingungen, unter denen sich die soziale Sicherung in Europa vollzieht. Demnach ist vor allem die EU-Kommission substanziell für den weiteren sozialen Ausbau der Europäischen Union (EU). Sie eine „epistemische Gemeinschaft“, also „Wissensgemeinschaft“, erläuterte Schulz-Nieswandt. Damit „outete“ er sich als Verfechter eines Denkansatzes, der versucht, politische Steuerung durch die Autorität von Expertengruppen zu erklären.

Wie sich dies auf die Alterssicherungspolitik in der EU auswirkt, erklärte der ebenfalls an der Universität Köln forschende Sozialwissenschaftler Remi Maier-Rigaud anhand der Vorgaben der EU-Kommission im „Weißbuch“ von 2012: Um die Zahl der Berufs- und Ruhestandsjahre in eine „ausgewogenes Verhältnis“ zu bringen, sollten

  • das Ruhestandsalter an die Lebenserwartung gekoppelt,
  • die Möglichkeiten zu einem vorzeitigen Rentenbeginn eingeschränkt,
  • eine längere Lebensarbeitszeit gefördert,
  • die Rentenschere zwischen den Geschlechtern abgebaut und
  • die kapitalgedeckte Altersvorsorge („zweite und dritte Säule“) gestärkt werden.

Maier-Rigauds Fazit aufgrund dieser Marschroute: „Die Reformvorgaben auf europäischer Ebene tragen primär finanziellen Nachhaltigkeitszielen Rechnung.“ Und : „Einseitig wird eine Anhebung der Regelaltersgrenze (in Deutschland derzeit 65 Jahre und vier Monate, d. Red.) bzw. Verlängerung der Erwerbsarbeit gefordert. Grundsätzlich wäre aber eine Diskussion erforderlich, wie die gewonnene Lebenszeit verwendet werden sollte.“

Betriebliche Altersversorgung und „Grenzprobleme“

Einen betont kritischen Blick auf die EU-Politik im Bereich der betrieblichen Altersversorgung warf anschließend der Geschäftsführer des Lobbyverbandes „Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung“ (aba), Klaus Stiefermann. Anhand der im Frühjahr 2014 verabschiedeten „EU-Mobilitätsrichtlinie“ erläuterte der Berliner Versicherungsexperte, wie aus der bereits vor mehr als zehn Jahren von der Wirtschaft geforderten Beseitigung von Hindernissen bei der internationalen Beschäftigung von Arbeitnehmern eine „schier unendliche Geschichte“ wurde.

Dennoch geht es – zumindest den deutschen – Betriebsrenten-Lobbyisten jetzt offenbar zu schnell mit der nationalen Umsetzung der EU-Richtlinie, ließ Stiefermann durchblicken. So wolle die Bundesregierung die Richtlinie noch im laufenden Februar „isoliert verabschieden“, klagte Stiefermann.

Sie sieht vor, dass Anwartschaften auf eine betriebliche Altersversorgung bei einem Wechsel ins Ausland künftig bereits ab einem Alter von 21 Jahren und nach mindestens drei Jahren Betriebszugehörigkeit „unverfallbar“ sind. Bisher sind Betriebsrentenansprüche in Deutschland erst ab einem Mindestalter von 25 Jahren und nach fünf Jahren im Unternehmen gesichert. Bei einem Arbeitgeberwechsel innerhalb Deutschlands oder eines anderen EU-Staates gilt die Richtlinie aber nicht. 

Plädoyer für Europa

Mit einem flammenden – Plädoyer für Europa“ stellte sich der Jenaer Sozialrechtsexperte Eberhard Eichenhofer zum Abschluss der Tagung jedoch gegen eine allzu Europa-skeptische Stimmung unter den versammelten Alterssicherungs-Fachleuten. Eichenhofers Appell: „Wir müssen uns Europa als eine sozialpolitische Veranstaltung vorstellen!“

Oft gelinge das grenzüberschreitende Zusammenwachsen im sozialrechtlichen Bereich bereits, stellte Eichenhofer klar – „aber nicht immer“. Als Beleg verwies er einerseits auf die EU-Verordnung 883/2004, die zum Beispiel die gegenseitige Anerkennung von Rentenversicherungszeiten innerhalb der EU-Staaten sicherstellt. Auf der anderen Seite benannte Eichenhofer zwei Fälle, bei denen Grenzgänger scheinbar durch die immer noch unterschiedliche nationale Ausgestaltung des EU-Sozialrechts benachteiligt wurden.

Doch selbst bei diesen Beispielen sah sich Eichenhofer in der Auffassung bestätigt, dass das soziale Zusammenwachsen Europas in der Praxis gelingt. Denn: „EU-Recht wirkt stets rechtserweiternd, abe nie rechtsverkürzend!“ Ein Schlusswort, für das sich der Sozialrechtsexperte des Beifalls aus dem Saal sicher sein konnte. 

Mehr zum Thema:

  • www.fna-rv.de
    Link zu den Folien der Referenten der FNA-Jahrestagung 2015
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Autor

Stefan Thissen