Nachgefragt / 08.02.2012

„Geld stinkt nicht“

Je kürzer die Botschaft, desto eindringlicher ist sie. Was steckt hinter den vielen wohlfeilen Geld-Sprüchen, -Weisheiten und Werbebotschaften?

Viele Banknoten – Bildnachweis: stocksy.com © Juri Pozzi

„Über Geld redet man nicht“ oder „Geld stinkt nicht“: Wir alle kennen sie, die Sprüche rund ums liebe Geld. Unser Geld-Experte Oliver Mest im ihre-vorsorge.de-Interview zu Sinn, Unsinn und Wahrheit von Geld-Sprüchen.

Geld-Weisheiten und -Sprüche gibt es viele − welcher ist Ihnen am liebsten?

Oliver Mest: Mein Lieblingsspruch ist von André Kostolany, der ja als wahre „Spruch-Maschine“ bekannt geworden ist: „Manchmal ist es besser, eine Stunde über sein Geld nachzudenken, als eine Woche dafür zu arbeiten.“ Denn dieser Spruch trifft ein Kernproblem: Wir freuen uns über 2,3 Prozent Gehaltserhöhung, schauen beim Einkaufen auf jeden Cent, aber schmeißen das Geld an anderer Stelle mit vollen Händen zum Fenster heraus.

Ein Beispiel: Jeder sollte regelmäßig einmal im Monat oder zumindest im Quartal seine Finanzen checken. Bin ich richtig versichert? Zahle ich zu viel Zinsen? Bekomme ich zu wenig Zins für mein Geld? Wer hier über sein Geld nachdenkt, kann schnell einige 100 Euro, vielleicht sogar einige 1.000 Euro im Jahr sparen. Der Aufwand ist gering, der Ertrag immens – leichter lässt sich Geld kaum verdienen.

Wo wir bei Kostolany sind: Ihm wird der Spruch „Wer gut essen will, kauft Aktien, wer gut schlafen will, kauft Anleihen“ zugeschrieben – stimmt das noch?

Oliver Mest: Wer mit seinen Lehman-Zertifikaten auf die Nase gefallen ist, wird wohl auch schlecht geschlafen haben, denn bei Anleihen besteht die Möglichkeit, sein angelegtes Geld komplett zu verlieren. Auch Staatsanleihen – das zeigt die aktuelle Krise – sind davor nicht gefeit, obwohl sie jahrzehntelang als absolut sicher gehandelt worden sind. Diese Weisheit ist also mit Vorsicht zu genießen.

Ein anderer Börsen-Guru – Warren Buffet – hat mal gesagt: „Wer sich nach den Tipps von Brokern richtet, kann auch einen Friseur fragen, ob er einen neuen Haarschnitt empfiehlt.“ Was ist davon zu halten?

Oliver Mest: Dieses Zitat beschreibt ganz gut das Dilemma in der Finanzberatung. Wenn Beratung und Verkauf nicht getrennt werden, besteht immer die Gefahr, dass Berater die Geldanlagen, Versicherungen oder was auch immer empfehlen, an denen sie am meisten verdienen.

Das lässt sich nur dadurch vermeiden, dass man die Beratung vom Abschluss trennt und unabhängige Beratung in Anspruch nimmt. Die aber kostet Geld – und das schreckt natürlich ab. Wer so denkt, sollte sich aber einmal vor Augen halten, dass vermeintliche Gratis-Beratung natürlich auch etwas kostet. Denn der Berater oder Verkäufer bekommt eine Provision, die aus dem Kundengeld bezahlt wird.

„Sparmaßnahmen muss man dann ergreifen, wenn man viel Geld verdient. Sobald man in den roten Zahlen ist, ist es zu spät.“ Dieser Spruch wird dem Industriellen Jean Paul Getty zugeschrieben – aber gilt das auch für mich als „Privatmensch“?

Oliver Mest: Auf jeden Fall! Viele – vor allem Gutverdiener – achten erst dann aufs Geld, wenn es weniger wird, weil zum Beispiel Extra-Zahlungen wegfallen oder der Partner arbeitslos wird. Dann aber ist es meist zu spät, um reagieren zu können. Zu teure Verträge – etwa für das Handy oder Versicherungen – können nicht mehr so schnell gekündigt werden. Der Geld-Schlendrian ist nicht von heute auf morgen auszutreiben.

Man sollte seine Finanzen immer im Blick haben - auch wenn es gerade gut geht. So erkennen Sie finanzielle Probleme leichter und können frühzeitig gegensteuern, wenn es mal schlecht läuft.

Eine andere Weisheit sagt „Wer früh spart, wird später reich“? Was hat es damit auf sich?

Oliver Mest: Hier geht es vor allem um den Zinseszinseffekt. Viele beherzigen diesen Spruch nicht und müssen dafür später bezahlen. Beispiel Altersvorsorge: Spare ich 100 Euro monatlich bei 4 Prozent Rendite über 30 Jahre, komme ich auf fast 69.000 Euro. Spare ich nur 20 Jahre, sind es gerade einmal 37.000 Euro. Um in 20 Jahren auf die gleiche Summe zu kommen, muss ich fast doppelt so viel sparen. Das zeigt, dass es bei der Altersvorsorge wie auch bei vielen anderen Sparzielen vor allem darauf ankommt, dass ich möglichst früh anfange, Geld beiseite zu legen.

„Geiz ist geil“: Das galt und gilt zum Teil immer noch als Parole vieler Menschen. Was ist davon zu halten?

Oliver Mest: Gar nichts, Geiz ist vielmehr gefährlich – und zwar aus zwei Gründen.

Erstens: Wenn wir alle kein Geld ausgeben oder immer auf die Billig-Varianten setzen, dann gefährden wir unseren Wohlstand. Denn Dauer-Dumpingpreise führen dazu, dass Arbeitsplätze in Deutschland verloren gehen – und morgen kann es mein eigener Arbeitsplatz sein, der wegrationalisiert wird.

Zweitens: Wenn Geiz dazu führt, dass wir alle buchstäblich „auf unserem Geld sitzen“, dann sägen wir an dem Wohlstands-Ast, auf dem wir sitzen. Denn ohne Konsum geht unsere Wirtschaft jämmerlich ein – und damit auch der Wohlstand in unserem Land.

„Wenn man jung ist, denkt man, Geld sei alles, und erst, wenn man älter wird, merkt man: Es ist alles!“ Ist das eher zum Schmunzeln, wenn Oscar Wilde das behauptet oder ist da ein Kern an Wahrheit drin?

Oliver Mest: Das Zitat trifft in der heutigen Zeit einen ganz zentralen Punkt: Drohende Altersarmut. Denn die wird eines der zentralen Probleme in 20 oder 30 Jahren sein.

Der Gesetzgeber beschloss vor rund zehn Jahren, das Rentenniveau schrittweise abzusenken. Laut Rentenbericht der Bundesregierung sinkt das Sicherungsniveau der gesetzlichen Rente auf 46,2 Prozent im Jahr 2025. Im Jahr 2010 betrug es noch 51,6 Prozent. Damit ist es an jedem Einzelnen, sich um eine ausreichende Altersvorsorge zu kümmern – und zwar rechtzeitig.

Jetzt haben wir über Geld geredet, dabei sagt doch der Volksmund „Über Geld redet man nicht“. Oder vielleicht besser doch?

Oliver Mest: Wer behauptet, dass man über Geld besser nicht redet, sollte einmal an Kaiser Vespasian denken, der mit dem Spruch „Geld stinkt nicht!“ in die Geschichte einging. Denn natürlich ist Geld ein Thema, das auf den Tisch gehört, das man nicht umgeht, weil es „stinkt“.

Und noch besser wäre es als Thema auf den Lehrplänen der Schulen. Denn während wir in der Schule zwar alles Mögliche auszurechnen lernen, hilft uns niemand dabei, nachzurechnen, wie wichtig private Altersvorsorge ist. In vielen Familien wird das Thema Geld gemieden, die Folge: Kinder haben keinen Bezug zu Geld, und lernen niemals, mit Geld umzugehen. Sie müssen sich alles zum Thema Geld selbst erarbeiten, dabei haben wir Eltern doch Erfahrungen in finanziellen Dingen, die wir weitergeben können.

Und selbst bei Erwachsenen gilt: Warum nicht über Geld reden? (Ver-) Schweigen führt nur dazu, dass Geld-Probleme ungelöst bleiben und immer schlimmer werden. Was soll man damit gewinnen? Lieber reden und offen sein – das hilft bei vielen Geld-Dingen.

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Oliver Mest