Aktuell beleuchtet / 19.10.2015

Kapital oder Rente?

Wenn die private Rentenversicherung ausläuft, müssen sich Versicherte zwischen einer einmaligen Kapitalauszahlung und einer monatlichen Rente entscheiden. Was macht mehr Sinn?

Dokumente und Taschenrechner – Bildnachweis: shutterstock.com © Pressmaster

Bernd S. (63) aus Köln hatte von der Versicherungsgesellschaft, bei der er vor zwölfeinhalb Jahren eine Privatrente abgeschlossen hatte, Post bekommen. Die Alte Leipziger (AL) teilte ihm mit: „Nach den vertraglichen Vereinbarungen beginnt die Zahlung der Rente am 1. Dezember 2015. Ab dem genannten Zeitpunkt werden folgende Leistungen erbracht:

Garantierte Rentenleistung monatlich: 146,33 EUR.“

In der Anlage zum Schreiben bittet die Versicherung um Mitteilung, auf welches Konto die Rente ausgezahlt werden soll.

„Viel ist das ja nicht“, fand Bernd S. und erkundigte sich bei der AL, wie viel er bekommen würde, wenn er sich statt der monatlichen Rente (die später noch jährlich angepasst wird) für eine einmalige Kapitalabfindung entscheiden würde – eine solche Option enthalten die meisten privaten Rentenversicherungsverträge. Die Abfindung belaufe sich auf „etwa 30.600 Euro, der Betrag steht noch nicht genau fest“, teilte ihm die AL telefonisch mit. Ferner erfuhr der 63-Jährige, dass es reiche, wenn er der AL zwei, drei Tage vor Rentenbeginn – also Ende November 2015 – Bescheid gebe, wie er sich entschieden habe.

Nun muss sich Bernd S. also zwischen einer einmaligen Kapitalauszahlung und einer monatlichen Rente entscheiden. Folgende Punkte sollte er dabei beachten: 

Check 1: Ist das Rentenangebot okay?

Bernd S. verglich die beiden Auszahlungsvarianten und tat zunächst das wohl Naheliegendste: Er rechnete. Eine monatliche Rente in Höhe von 146,39 Euro entspricht einer jährlichen Rente von 1.756,68 Euro. Die Rente müsste dann schon 17 Jahre und fünf Monate fließen. Erst dann würde er mehr herausbekommen als bei der angebotenen Einmalzahlung von 30.600 Euro. Lohnt sich das?

Klar ist: Jede Rentenversicherung ist eine Wette auf ein langes Leben. Wer früh stirbt, der verliert. Die durchschnittliche prognostizierte restliche Lebenserwartung eines 63-jährigen Mannes liegt in Deutschland bei knapp 20 Jahren und bei gleichaltrigen Frauen bei knapp 23 Jahren. Schon diese Zahlen zeigen, dass sich eine Entscheidung für die Rente lohnen könnte. Bernd S. hat bislang keine größeren gesundheitlichen Einschläge hinnehmen müssen, seine Eltern sind 78 und 81 Jahre alt geworden – was für deren Generation nicht gerade wenig war. Also könnte er bei den noch zu erwartenden Lebensjahren durchaus den Durchschnitt „schlagen“.

Zudem ist das Rentenangebot seiner Versicherung gar nicht so schlecht, wenn man es mit aktuellen Sofortrentenangeboten vergleicht. Würde Bernd S. sich für die Einmalzahlung von 30.600 Euro in eine Sofortrente entscheiden, so würde er weit weniger erhalten. Beim besten Anbieter, den Vergleichsportale derzeit anzeigen, gibt es für einen 63-Jährigen, der 30.000 Euro in eine monatliche Sofortrente investiert, nur eine monatliche Rente in Höhe von 100,84 Euro. Dass die Rente, die dem Kölner von seiner Versicherungsgesellschaft angeboten wird, weit höher ausfällt, hängt vor allem damit zusammen, dass der Garantiezins im Jahr 2003, als der Vertrag abgeschlossen wurde, immerhin noch bei 3,25 Prozent lag. Inzwischen beträgt er bei neu abgeschlossenen Verträgen nur noch magere 1,25 Prozent.

Auch wer sein Kapital auf dem Geldmarkt anlegen will, muss bedenken, dass bei den derzeitigen Niedrigzinsen nicht viel drin ist. Bei Anlagen in Aktien(-fonds) müssen zudem die Risiken bedacht werden. Dabei sollte man – auch im Rentenalter – nicht unbedingt auf das Kapital angewiesen sein.  

Check 2: Abgaben für Steuern

Nach dem Check Nr. 1 spricht damit für Bernd S. wenig gegen die Wahl der Rentenoption. Bleibt noch die Frage, welche Option im Hinblick auf die Belastung durch Steuern günstiger ist.

In puncto Steuern gibt es leichte Vorteile für die Einmalauszahlung. Diese kann Bernd S. nämlich steuerfrei kassieren. Dies gilt generell für Kapitalabfindungen aus privaten Rentenversicherungen, die vor 2005 abgeschlossen wurden, wenn der Vertrag eine Laufzeit von mindestens zwölf Jahren hatte und mindestens fünf Jahre lang Beiträge gezahlt wurden. Beide Bedingungen sind im Fall von Bernd S. erfüllt. Daher interessiert sich der Fiskus in seinem Fall nicht für eine (mögliche) Kapitalabfindung. Wichtig zu wissen ist jedoch: Dieser Steuervorteil gilt nicht für private Einmalbeitrags-Versicherungen. Hätte Bernd S. also beispielsweise im Jahr 2003 einmalig 20.000 Euro in eine private Rentenversicherung eingezahlt, müsste er auf eine Kapitalauszahlung Steuern entrichten. Dies gilt generell für Kapitalauszahlungen aus privaten Rentenversicherungen, die ab 2005 abgeschlossen wurden. Hier ist die Hälfte des Ertragsanteils der Auszahlung steuerpflichtig.

Und was gilt bei der Steuer, wenn sich der Kölner für die Rentenoption entscheidet? In diesem Fall kann der Fiskus zugreifen – grundsätzlich jedenfalls. Ein geringer Teil der Rente ist nämlich steuerpflichtig – und zwar der so genannte Ertragsanteil. Wie hoch dieser ist, ergibt sich aus § 22 des Einkommensteuergesetzes und hängt vom Alter des Betroffenen bei Renteneintritt ab. Wer wie Bernd S. mit 63 Jahren erstmals die Rente erhält, für den beträgt der Ertragsanteil seiner Rente 20 Prozent. Das sind bei einer Rente von 146,33 Euro pro Monat 29,26 Euro beziehungsweise 351,19 Euro im Jahr. Bei einem Steuersatz von 20 Prozent würde das dann bedeuten, dass im Jahr etwa 70 Euro für Steuern anfallen würden.

Da Bernd S. allerdings künftig neben der möglichen privaten Rente nur noch eine gesetzliche Altersrente von rund 1.100 Euro erhalten wird, muss er einen Zugriff des Finanzamtes nicht fürchten. Er wird de facto auch bei einer Entscheidung für die Rentenoption im Alter keine Steuern zahlen müssen. 

Check 3: Abgaben für die Sozialversicherung

Hinsichtlich der Sozialversicherung gibt es im Fall von Bernd S., der in der gesetzlichen Krankenversicherung pflichtversichert ist, keinen Unterschied zwischen beiden Optionen. Weder bei der privaten Rente noch bei einer Kapitalauszahlung fallen für ihn Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung an.

Etwas anderes gilt nur für die recht kleine Minderheit der Rentner, die im Alter freiwillig gesetzlich krankenversichert sind. Bei ihnen fallen auch auf Privatrenten und genauso auch auf Kapitalabfindungen aus Rentenversicherungsverträgen Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung an. 

Das Fazit

Im Fall von Bernd S. spricht also einiges für die Rentenoption. Er wird sich deshalb wohl für die laufende Rentenzahlung entscheiden. Anders stellt sich die Sache für diejenigen dar, die die Rentenabfindung beispielsweise nutzen möchten, um einen Immobilienkredit zu tilgen oder größere Anschaffungen zu tätigen. Für sie kommt die einmalige Auszahlung des Kapitals in Frage.

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Autor

Rolf Winkel