Aktuell beleuchtet / 17.05.2016

Lebensformen und Familie

Welche Bedeutung hat Familie heute für die Deutschen? Wie sieht es mit Kinderwunsch und Lebensplanung aus? Welche Lebensformen sind wie sehr verbreitet? Das und mehr beleuchtet der „Datenreport 2016“ des Statistischen Bundesamts.

Mutter schaut mit Kleinkind zusammen ein Bilderbuch an am Küchentisch. – Bildnachweis: wdv.de © Jan Lauer

Die Verbindung von Erwerbstätigkeit und der Erziehung von Kleinkindern erweist sich für viele Frauen als schwer umsetzbar. Das und mehr zeigt der Datenreport 2016, den das Statistische Bundesamt kürzlich veröffentlicht hat. Der Sozialbericht befasst sich unter anderem mit Lebensformen, Familie und Kindern.

Zudem wirft der steigende Anteil älterer Menschen erhebliche Probleme für das System der sozialen Sicherung auf und erfordert Hilfeleistungen und Unterstützung für alte Familienmitglieder in privaten Haushalten. Nichteheliche Lebensformen nehmen bei rückläufigen Geburtenraten und hohen Scheidungszahlen zu. 

Einstellungen zu Heirat und Elternschaft

Sinkende Heiratsneigung, zunehmende Kinderlosigkeit und geringe Ehestabilität werden häufig als Ergebnis einer abnehmenden subjektiven Bedeutung der Familie in der Bevölkerung gewertet. Andererseits wird argumentiert, dass hohe Erwartungen an Partnerschaft und Elternschaft ein Hemmnis für die Familiengründung darstellen könnten. 

Bedeutung von Familie

Auf die Frage, ob man eine Familie braucht, um glücklich zu sein, oder ob man allein genauso glücklich leben kann, gibt die überwiegende Mehrheit in den alten und neuen Bundesländern an, dass man eine Familie zum Glück brauche.

In den neuen Bundesländern ist das weiter verbreitet als in Westdeutschland, was sich insbesondere bei den älteren Menschen über 60 Jahren verdeutlicht. So glauben nur 13 Prozent der ostdeutschen Befragten der Altersgruppe ab 61 Jahren, dass man allein genauso glücklich oder glücklicher leben kann. In den alten Bundesländern äußert etwa ein Fünftel dieser Altersgruppe diese Meinung. Überwiegend wird der Familie demnach eine zentrale Rolle für das persönliche Glück zugeschrieben. 

Familie und Glück

Die Trendbetrachtung in den alten Bundesländern zeigt sogar, dass gerade bei jungen Erwachsenen bis 30 Jahre seit den 1980er-Jahren der Stellenwert der Familie gestiegen ist. Während 1984 in Westdeutschland noch weniger als die Hälfte in dieser Altersgruppe glaubte, dass man eine Familie zum Glück braucht, vertraten im Jahr 2014 in West- und Ostdeutschland etwa 70 Prozent diese Ansicht. In Ostdeutschland ist insgesamt bei jungen Erwachsenen weniger Veränderung im Zeitverlauf zu erkennen als in Westdeutschland.

Ältere Personen über 60 Jahre – und zwar mehr als 60 Prozent der Befragten – vertreten die Meinung, dass man heiraten sollte. In den jüngeren Altersgruppen sind die entsprechenden Anteile kleiner. In den jüngeren ostdeutschen Altersgruppen findet diese Ansicht am wenigsten Unterstützung: Nur für etwa ein Drittel stellt ein dauerhaftes Zusammenleben von Partnern einen Grund für eine Heirat dar. 

Heirat und Kinderwunsch

Ein Kinderwunsch wird noch seltener als Heiratsgrund erachtet als das Zusammenleben von Partnern. Etwa 40 Prozent der Westdeutschen stimmen der Aussage zu, dass Menschen, die sich Kinder wünschen, heiraten sollten. In Ostdeutschland liegt der entsprechende Anteil mit 29 Prozent merklich niedriger. Bei älteren Menschen über 60 Jahre ist diese Ansicht wiederum stärker vertreten als bei jüngeren, insbesondere in den alten Bundesländern.

Die geringe Fruchtbarkeit (Fertilität) in Deutschland ist ein vieldiskutiertes familienpolitisches Problem. Politische Maßnahmen, wie eine verbesserte finanzielle Förderung von Eltern oder der Ausbau von Kinderbetreuungsplätzen, sollen die Randbedingungen für die Kindererziehung verbessern und somit die Entscheidung für ein Kind erleichtern.

Die meisten bisher kinderlosen Männer und Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren äußern den Wunsch Kinder zu bekommen: 93 Prozent in Westdeutschland und 94 Prozent in Ostdeutschland. Bei den Befragten von 31 bis 50 Jahre geht dieser Anteil auf 52 Prozent in den alten und 63 Prozent in den neuen Bundesländern zurück. Auch junge Erwachsene bis 30 Jahre, die schon Kinder haben, äußern überwiegend den Wunsch nach weiteren Kindern, während bei Frauen und Männern über 30 Jahre mit Kindern der Wunsch nach weiteren Kindern deutlich weniger verbreitet ist. 

Kinder in der Lebensplanung

Gerade die jüngste Altersgruppe misst der Familie somit nicht nur in einem abstrakten Sinn eine hohe Bedeutung zu, sondern sieht auch eigene Kinder in der Lebensplanung vor. In allen Altersgruppen überwiegt bei Kinderlosen der Wunsch nach zwei Kindern. Der Wunsch nach drei oder mehr Kindern wird häufiger genannt als der nach nur einem Kind. Dabei sind Ost-West-Differenzen zu erkennen. Seltener als in den alten Bundesländern äußern junge Erwachsene bis 30 Jahre aus den neuen Bundesländern den Wunsch nach drei oder mehr Kindern.

Der Anteil, der sich nur ein Kind wünscht, ist in Ostdeutschland dagegen größer als bei westdeutschen Befragten. Demgemäß liegt die durchschnittlich gewünschte Kinderzahl in Westdeutschland mit 2,2 Kindern bei den jüngeren kinderlosen Befragten und 1,9 Kindern bei den älteren auch etwas höher als in Ostdeutschland, wo sie bei den 18- bis 30-Jährigen bei 2,0 und bei den 31- bis 50-Jährigen bei 1,8 liegt. 

Familie, Partnerschaft und Wohlbefinden

Das subjektive Wohlbefinden ist nicht unabhängig von der Lebensform der Menschen. Die allgemeine Lebenszufriedenheit, gemessen auf einer Skala von 0 (ganz und gar unzufrieden) bis 10 (ganz und gar zufrieden), ist bei Paaren mit und ohne Kinder mit 7,8 Skalenpunkten am höchsten. Eine niedrige Lebenszufriedenheit äußern Geschiedene beziehungsweise getrennt Lebende und Alleinerziehende: Die durchschnittliche Zufriedenheit mit dem Leben beträgt bei den Geschiedenen und getrennt Lebenden 6,9 und bei Alleinerziehenden 6,8. Weiterhin liegt die Lebenszufriedenheit der ledigen Personen mit 7,0 Skalenpunkten unter dem Gesamtdurchschnitt von 7,6. 

Familie und Zufriedenheit

Der Familie kommt nicht nur eine zentrale Bedeutung in der Bevölkerung zu, sie wird auch überwiegend mit einer hohen Zufriedenheit bewertet. Der Anteil der Befragten, der sich völlig oder sehr zufrieden mit dem Familienleben äußert, liegt bei über 50 Prozent. Diejenigen, die mit dem Familienleben zufriedenen sind, finden sich meist unter Ehepaaren ohne Kinder und bei Ehepaaren mit kleineren Kindern. Insbesondere Geschiedene und getrennt Lebende, aber auch Ledige äußern eine geringe Familienzufriedenheit. Während Zufriedenheit stärker die kognitiv bewertende Komponente des subjektiven Wohlbefindens erfasst, zielt die Frage nach dem Glück mehr auf die emotionale Komponente. 

Lebensformen und Glück

Betrachtet man, wie glücklich Personen in den verschiedenen Lebensformen mit ihrem Leben sind, so fallen vor allem getrennt Lebende und Geschiedene auf: Unter ihnen sind besonders wenige glücklich. Während Verwitwete bei der Lebenszufriedenheit nahe am Durchschnitt liegen, beurteilen in dieser Gruppe nur 28 Prozent ihr Leben als glücklich.

Die Betroffenen konnten sich bei der kognitiven Bewertung ihrer Lebensumstände mit der Zeit offenbar an den Tod des Ehepartners anpassen und sind mit ihrem Familienleben durchaus nicht unzufrieden; der Anpassung im emotionalen Bereich sind bei einem derartigen Verlust aber offenbar engere Grenzen gesetzt. Gerade bei Verwitweten beeinträchtigt Einsamkeit das emotionale Wohlbefinden. So sind verwitwete Männer und Frauen vergleichsweise häufig einsam: Ein Viertel gibt an, immer oder oft einsam zu sein.

Der Tod des Ehepartners hinterlässt deutliche Spuren im subjektiven Wohlbefinden, wenn auch das Leben insgesamt positiv bewertet wird. Auch in anderen Lebensarrangements ist dieses spezifische Defizit verstärkt vorzufinden. 

Alleine leben

Menschen, die alleine leben, sind insgesamt häufiger einsam als Personen in anderen Lebensformen, wenn auch seltener als Verwitwete. Auch Alleinerziehende fühlen sich oft einsam, obwohl sie mit ihren Kindern im Haushalt leben. Offensichtlich begünstigt das Fehlen eines vertrauten erwachsenen Menschen im Alltag das Gefühl von Einsamkeit.

Diese Ergebnisse stützen die überwiegende Einschätzung der Bevölkerung, dass der Familie eine hohe Bedeutung für das persönliche Glück zukommt.

Der Wandel der familialen Lebensformen mit einer Zunahme von Singles und sogenannten alternativen Familienmodellen drückt einerseits zwar aus, dass die Wahlfreiheit gestiegen ist. im Hinblick auf das subjektive Wohlbefinden lassen sich allerdings auch negative Entwicklungen identifizieren, die mit der weiteren Verbreitung dieser spezifischen Lebensformen an Gewicht gewonnen haben. 

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Autor

Karl-Josef Steden