Nachgefragt / 06.08.2012

Reha für Kinder und Jugendliche

Es gibt immer mehr chronisch kranke Kinder und immer häufiger psychisch auffällige Jugendliche. Gleichzeitig gehen die Anträge für Kinder- und Jugendlichen-Reha zurück. Hubert Seiter, Vorsitzenden der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, über die Gründe.

Eine Physiotherapeutin macht mit einer Jugendlichen eine Gymnastikübung mit einem Gymnastikball. Bildnachweis: F1online © Image Source Salsa

Herr Seiter, die chronischen Krankheiten bei Kindern und Jugendlichen werden nicht weniger. Weshalb gehen die Antragszahlen für Kinder- und Jugend-Reha bei Ihnen zurück?

Hubert Seiter: Dass immer weniger Kinder zur Welt kommen, ist sicher eine Erklärung. Zwischen 2005 und 2010 ist die Zahl der Kinder unter 18 Jahre bundesweit um rund neun Prozent zurückgegangen, die Anträge aber um 16 Prozent. Wir müssen uns fragen, woran das liegt. Ist es die unberechtigte Angst vor Schulausfall? Fehlen manchen Eltern ein paar Euro, die ihr Kind bei an sich kostenloser Reha benötigt? Ist es der Wegfall des Ernährungszuschusses bei Eltern mit Hartz 4, wenn das Kind in der Reha ist? Wissen Schulen, Ärzte usw. zu wenig über unsere Angebote? Mit diesen Fragen müssen wir uns beschäftigen und auch Antworten finden.

Wie groß schätzen Sie den Bedarf an diesen Leistungen ein?

Hubert Seiter: Der Bedarf ist deutlich höher als die Zahl der Anträge, die bei uns eingehen. So gibt es in Deutschland rund 600.000 Kinder zwischen sieben und 18 Jahren, die an Asthma leiden. Davon haben nur 7.874, also etwa 1,3 Prozent, im vergangenen Jahr einen Antrag auf eine Reha-Maßnahme gestellt. Bei derartigen Zahlen drängen sich weitere Fragen auf. Stimmt unser Angebot noch? Vermag der Haus- oder Kinderarzt die Eltern nicht von der Sinnhaftigkeit einer Kinder- bzw. Jugendlichen-Rehabilitationsmaßnahme zu überzeugen? Oder ist tatsächlich etwas dran an der Aussage, „dass chronisch kranke Kinder und Jugendliche für das Gesundheitssystem lohnender sind als rehabilitierte Kinder und Jugendliche“?

Weshalb finanziert die Deutsche Rentenversicherung überhaupt Rehabilitationen für Kinder und Jugendliche?

Hubert Seiter: Die Rentenversicherung funktioniert nach dem Umlageprinzip; mittel- und langfristig, aber nur dann, wenn genügend gesunde Beitragszahler die aktuellen Renten finanzieren. Wir sind deshalb auf Beitragszahler angewiesen. Und deshalb ist es unser Ziel, allen Jugendlichen gesund und gut ausgebildet den Start ins Berufsleben zu ermöglichen.

Wie viel kostet eine Reha für Kinder und Jugendliche?

Hubert Seiter: Eine Reha-Maßnahme für Kinder dauert zwischen vier und sechs Wochen. Bei schweren Erkrankungen (Krebs oder Mukoviszidose, die nicht selten auch in Begleitung eines Elternteils oder von Geschwistern durchgeführt werden) auch deutlich darüber. Ein Tag Kinder-Reha kostet im Schnitt nur 120 Euro, also so viel – salopp formuliert – wie die Unterkunft in einem Mittelklassehotel, aber mit zusätzlich hochwertigen medizinischen, therapeutischen und schulischen Leistungen.

Die Kinder gehen also während ihrer Reha in die Schule?

Hubert Seiter: Jede Kinderrehabilitationseinrichtung verfügt über sehr gute schulische Angebote. Staatlich anerkannte Lehrer halten den Unterricht ab – immer in Abstimmung mit der Heimatschule.

Wegen welcher Krankheiten kommen Kinder und Jugendliche in die Reha?

Hubert Seiter: Das sind zum einen sehr schwere Erkrankungen wie Krebs oder Mukoviszidose. Zum anderen aber Zivilisationskrankheiten wie Ernährungs- und Stoffwechselerkrankungen und damit einhergehend die Adipositas. Auch die Neurodermitis ist hier zu nennen sowie die psychischen und Verhaltensstörungen.

Gibt es Untersuchungen über die Wirksamkeit von Kinder- und Jugend-Reha?

Hubert Seiter: Die Rehabilitation für Kinder und Jugendliche ist bislang leider zu wenig erforscht. Unsere Angebote sind aber zwischenzeitlich so qualifiziert und flexibel, dass auch schwerwiegende Erkrankungen – Krebserkrankungen, Mukoviszidose und angeborene Herzschwäche – sehr gut und wenn nötig mit familiärer Unterstützung behandelt werden können. Nachhaltigkeit sichern wir zunehmend dadurch, dass wohnortnah mehrere Monate weiter behandelt wird. Gerade bei diesen Krankheiten ist dies sehr wichtig.

Weshalb werden die Angebote dann so wenig genutzt? Kann es sein, dass die Haus- und Jugendärzte diese Möglichkeit zu selten empfehlen?

Hubert Seiter: Kinder-, Jugend- sowie Hausärzte kritisieren immer noch, dass die Kinder-Rehabilitation eine isolierte Maßnahme sei. Es fehle die Vernetzung zu den vorausgegangenen und den nachgehenden medizinischen Versorgungssystemen. Mit Kombi-Angeboten zusammen mit der Krankenversicherung versuchen wir die Nachhaltigkeit des Reha-Erfolgs zu sichern.

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