Nachgefragt / 07.03.2014

Reha wird immer wichtiger

Rehabilitationswissenschaftliches Kolloquium: Hubert Seiter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, fordert Finanzierungssicherheit für die Reha.

Älterer Mann bei der Massage. Bildnachweis: fotolia.com © Africa Studio

Karlsruhe (drv/fm). Vom 10. Bis 12. März öffnet das „Rehabilitationswissenschaftliche Kolloquium“ seine Tore in Karlsruhe. Die Tagung gilt als das größte Diskussionsforum für die Rehabilitationsforschung in Deutschland. Bis Mittwoch treffen sich in Karlsruhe 1.500 Reha-Experten – darunter Ärzte, Wissenschaftler, Psychologen und Therapeuten. Veranstalter sind Deutsche Rentenversicherung Bund, die Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg und die Deutsche Gesellschaft für Rehabilitationswissenschaften. Hubert Seiter, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, fordert im Interview mit ihre-vorsorge.de Finanzierungssicherheit für die Rehabilitation.

Jeder Reha-Kongress steht unter einem Motto. Weshalb haben die Veranstalter in diesem Jahr den Schwerpunkt bei „Arbeit-Gesundheit-Rehabilitation“ gesetzt?

Hubert Seiter: Es geht darum, dass wir alle länger gesund unserer qualifizierten Arbeit nachgehen. Die Rente mit 67 kommt. Insofern passt das Kongressthema „Arbeit – Gesundheit – Rehabilitation“ in die Zeit, in der wir darüber reden müssen, wie wir das schaffen. Dass wegen des demografischen Wandels und dem damit einhergehenden Fachkräftemangel künftig Reha noch wichtiger wird, muss, denke ich, nicht weiter erklärt werden. Die Zukunft unserer Gesellschaft hängt entscheidend davon ab, dass der Generationenvertrag eingehalten wird. Ein funktionierender Sozialstaat – und Reha ist ein wichtiger Teil davon – ist Garant für den sozialen Frieden. Dem muss die Politik Rechnung tragen.

Reha braucht Finanzierungssicherheit, um ihre Aufgaben wahrnehmen zu können. Was wir also brauchen, ist keine lohnsummenorientierte Anpassung eines willkürlich festgesetzten Budgets mit einer minimalen demografischen Komponente. Das Reha-Budget muss den tatsächlichen Bedarf abbilden und die gesellschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen berücksichtigen.

Neben der Demografie sind Veränderungen im Krankheitsspektrum zu berücksichtigen. Immer mehr psychosomatische Erkrankungen beispielsweise brauchen passende Reha-Maßnahmen. Die im Gesetzesvorhaben der Bundesregierung vorgesehene Budget-Erhöhung um 200 Millionen Euro jährlich ist zwar mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein. Für bedarfsgerecht halte ich das allerdings nicht. Die Diskussionen im Rahmen dieses Kongresses werden zeigen, dass die politische Erwartung, nämlich bis 67 zu arbeiten, kaum realisiert werden kann, wenn jährlich nur rund drei Prozent der Erwerbstätigen eine Reha in Anspruch nehmen.

Welchen Stellenwert hat die Reha für die Rentenversicherung?

Hubert Seiter: Neben unserem „Standardgeschäft“ Rente und Altersvorsorge erfüllen Prävention und Reha die Aufgabe, es erst einmal gar nicht zu einer Frührente kommen zu lassen. Reha soll die Menschen wieder fit machen für den Job und das gesellschaftliche Leben. Das hilft dreifach: Jedem Versicherten, der nach einer Reha wieder arbeiten kann. Es hilft dem Arbeitgeber, der einen Beschäftigten in seiner Belegschaft halten kann. Und es hilft der Solidargemeinschaft der Rentenversicherten, die keine vorzeitige Rente zu bezahlen hat.

Wer nutzt das Forum eines solchen Kongresses?

Hubert Seiter: Mehr als 1500 Experten aus Forschung, Medizin, Psychologie, Gesundheitsmanagement, Verwaltung, Wirtschaft und Politik treffen sich in Karlsruhe. Sie suchen Wege, Prävention und Rehabilitation noch stärker miteinander und mit der Arbeitswelt zu vernetzen, um kranke und behinderte Menschen wieder am Arbeits- und gesellschaftlichen Leben teilhaben zu lassen und damit auch die Inklusion zu stärken. Hier findet ein wissenschaftlicher Austausch statt, der letztendlich jedem einzelnen Rehabilitanden zugute kommt und ganz konkret nutzt.

Welche Rolle spielt die Forschung für die Reha?

Hubert Seiter: Eine ganz wichtige. Ohne Forschung und Evaluation dessen, was wir in der Reha tun, arbeiten wir ins Blaue hinein. Reha als ein immer wichtiger werdender Teil der Medizin muss stetig hinterfragt und beforscht werden. Allerdings müssen wir sicherstellen, dass gewonnene wissenschaftliche Erkenntnisse noch besser in die Reha-Praxis übertragen werden. Es gilt, konkrete Forschungsergebnisse im Reha-Alltag umzusetzen. Die Rentenversicherung muss Einzelerkenntnisse der Wissenschaft bewerten, so dass Reha nicht nur punktuell regional, sondern bundesweit profitiert.

Können auch Versicherte unmittelbar am Kongress teilnehmen?

Hubert Seiter: Indirekt ja. Mir ist es ein wichtiges Anliegen, diejenigen, über die die Kongressteilnehmer diskutieren und reden – die Patienten und Rehabilitanden – selbst zu Wort kommen zu lassen. Deshalb diskutieren die Reha-Experten – dem Motto des SGB IX „Nichts über uns ohne uns“ getreu – mit Selbsthilfe-Vertretern in Karlsruhe die Frage, wie Rehabilitation durch Einbindung der Selbsthilfe gestärkt und weiterentwickelt werden kann. Sozusagen als Sprecher der Versicherten und der Arbeitgeber kommen auch Vertreter der Selbstverwaltung beim Kongress zu Wort.

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Autor

Dr. Friedrich Müller