Aktuell beleuchtet / 21.07.2016

Sparen am falschen Ende

Gut 180.000 Künstler und Journalisten sind inzwischen über die Künstlersozialkasse pflichtversichert. Allzu hohe Rentenansprüche erwerben die meisten von ihnen nicht – zum Teil auch, weil die Versicherten häufig ihr beitragspflichtiges Einkommen herunterrechnen. Damit schneiden sie sich aber ins eigene Fleisch.

Bleistift und Taschenrechner – Bildnachweis: shutterstock.com © sebra

Wer von freiberuflicher künstlerischer und journalistischer Tätigkeit lebt, kann sich über die Künstlersozialkasse versichern, wie Maler, Schauspieler, Musiker und Autoren. Weil den Betroffenen früher notorisch Altersarmut drohte, wurde vor 32 Jahren die Versicherungspflicht für Künstler eingeführt.

Die Versicherung beginnt allerdings erst mit der Anmeldung bei der Künstlersozialkasse (KSK). Wer sich nicht meldet, ist auch nicht versichert. 

Wer sich anmeldet, muss zahlen

Versicherungspflicht bedeutet auch Beitragspflicht. Die Versicherten müssen monatlich Beitragszahlungen an die Künstlersozialkasse leisten. Grundlage sind dabei ihre Einkünfte aus selbstständiger künstlerischer oder publizistischer Tätigkeit. Wer viel verdient, muss also auch höhere Beiträge zahlen.

Wichtig allerdings: Die Betroffenen zahlen jeweils – genau wie Arbeitnehmer – nur die Hälfte der Beiträge. Bei der gesetzlichen Rentenversicherung liegt der Beitragssatz beispielsweise derzeit bei 18,7 Prozent. Die Hälfte davon sind 9,35 Prozent und so viel zahlen die Versicherten. Den Rest steuern der Staat und die Unternehmen zu, die Aufträge an Künstler vergeben – etwa die Verlage. Sie beteiligen sich mit einer sogenannten Künstlersozialabgabe. 

Einkünfte melden

Die Versicherten müssen jährlich immer zum 1. Dezember ihre voraussichtlichen Einkünfte schätzen, die sie im kommenden Jahr erzielen werden. Diese Schätzung ist dann Grundlage der Beitragserhebung. 

Beispiel:
Bei geschätzten monatlichen Einkünften in Höhe von 2.500 Euro zahlt ein KSK-Versicherter 233,75 Euro für die Rentenversicherung. Hinzu kommen noch 210 Euro für die Krankenversicherung und 29 Euro für die Pflegeversicherung. Beiträge zur Arbeitslosenversicherung zieht die Künstlersozialkasse nicht ein. Die Betroffenen können sich aber unter Umständen über die freiwillige Arbeitslosenversicherung bei den Arbeitsagenturen versichern. 

Die letzten Daten liegen zum 1. Januar 2015 vor: Die durchschnittlich gemeldeten Jahreseinkünfte lagen zu diesem Zeitpunkt bei 15.425 Euro. Das sind gerade einmal 1.285 Euro im Monat. Zum Vergleich: Das (vorläufige) jährliche Durchschnittseinkommen aller gesetzlich Versicherten liegt 2016 bei 36.267 Euro. Nach den Schätzungen der Künstler verdienen sie damit nur 42,5 Prozent des Durchschnittseinkommens. 

Rente fällt niedrig aus

Das hat Auswirkungen auf die Rente: Künstler erhalten dann auch nur 42,5 Prozent der Rente eines Durchschnittsverdieners. Auf dem Rentenkonto werden dann im Jahr 42,5 Prozent eines Entgeltpunkts, also 0,425 Entgeltpunkte, gutgeschrieben. Wer 40 Jahre auf diesem Niveau einzahlt, kommt auf 17 Entgeltpunkte. Das gibt eine monatliche Rente in Höhe von 518 Euro brutto. In den neuen Bundesländern ist es geringfügig mehr. Doch generell gilt: Wer nur so niedrige Rentenbeiträge einzahlt, bekommt nur eine Rente unterhalb des Sozialhilfeniveaus.

Stimmt also das Bild des armen Künstlers oder Journalisten noch immer? Zum Teil, denn die Vermutung liegt nahe, dass sich zahlreiche Künstler auch „arm rechnen“, um geringere Beiträge an die Sozialversicherung zu zahlen. Das Motto „Geiz ist geil“ wird dabei auch von privaten Versicherungsvermittlern geschürt, die unter der Hand oder auch ganz offen dazu raten, nur Mini-Einkünfte zu melden und das „gesparte“ Geld in der privaten Altersvorsorge anzulegen.

Pflichtversicherung lohnt sich

Gerade angesichts des historischen Zinstiefs ist die private Altersvorsorge aber schon lange nicht mehr wirklich profitabler. Die gesetzliche Rente ist weit besser als ihr Ruf, befand die Zeitschrift Finanztest der Stiftung Warentest bereits 2014 bei ihrem Vergleich von gesetzlicher und privater Rente. Seitdem sind die Erträge privater Rentenversicherungen weiter gesunken. Einzahlungen in die gesetzliche Rentenkasse lohnen sich daher richtig. Das gilt dann aber erst recht für die Pflichtversicherung der Künstler. Wer sich freiwillig gesetzlich versichert, muss die Beiträge dafür allein schultern. Bei pflichtversicherten Künstlern trägt dagegen die Künstlersozialkasse die Hälfte der Beiträge. Für die halben Beiträge gibt es also den doppelten Ertrag. 

Beispiel:
Wenn ein 65-jähriger Versicherter 10.000 Euro in eine private Sofortrente einzahlt, bringt ihm das bei einem guten Anbieter eine Jahresrente von 422,46 Euro. Zahlt er den gleichen Betrag in die gesetzliche Rentenversicherung ein, bringt ihm das nach den derzeitigen Werten eine Jahresrente von 538,81 Euro (alte Bundesländer). Das sind schon rund 116 Euro mehr. Der Clou allerdings ist, dass der gesetzlich Versicherte von den 10.000 Euro nur die Hälfte zahlt, die andere Hälfte schießt die Künstlersozialkasse zu. Tatsächlich zahlt er also nur 5.000 Euro ein. Die Rendite der gesetzlichen Rentenversicherung ist dadurch für Künstler absolut unschlagbar. Auf jeden Fall sollte man deshalb seine Einkünfte realistisch schätzen und nicht nach unten hin „korrigieren“.

Auswirkungen auf die Krankenversicherung

Es fallen dann zwar auch höhere Krankenversicherungsbeiträge an, aber vor allem wird auch das mögliche Krankengeld höher. KSK-Versicherte erhalten spätestens ab der siebten Krankheitswoche Krankengeld. Bei ihrer Krankenkasse können Künstler einen Wahltarif mit Krankengeld-Zahlung ab der dritten Krankheitswoche abschließen. Den gibt es beispielsweise schon für acht Euro pro Monat. Generell gilt aber: Wer seine Einkünfte herunterrechnet, bekommt im Krankheitsfall auch weniger Krankengeld. Das ist natürlich gerade für ältere und gesundheitlich angeschlagene Künstler gefährlich.

Künstler können jederzeit ihre Einkommensprognose ändern. Dann zieht die KSK ab dem Folgemonat höhere Beiträge ein. Korrekturen für die Vergangenheit gibt es allerdings nicht. Wer seine Einkünfte einmal zu niedrig geschätzt hat, bleibt für die Vergangenheit auf dieser niedrigen Einschätzung „sitzen“. Ein Nachentrichten von Beiträgen für die Vergangenheit ist nicht möglich.

Autorenbild

Autor

Rolf Winkel