Aktuell beleuchtet / 04.10.2016

Was bieten Versicherungs-Apps?

„Alle Versicherungen auf einen Blick“ oder „Nie mehr Verträge suchen“: Das versprechen Versicherungs-Apps. Aber was steckt tatsächlich dahinter? Welche Vorteile haben die Kunden, wenn sie diese Apps nutzen? Und welche Nachteile sind nicht auf den ersten Blick ersichtlich? Antworten auf die wichtigsten Fragen gibt es hier.

Mann mit Tablet – Bildnachweis: wdv © Lauer, Jan

Was muss ich machen, um die App zu nutzen?

Der Kunde lädt die App auf sein Smartphone herunter und gibt nach einer Autorisierung über die Handynummer an, bei wem er versichert ist. Mit dem Absenden des entsprechenden Formulars erfolgt eine sogenannte Bestandsübertragung: Der bisherige Betreuer wird von der Versicherungsgesellschaft informiert, dass der Kunde einen neuen Betreuer hat. Der Versicherungsvertrag wandert damit zum neuen Berater, der dafür verantwortlich ist. 

Was sind die Konsequenzen?

Der neue Berater – also der App-Betreiber – tritt in alle Rechte und Pflichten aus dem Vertrag ein. Am wichtigsten ist natürlich, dass der Provisions- und Courtageanspruch auf ihn übergeht – er verdient damit zukünftig die Provisionen aus dem Vertrag. Gleichzeitig ist er aber auch dafür verantwortlich, dass der Vertrag zur Lebenssituation des Kunden passt und ausreichenden Schutz bietet.

Hier kommen die App-Lösungen schnell an Grenzen: Früher reichte oft ein Anruf beim Berater, um den Schutz anzupassen. Manche Makler bzw. Vermittler kannten den Kunden auch so gut, dass sie aus deren Sorgfaltspflicht heraus auf veränderte Lebensumstände reagiert und Angebote unterbreitet haben. Dem schieben die Apps einen Riegel vor: So heißt es in einer Datenschutzerklärung, dass der individuelle Versicherungsbedarf nur ermittelt wird, soweit hierfür „erkennbar Anlass“ besteht. Wie dieser Anlass aussehen soll, wenn ausschließlich über Smartphone standardisiert vermittelt wird, bleibt das Geheimnis des App-Betreibers. 

Kann ich auf alle Versicherer zugreifen?

Grundsätzlich werden erst einmal alle relevanten Versicherer als mögliche Partner angeboten. Allerdings findet sich im Kleingedruckten einiger Apps auch der Hinweis, dass nicht mit allen Versicherern zusammengearbeitet wird, sondern nur mit einer eingeschränkten Versicherer- und Vertragsauswahl. Zum Beispiel werden günstige Direktversicherer nicht immer angeboten, ebenso Anbieter mit attraktiven Nettopolicen, die ohne Provisionen kalkuliert sind und auch alle anderen Versicherer, die nicht mit dem App-Anbieter zusammenarbeiten wollen. Die Liste der Versicherer, die nicht mitmachen, kann also lang werden.

Und was passiert dann, wenn der Kunde einen Vertrag bei einem günstigen Direktversicherer hat oder eine rentable Altersvorsorge ohne Provisionsanteil? Entweder schiebt der App-Betreiber dem gewünschten Wechsel einen Riegel vor, er verzichtet auf das Geldverdienen oder muss den Kunden zum Wechsel bewegen, wenn er selbst Geld verdienen will. 

Wird der Schutz günstiger?

Das ist gar nicht unbedingt das Versprechen aller App-Betreiber. Fakt ist: Der übertragene Vertrag wird durch den Wechsel des Betreuers und die Übertragung in die App erst einmal nicht verändert – kann also auch nicht günstiger werden. Schlägt der App-Betreiber später eine Kündigung des bestehenden Vertrages und Wechsel des Versicherers vor, stehen manche Versicherer und Vorsorgemodelle womöglich gar nicht zur Auswahl. Der App-Betreiber müsste aus eigenem Antrieb auf die Suche nach einem günstigeren Anbieter gehen – und das auf die Gefahr hin, dass die Kundenersparnis auch seine Provision schmälert. Wer ein paar Vorschäden in der Haftpflicht- oder Hausratversicherung hat, ist zudem gar nicht mehr bei jeder – günstigen – Versicherungsgesellschaft versicherbar. Hier ist umfassende Beratung wichtig. 

Wird mein Versicherungsschutz besser?

Das wird sich zeigen müssen. Betreiber dieser Apps wiesen im Kleingedruckten schon einmal darauf hin, dass der Versicherungsbedarf durch den App-Betreiber nicht umfassend ermittelt wird und es auch keine Verpflichtung zur Risikoanalyse gibt. Um den bestehenden Schutz zu optimieren, ist aber genau das erforderlich und der Kunde müsste auf den App-Betreiber zugehen. 

Was ist denn im Schadensfall?

Ansprechpartner soll dann auch das Call-Center des jeweiligen App-Betreibers sein, der die entsprechenden Formulare zur Verfügung stellt oder Ansprechpartner nennt. 

Was ist die Motivation der App-Betreiber?

Zunächst einmal ist es eine finanzielle Motivation, weil die zukünftige Courtage der übertragenen Verträge bei den App-Betreibern landet. Vor allem dürfte aber das Folgegeschäft interessant sein, also das sogenannte Cross-Selling. Einmal gewonnene Kunden können dann per Mail oder telefonisch für weitere Versicherungs- oder auch andere Geld-Produkte angesprochen werden. 

Warum nutzen viele die App?

Es klingt reizvoll, alle Versicherungsunterlagen an einem Ort gebündelt zur Einsicht zu haben – obwohl auch viele Versicherungsgesellschaften und Makler mittlerweile solche Online-Konten anbieten. Ein Hauptgrund könnte aber auch sein, dass vor allem internetaffine Kunden den Wechsel spannend finden und zum eigenen Berater auch kaum eine Bindung haben.

Zudem kümmern sich viele Berater nicht um Bestandskunden mit ein paar günstigen Versicherern: Der Aufwand für die Beratung ist hoch, die Courtage gering. Diese „unbetreuten Kunden“ sind offen für neue Angebote – viele Makler, Vermittler und Berater, die Kunden an die App-Anbieter verlieren, müssen sich also auch an die eigenen Nase fassen. Allerdings verdienen die App-Betreiber natürlich auch nicht mehr als der klassische Makler - ob sie also dauerhaft mehr Zeit und Mühe in die Beratung investieren können, wird sich erst zeigen müssen.  

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Autor

Oliver Mest