Rente / 27.07.2017

Kampagne für mehr Sozialforschung

Sozialstaats-Repräsentanten fordern mehr Förderung sozialpolitisch orientierter Expertise.

Berlin/Offenbach (sth). Für einen "Wiederaufbau" der sozialpolitischen Forschung an deutschen Universitäten machen sich die Deutsche Rentenversicherung sowie namhafte Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Gesellschaft stark. In einem gemeinsamen Aufruf, der jetzt in der Zeitschrift "Wirtschaftsdienst" veröffentlicht wurde, setzen sich Sozialpolitiker sowie die Repräsentanten von Kirchen, Sozialverbänden und Rentenversicherung für eine "Rekultivierung" der Forschung über den deutschen Sozialstaat ein. Ohne eine eine verstärkte sozialpolitische Forschung "können wir die souveräne Gestaltungshoheit über unsere Zukunft nicht gewinnen", heißt es in dem Aufruf zur Begründung (siehe erster Link unten).

Hintergrund des bemerkenswerten Vorstoßes ist eine schon vor mehr als zwei Jahren von Wissenschaftlern verschiedener Diziplinen vorgelegte Analyse, nach der sich die deutsche Sozialstaatsforschung "am Scheideweg" befinde. Die Sozialpolitik verschwinde bereits seit den 1990er-Jahren "zunehmend aus dem universitären Wissens- und Ausbildungssystem in Deutschland", kritisierten die Sozialexperten. Damit fehle die "öffentliche, andauernde, begleitende, empirisch fundierte" Forschung. Das Ergebnis wäre eine "Sozialpolitik im Blindflug", warnten die Wissenschaftler.

"Grundlagen sind verlorengegangen"

Der aktuelle Aufruf führender Sozialstaatsrepräsentanten unterstreicht den damaligen Expertenbefund. "Fundierte, belastbare Grundlagen in Forschung und Lehre" seien in den Fächern, die sich in der Vergangenheit intensiver mit dem Sozialstaat befasst hätten, in den vergangenen Jahrzehnten "verloren gegangen". An den betroffenen Fakultäten seien vielfach andere Prioritäten gesetzt worden. Um den drohenden Verlust sozialpolitisch wichtiger Erkenntnisse zu vermeiden, müssten die Verantwortlichen dieses Problem "jetzt in seiner ganzen Größe zur Kenntnis nehmen und sich um Abhilfe bemühen", schreiben die 19 Unterzeichner des Aufrufs.

Die Deutsche Rentenversicherung unterstreicht ihren Willen zur Bewältigung des Problems mit einer aktualisierten und erweiterten Neuausgabe der Zeitschrift "Deutsche Rentenversicherung" vom Frühjahr 2015. Für die aktuelle Ausgabe (siehe zweiter Link unten) haben sich auch Sozialethiker der beiden großen christlichen Kirchen mit einem Beitrag zum drohenden Wissensverlust im Ethikbereich der katholischen und evangelischen Theologie beteiligt. Der Tenor der Sozialwissenschaftler hat sich in den vergangenen beiden Jahren jedoch nicht verändert: Es bleibe "vielleicht noch ein Zehnjahresfenster", um auch künftig eine relevante Sozialstaatsforschung sicherzustellen, mahnen die Forscher.

 

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Autor

Stefan Thissen