von
Matthias

Liebe Forenmitglieder,

ich benötige dringend Hilfe oder Beratung zu folgendem Thema:

Mein jüngerer Bruder Michael, 26 Jahre alt, erlitt im Februar letzten Jahres eine schwere Gehirnblutung. Er lag dann 2 Monate im künstlichen Koma und befand sich danach ca. 3 Monate in Reha, wobei die Reha-Phase D durch die DRV getragen worden ist.
Er wurde dann im August entlassen mit negativer Erwerbsprognose und keine Arbeitsfähigkeit von 3 Stunden.

Ich habe meinen Bruder dann bei mir und meiner Freundin aufgenommen und ihn mit aller Kraft unterstützt.

Im August war auch der MDK da gewesen und hat im Pflegestufe 1 zugewiesen. Des Weiteren wurde ihm vom Versorgungsamt eine 100%ige Behinderung zugesprochen.

Er hat jedoch seit seiner Entlassung immense Fortschritte gemacht. So ist er mittlerweile nahezu 100% selbstständig. Auf den Rollstuhl ist er nicht mehr angewiesen und auch sonst hat er in vielen Bereichen Fortschritte erzielt. Er bekommt jedoch nur 2x Mal die Woche Logo-, Ergo- und Physiotherapie. Dadurch bleiben weitere deutliche Fortschritte aus.

Als er dann von der Krankenkasse aufgefordert worden ist einen Reha-Antrag auf med. Rehabilitation zu stellen, haben wir uns sehr gefreut, da er unbedingt weitere Fortschritte machen will und irgendwann auch wieder arbeiten. Dieser wurde jedoch abgelehnt und umgedeutet als Rentenantrag.
Dagegen will ich jetzt Widerspruch einlegen aus folgenden Gründen:

1. Laut SGB heißt es Reha vor Rente. Sicher wird er nach einer Reha nicht sofort wieder 100% arbeitsfähig, aber die ambulanten Therapien bringen ihn auch nicht weiter. Zudem besitzt er mit 26 Jahren noch ein sehr hohes Potenzial.

2. Das Vorgehen der Krankenkase ist nicht korrekt. Sie wußte, dass die DRV sich bereits an der 3-monatigen Reha beteiligt hat und somit erst wieder nach 4 Jahren in der Pflicht steht, bzw. in Ausnahmefällen früher, sofern danach wieder die Erwerbstätigkeit gegeben ist. Somit war der KK klar, dass die Reha abgelehnt wird, was mich bei den vorliegenden Befunden nicht wundert.

3. Unsere Reha-Berater der DRV ist nicht sehr hilfreich. Er sagte uns beim Entlassungsgespräch im August, dass er uns unterstützen werde, doch leider ist dies nicht der Fall. Im Gegenteil, wir haben den Eindruck ihm lästig zu sein. Nun will ich aber nicht alle in einen Topf stecken. es gibt halt immer mehr und weniger engagierte Mitarbeiter. Bedauerlich in unserem Fall, dass wir letzteres erwischt haben. Jedenfall hat er uns im Vorfeld gesagt, dass eine medizinische Reha nicht bewilligt wird und wir von unserer Seite aus einen Antrag zur Teilhabe am Arbeitsleben stellen sollen, was auch abgelehnt worden ist.

Ich habe jetzt große Angst um die Zukunft meines Bruders. Er will nicht den Rest seines noch jungen Lebens als Rentner verbringen. Er ist jung, motiviert und hat klare Ziele. Dazu benötigt er aber Hilfe und diese vordergründig "noch" medizinisch.
Wie kann man also ihm eine Verbesserung seines Gesundheitszustandes untersagen mit der Begründung, dass eine Reha keinen Erfolg hat, obwohl diese noch nicht durchgeführt wurde? Sollte sich im nachhinein zeigen, dass medizinisch nichts mehr geht, dann kann immer noch Rente gezahlt werden.

Meine Frage daher, was kann ich noch für ihn tun? Offen gestanden fühl ich mich nicht hilflos, sondern bin nur grenzenlos enttäuscht über das schlechte Zusammenspiel der einzelnen Behörden in unserem Gesundheitssystem und sozialem Netz, was zu Lasten eines Dritten geht.

Aktuell hat mein Bruder noch eine leichte Aphasie, eine leichte Parese im rechten Bein und eine schwere Parese im rechten Arm. Dies effektiv zu behandeln bedarf einer Reha.

Was uns vorschwebt ist eine mbReha (medizinisch-beruflich), da hier die Phasen D und E aneinander gekoppelt sind. Für eine reine berufliche Reha, sprich Phase E, ist er nocht nicht bereit. Was kann man also tun, damit dies bewilligt wird? Ich bin davon überzeugt, dass sollte eine EU-Rente gezahlt werden, z.B. für 2 Jahre erstmal, dann geht das ganze noch vorhandene Potenzial verloren.

Ich bitte dringend um nützliche Informationen. Bin für jegliche Hilfe sehr, sehr dankbar.

von
Ana

Ich bin keine Expertin, sondern nur eine ähnlich Betroffene, daher rein subjektive Sicht.
Was haben Sie gegen Rente? Sie gibt es für den Fall, dass keine Arbeitsfähigkeit in Sicht ist. Therapien kann und muss man trotzdem machen (ich gehe seit 4 Jahren zu Ergo- und Physiotherapie, Logopädie habe ich selbst nach einem Jahr beendet). Eine Bekannte hat seit fast 10 Jahren 4mal pro Woche Physiotherapie. Das hängt vom behandelnden Arzt ab, ob er ggf. Stress mit der Kassenärztlichen Vereinigung in Kauf nimmt.

Es kann durchaus angenehm sein, erst mal Ruhe zu haben, was Wiederaufnahme der Arbeit betrifft. Stationäre Reha gibt es ohnehin nicht unendlich lange; es kommt darauf an, wirklich gute ambulante Therapeuten zu finden - ist leider nicht einfach.

Übrigens kenne ich aus einer Selbsthilfegruppe viele Leute nach Hirnblutung, wieder arbeitsfähig wurden nur wenige davon (und die haben meist durch Goodwill des Arbeitgebers eine Art "Schonarbeitsplatz"). Es bleiben dann nämlich noch jede Menge Einschränkungen, die man von außen gar nicht unbedingt sieht!

Übrigens gehöre ich zu den wenigen, die direkt unbefristete Rente bekamen. Aber ob befristet oder nicht: Wieder einsteigen kann er auch aus der Rente heraus jederzeit!

Persönliches Interesse: Ist die Ursache der Hirnblutung bekannt?

von
Krämers

Also die Bemühungen/Wünsche ihres Bruders in allen Ehren , aber wenn ich lese : schwere Gehirnblutung., 2 Monate Koma, 3 Monate Reha, Pflegestufe I, 100% GdB und so weiter, ist doch eigentlich jedem klar der nur im entferntesten mit diesem Thema irgendwie befasst ist, das bereits EM vorliegt und die RV überhaupt nicht anders konnte, als den Reha - in einen EM-Antrag umzuwandeln...

Warten Sie jetzt erstmal ab für wie lange die Rente überhaupt gewehrt wird. Sie wird sicherlich erstmal nur befristet und diese Zeit 1-2 Jahre sollte sich ihr Bruder VÖLLIG auf die weitere Verbesserung seines Gesundheitsszustandes konzentrieren, anstatt zum jetzigen Zeitpunkt bereits eine Teilhabe am Arbeitsleben oder ähnliche Massnahmen anzustreben. Das kommt meimer bescheidenen Meinung nach doch viel zu früh für ihren Bruder. Regelmässig überschätzen sich die Leute doch hinsichtlich der Anforderungen die auch so eine Masssnahme an den Probanten stellt . Hier ist es sehr wichtig reallistisch die eigene gesundheitliche Situation einzuschätzen, anstatt " Wunschträumen " die zumindest derzeit völlig unrealistisch sind nachzujagen und daran Kraft zu vergeuden.

Auch kann man doch ambulant und daheim viel für die weitere Gesundung tun. Eine weitere stationäre Reha muss es ja nicht immer und zwangsläufig sein. Man sollte nun die Möglichkeiten eine med. reha auch nicht überschätzen. Sie kann hilfreich sein, muss es aber nicht zwingend.

Ein Bekannter von mir hatte auch Ende Januar 2011 eine Gehirnblutung und zusätzlich noch einen Schlaganfall und hat sich nach der Erstversorgung nur durch ambulante ( fast tägliche ) Behandlungen wieder sehr gut erholt. Aber auch er ist noch immer sehr weit davon entfernt wieder seine Arbeit aufnehmen zu können. Insofern muss man sich auch einfach die Zeit nehmen und wenn dies Jahre dauert. Dafür gibt es dann ja auch erstmal die EM-Rente und danach sieht man weiter.

Und natürlich sollte man auch die Möglichkeit zumindest mit in Betracht ziehen , das - leider - nie mehr die Arbeits-/Erwerbsfähigkeit wieder hergestellt wird. Aber auch das wird man erst in einiger Zeit wissen und nicht schon heute. Und das Alter spielt dann auch nur eine untergeordnete Rolle, wenn die Schädigung so schwerwiegend war, das Sie nicht mehr vollständig zu beheben ist und damit auch keine Erwerbsfgähigkeit mehr hergestellt werden kann. Das ist - leider - dann so.

Alles Gute für ihren Bruder.

von
Matthias

Vielen Dank für die bereits erstellten Beiträge. Es ist schön zu lesen, dass andere Personen ihre Sicht wiedergeben, da man selbst oft einen eingeschränkten Blickwinkel hat. Ich möchte mich dennoch zu den gegebenen Antworten äußern:

=> Ana: Mein Bruder hatte ein Aneurysma, welches geplatzt ist. Begünstigt wurde dies durch eine Nierenerkrankung, welche Bluthochdruck zur Folge hatte. Somit war eine Verhinderung nicht möglich, da man unter regulären Umständen nicht vorsorglich auf ein Aneurysma untersucht wird.
Mit der Rente habe ich grundsätzlich kein Problem, da sie ein sinnvolles Mittel zur Bestreitung des Lebenseinkommen darstellt.
Mein Problem ist vielmehr, dass ich keine übereilte Rente möchte solange nicht alle anderen Mittel ausgeschöpft sind.
Ich bin auch kein Experte auf dem Gebiet, nur glaube ich, dass noch großes Potzenzial bei meinem Bruder auf gesundheitliche Verbesserung besteht, welches durch eine stationäre Reha (länger als 3 Wochen!!!) entfaltet werden kann. Dies bestätigen uns auch die Therpeuten und Ärzte.
Mich ärgert einfach nur dass im Vorfeld alles abgelehnt wird mit der Begründung, es wird eh nicht funktionieren. Dabei haben sie es nicht einmal versucht. Ich hätte erwartet, dass vor Ablehnung noch einmal eine persönliche Begutachtung und Gespräch stattfindet. Wäre angesichts des noch sehr jungen Alters das mindeste.

=> Krämers: Ihr Beitrag hat mich sehr nachdenklich gestimmt. Sicher braucht es Zeit um eine derart schwere Erkrankung auszukurieren. Mein Bruder ist diesbezüglich auch selbst in sehr hohem Maße gefordert. Er ist sich auch der Tatsache bewußt, dass es nie wieder so wie früher wird, jedoch will er weitere Fortschritte erzielen um doch vielleicht irgendwann wieder arbeiten zu können bzw. sich umschulen zu lassen (hatte vorher auf dem Bau gearbeitet, was nicht mehr möglich sein wird).
Ich möchte jedoch nichts unversucht lassen, alle Möglichkeiten an Hilfe auszuschöpfen, denn es gibt noch Möglichkeiten z.B. Wasser-, Eektro- oder Spiegeltherapie. Ich kann es allerdings nicht leisten, da ich voll berufstätig bin. Darum suche ich nach Wegen, um die bestmögliche Heilung für meinen Bruder zu erhalten.
Die Leute, die alles ablehnen sollten sich mal selbst ein Bild davon machen, was sie damit anrichten.
Dabei spielt das Alter jedoch auch eine entscheidene Rolle, denn ob jemand 25, 40 oder 60 Jahre alt ist, hat schon Einfluss auf die Rehabilitationsfähigkeit. Allein schon aufgrund der körperlichen, biologischen Vorraussetzungen sind medizinisch Unterschiede im Heilungsprozeß gegeben. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Psyche und das, was man noch vom Leben erwartet. Im Grunde hat mein Bruder doch erst angefangen zu Leben und daher noch hohe Erwartungen an die Zukunft, unter Berücksichtigung der aktuellen Ereignisse.

von
Britta.F

Auch wenn man 100 % Schwerbehinderung hat heißt das nicht das er nichts mehr machen kann. Er hat doch die Möglichkeit trotzdem sich weiter zu bilden ohne das die Rente weg fällt. Vielleicht ist das eine Möglichkeit die er schon für sich nutzen kann. Es gibt so viele Bildungsangebote.

Und die Rente wird hoch gerechnet als wenn er bis zum 63 Lebensjahr gearbeitet hätte. Natürlich mit Einschnitte.

Und last ihn doch erst mal richtig Gesund werden und dann kann man in eins oder 2 Jahren viel mehr sagen was noch geht und was nicht. Dann ist er immer noch nicht zu alt um was neues zu lernen.Und es wird bis dahin vieles viel besser sein und er hat dann auch ein ganz anderen Start wie jetzt.

Grüße
Britta.F

von
Ana

Erst mal:

Zitiert von: Krämers

Also die Bemühungen/Wünsche ihres Bruders in allen Ehren , aber wenn ich lese : schwere Gehirnblutung., 2 Monate Koma, 3 Monate Reha, Pflegestufe I, 100% GdB und so weiter, ist doch eigentlich jedem klar der nur im entferntesten mit diesem Thema irgendwie befasst ist, das bereits EM vorliegt und die RV überhaupt nicht anders konnte, als den Reha - in einen EM-Antrag umzuwandeln...

Ich kann es insofern verstehen, als man oft einige Zeit braucht, um zu realisieren, dass es mit Arbeitsfähigkeit eventuell nichts mehr wird.
Ich war zwar bei der Aneurysmaruptur deutlich älter, hatte aber immer gearbeitet und kurz zuvor gerade eine Versetzung erreicht; war meiner neuen Kollegin sehr dankbar, dass sie meinen Arbeitsplatz trotz Mehrbelastung für sich einige Monate verteidigt hat.

Man täuscht sich auch: In den ersten Monaten sind die Fortschritte unübersehbar. Dann langsamer, aber immer noch sichtbar. Später immer langsamer, auch wenn sich mit viel ambulanter Therapie immerhin noch ein bisschen was tut.

Ich war erst 6 Wochen über Krankenkasse zur Reha, dann 6 Wochen über DRV. Die wenigen in der Klinik, die insgesamt länger waren, waren übrigens entweder Beamte oder es bezahlte eine Unfallversicherung.

Übrigens war ich 2 Jahre später, schon berentet, noch 3 Wochen über die Krankenkasse. Diese Reha war völlig unnütz; denn wenn man erst mal in StufeD ist, wird sehr viel weniger bezahlt und in der Klinik gemacht (das könnte auch hier passieren, wenn er eine bekommt). Der Plan war überwiegend mit für mich sinnfreien Gruppen gefüllt. Einzeltherapien waren nicht mehr als ambulant zuhause, dafür schlechter, weil die Therapeuten nicht speziell neurologisch fortgebildet waren (gestand einer auch zu). Zumal ich zuhause mehrmals Praxen gewechselt hatte, bis ich wirklich gute Therapeuten hatte.
Könnte also nach hinten losgehen.

Ob Sie überhaupt Widerspruch einlegen können, sollten Sie erst abklären. Nach Aufforderung durch die Kasse müssen Sie jeden Schritt mit denen absprechen, sonst entfällt noch der Anspruch auf Krankengeld (Ihre Kasse hat ohnehin erstaunlich lange stillgehalten, meist kommt die Aufforderung sehr viel früher).
Die billigste fachkundige Beratung bekommen Sie übrigens, wenn Sie VdK-Mitglied werden und dort auf einen sachkundigen Berater treffen.

Übrigens haben Bekannte (Betroffene ohne Lähmungen) auch nach Berentung Umschulungen absolviert, Wiedereingliederung hat trotzdem nicht geklappt. Denn ganz ruhige Arbeitsplätze gibt es heute nicht mehr. Und selbst wenn die sichtbaren Folgen weitgehend überwunden wärenn, verträgt trotzdem kaum jemand mehr Unruhe, Zeitdruck, Stimmengewirr u.v.m.!

(meine Vertipper sind überwiegend durch einhändiges Schreiben bedingt)