Andauernde Arbeitsunfähigkeit - Was kommt nach dem Krankengeld?

von
volkan

Liebe Experten,

ich bin dringendst auf Ihre Hilfe und Ihren Rat angewiesen:

Mein Vater ist 51 Jahre alt und ist nun seit längerer Zeit aus gesundheitlichen Gründen nicht in der Lage zu arbeiten. Er ist ein ganz einfacher Arbeiter in einer Fabrik und das Arbeitsverhältnis mit seinem Arbeitgeber besteht noch weiterhin.
Mein Vater kriegt nur noch bis Anfang Juni Krankengeld und ich bin ratlos darüber, welchen Schritt wir als nächstes gehen sollen.

Ich habe zusammen mit meinem Vater in den letzten (fast) 18 Monaten zahlreiche Fachärzte besucht, er hat einen 4wöchigen Rehabilitationsaufenthalt gehabt, doch trotzdem hat sich sein Zustand nicht verbessert. Die Ärzte können einfach die Ursache für seine Schmerzen und die starke Einschränkung seiner Beweglichkeit nicht herausfinden. Sein Zustand verschlechtert sich von Tag zu Tag, sodass sogar psychische Beschwerden hinzugekommen sind, weil er schließlich eine Familie mit zwei Kindern zu versorgen hat und wir unser Haus noch abbezahlen müssen.

Die Beraterin bei seiner Krankenkasse hat uns vorgeschlagen, er solle eine "Maßnahme zur Teilhabe am Arbeitsleben" beantragen. Doch diese macht meines Erachtens in unserem Fall keinen Sinn, da er aufgrund seines Alters und seiner fehlenden Deutsch-Kenntnisse ungeeignet ist für Maßnahmen zur beruflichen Weiterbildung. Es würden also nur "Maßnahmen zur beruflichen Rehabilitation" in Frage kommen, damit er wieder arbeitet. Doch dazu ist er ja leider nicht in der Lage.

Wird sind zur Deutschen Rentenversicherung (LVA) gegangen, um dort die "Rente wegen Erwerbsminderung" zu beantragen. Doch der Rentenberater hat uns geraten, zunächst seinen Anspruch auf Arbeitslosengeld 1 zu nutzen, weil die Rente meines Vaters gering ausfallen wird (nach den Abschlägen ca. 700€) und es noch nicht einmal sicher ist, dass der Rentenantrag bewilligt wird.

Genau in diesem Punkt beginnt meine Ratlosigkeit:
Wir wollen eigentlich die "Rente wegen Erwerbsminderung" beantragen, weil mein Vater definitiv nicht in der Lage ist zu arbeiten.
Der Rentenberater schickt uns jedoch weg und rät uns, wir sollen zum Arbeitsamt gehen und dort das Arbeitslosengeld 1 beantragen. Dabei sollen wir (laut Rentenberater) mit §125 SGB III ("Nahtlosigkeit") argumentieren und behaupten, das mein Vater noch VOLL arbeitsfähig ist (also > 6h) sein Arbeitsverhältnis besteht, er jedoch momentan seine alte Arbeit nicht ausüben kann.

Abgesehen davon, dass dies ja nicht ganz der Wahrheit entspricht, stelle ich mir folgende 3 Fragen:
Erstens, wird das Arbeitsamt nun versuchen meinem Vater andere Arbeitsstellen zu vermitteln? Wenn ja, wird es nicht problematisch, wenn mein Vater sich dann bei der jeweiligen Stelle bewirbt und dann dort die Aussage trifft "Nein, ich kann diese Arbeit aufgrund meines gesundheitlichen Zustandes nicht ausüben." ? Das Arbeitsamt wird doch über diese Aussage sicherlich informiert werden.

Zweitens, wird es uns bei der späteren Beantragung der "Rente wegen Erwerbsunfähigkeit" (nach den 18 Monaten Arbeitslosengeld 1) nicht zum Verhängnis, dass wird das Arbeitslosengeld 1 mit einer gegensätzlichen Argumentation ("Ja, ich bin voll erwerbsfähig.") beantragt haben?

Drittens, soll ich in der Zwischenzeit Kontakt mit dem Arbeitgeber aufnehmen? Wie gesagt, besteht das Arbeitsverhältnis noch. Mein Vater war auch immer ein sehr beliebter Arbeiter und hatte nie Probleme mit dem Arbeitgeber. Wir wollen noch nicht, dass das Arbeitsverhältnis gekündigt wird (für den Fall, dass ein Wunder geschieht und eine Therapie doch noch fruchtet). Soll ich also den Arbeitgeber darüber informieren, dass mein Vater immernoch nicht in der Lage ist zu arbeiten, wir jedoch weiterhin eine Therapie nach der anderen versuchen und für die Übergangszeit das Arbeitslosengeld 1 beantragen?

Ich wäre Ihnen wirklich SEHR DANKBAR, wenn Sie mir einen Rat geben könnten, ob ich also als nächstes die Rente oder das Arbeitslosengeld 1 beantragen soll bzw. wie ich generell vorgehen soll.

Experten-Antwort

Wenn das Krankengeld nach spätestens 78 Wochen ausläuft, gibt es natürlich mehrere Möglichkeiten:
a) er nimmt seine Arbeit wieder auf oder es gibt in der Firma andere (leichtere) Arbeit für ihn. In diesem Fall erhält er Lohn und alles ist OK.
b) er meldet sich arbeitslos, weil er woanders Arbeit sucht und müsste Anspruch auf ALG haben. In diesem Fall wäre Ihr Vater grundsätzlich der Meinung, dass er arbeiten kann.
c) er beantragt die Rente, weil er und die Ärzte der Meinung sind, dass es nicht mehr möglich ist zu arbeiten.
Sollte in so einem Fall über die Rente noch nicht entschieden sein (kann 3 oder mehr Monate dauern) wenn das Krankengeld abläuft, kann er sich (übergangsweise = Nahtlosigkeit) beim Arbeitsamt melden und erhält bis zur Rentenentscheidung Arbeitslosengeld.

Wenn der Berater nicht unbedingt zur Rente geraten hat, könnte das deshalb geschehen sein, weil das ALG höher ist als die Rente und er Ihnen geraten hat, sich die Entscheidung aus "finanz-taktischen Gründen" gut zu überlegen (wäre ja besser zunächst mal das höhere ALG zu erhalten?).

Ob es eher um Rente oder um eine andere Arbeit geht, ist ein medizinisches Problem, da sollten Sie die behandelnden Ärzte um Rat fragen.

Teilhabe... und berufliche Rehabilitation meint das gleiche! Das wäre sinnvoll, wenn man der Meinung ist, dass er grundsätzlich arbeiten kann, zur Arbeitsaufnahme aber Hilfen (da gibt es vielerlei....) benötigt.

Wenn die Krankenkasse hierzu rät, scheint es mir "eher nicht um Rente" zu gehen.....gegen die Rente spricht auch die Tatsache, dass die med. Reha nicht in die Rente umgedeutet wurde.

Ein LTA Antrag und die Meldung beim Arbeitsamt scheint mir nicht verkehrt zu sein - ich verstehe allerdings nicht, dass Ihnen dies die Kollegen bei der Beratung nicht verdeutlicht haben...

von
Katja

Sie schrieben in der Antwort:
Sollte in so einem Fall über die Rente noch nicht entschieden sein (kann 30 oder mehr Monate dauern) wenn das Krankengeld abläuft, kann er sich (übergangsweise = Nahtlosigkeit) beim Arbeitsamt melden und erhält bis zur Rentenentscheidung Arbeitslosengeld.

Heißt das, dass die Entscheidung über Rente ja/nein beim DRV eine Bearbeitungszeit von 30 Monaten und mehr hat?

Experten-Antwort

danke für den Hinweis: sollte natürlich 3 oder mehr....
heißen
(war ein reiner Tippfehler :-))

von
volkan

DANKE für Ihre rasche Antwort.

Option (a) fällt leider weg, weil mein Vater seine alte Arbeit nicht ausüben kann und es beim Arbeitsgeber KEINE leichtere Tätigkeit gibt, die er ausüben könnte. Es gibt eigentlich bei seinem aktuellen Gesundheitszustand NIRGENDS eine Arbeit die er ausüben kann: Mein Vater kann aufgrund seiner fehlenden Ausbildung und seiner fehlenden Deutsch-Kenntnisse nur körperliche Tätigkeiten ausüben und dem steht momentan sein Gesundheitszustand im Wege.

Dadurch fällt auch Option (b), also die Suche nach einem anderen Arbeitsplatz weg. Wer stellt schon einen 51jährigen Mann ein, der theoretisch nur zu körperlicher Arbeit fähig ist, dies aber momentan aufgrund seines gesundheitlichen Zustands nicht möglich ist?

Mein "Verständnis-Problem" liegt also wirklich darin, ob eine vorherige Beantragung von "Arbeitslosengeld 1" von Nachteil bei der späteren Beantragung der "Rente wegen Erwerbsminderung" wäre?
Zudem, wie soll ich beim Arbeitsamt argumentieren? Ich kann ja schlecht sagen, dass mein Vater momentan gar keine Arbeit ausüben kann. Denn sonst würde man uns doch sofort sagen, wir sollen die Rente beantragen. Und hier haben Sie mich richtig verstanden: Das Arbeitslosengeld 1 wäre zunächst natürlich vorteilhafter, da die Rente von etwa 700€ momentan nicht ausreichend für uns sind; zumindest, bis ich mein Studium beendet habe.

Zu Ihrer Aussage:
"Wenn die Krankenkasse hierzu rät, scheint es mir "eher nicht um Rente" zu gehen.....gegen die Rente spricht auch die Tatsache, dass die med. Reha nicht in die Rente umgedeutet wurde."

...Mein Vater wurde Anfang letzen Jahres von der Reha entlassen mit dem Beschluss "Weiterhin arbeitsunfähig". Seit dem hat sich der Zustand meines Vaters NICHT verbessert, sogar verschlechtert und es sind andere Gesundheitsprobleme wie psychische Beschwerden hinzugekommen.

Experten-Antwort

Die Entscheidung ob er den Rentenantrag stellt oder sich arbeitslos meldet, nimmt keiner Ihrem Vater ab.

Er muss sich für einen der Wege entscheiden.

von
Corletto

Mein "Verständnis-Problem" liegt also wirklich darin, ob eine vorherige Beantragung von "Arbeitslosengeld 1" von Nachteil bei der späteren Beantragung der "Rente wegen Erwerbsminderung" wäre?

Antwort :
Nein !

Zudem, wie soll ich beim Arbeitsamt argumentieren? Ich kann ja schlecht sagen, dass mein Vater momentan gar keine Arbeit ausüben kann. Denn sonst würde man uns doch sofort sagen, wir sollen die Rente beantragen. Und hier haben Sie mich richtig verstanden: Das Arbeitslosengeld 1 wäre zunächst natürlich vorteilhafter, da die Rente von etwa 700€ momentan nicht ausreichend für uns sind; zumindest, bis ich mein Studium beendet habe.

Antwort :
Wenn Sie ALG I im Rahmen der sog. Nahtlosigkeitsregelung beantragen, MUß die AfA erstmal ALG I bezahlen.
Aber ihr Vater wird dann sofort aufgefordert einen EM-Antrag zu stellen. Kommt er dem fristgerecht nicht nach, wird die ALG I Zahlung eingestellt !

Zu Ihrer Aussage:
"Wenn die Krankenkasse hierzu rät, scheint es mir "eher nicht um Rente" zu gehen.....gegen die Rente spricht auch die Tatsache, dass die med. Reha nicht in die Rente umgedeutet wurde."

...Mein Vater wurde Anfang letzen Jahres von der Reha entlassen mit dem Beschluss "Weiterhin arbeitsunfähig". Seit dem hat sich der Zustand meines Vaters NICHT verbessert, sogar verschlechtert und es sind andere Gesundheitsprobleme wie psychische Beschwerden hinzugekommen.

Antwort :

Arbeitsunfähig ist etwas völlig anderes als eine Erwerbsmindrung !
Arbeitsunfähig aus einer Reha entlassen zu werden, heisst nicht automatisch das jemand auch Erwerbsgemindert ist.
Die AU Feststellung aus der Reha gilt nur für den Entlasstag
und nicht 1 Tag länger !

von
volkan

Ich danke allen für die rasche Antwort!!

Ich habe mich gestern noch einmal mit dem §125 SGB III beschäftigt. Eines scheint mir jedoch WIDERSPRÜCHLICH mit dem, was mir bisher gesagt wurde:
Mir wurde oft geraten, dass wir bei der Beantragung des ALG1 die Aussage treffen sollen, dass mein Vater "VOLLSCHICHTIG", also MEHR als 6 Stunden arbeiten kann. Doch nach meinen Laien-Kenntnissen verstehe ich §125 SGB III so, dass die Nahtlosigkeitsregelung bei Personen greift, die seit mehr als 6 Monaten aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht in der Lage sind zu arbeiten und momentan (während der Beantragung des ALG1) NICHT mehr als 3 Stunden (also 15 Stunden pro Woche) arbeiten können.

Habe ich das Gesetz falsch verstanden oder ist mir das bisher geratene falsch?

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen könnten, WELCHE Aussage ich genau bei der Beantragung des ALG1 im Rahmen des §125 SGB III treffen soll. Ich kann es mir wirklich nicht leisten, einen Fehler zu machen.

DANKE im voraus!

von
volkan

Ich danke allen für die rasche Antwort!!

Ich habe mich gestern noch einmal mit dem §125 SGB III beschäftigt. Eines scheint mir jedoch WIDERSPRÜCHLICH mit dem, was mir bisher gesagt wurde:
Mir wurde oft geraten, dass wir bei der Beantragung des ALG1 die Aussage treffen sollen, dass mein Vater "VOLLSCHICHTIG", also MEHR als 6 Stunden arbeiten kann. Doch nach meinen Laien-Kenntnissen verstehe ich §125 SGB III so, dass die Nahtlosigkeitsregelung bei Personen greift, die seit mehr als 6 Monaten aufgrund ihres Gesundheitszustandes nicht in der Lage sind zu arbeiten und momentan (während der Beantragung des ALG1) NICHT mehr als 3 Stunden (also 15 Stunden pro Woche) arbeiten können.

Habe ich das Gesetz falsch verstanden oder ist mir das bisher geratene falsch?

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir sagen könnten, WELCHE Aussage ich genau bei der Beantragung des ALG1 im Rahmen des §125 SGB III treffen soll. Ich kann es mir wirklich nicht leisten, einen Fehler zu machen.

DANKE im voraus!

Experten-Antwort

§ 125 SGB III verschafft der Agentur für Arbeit die Möglichkeit Arbeitslosengeld 1 auch dann zu zahlen wenn

- Arbeitsunfähigkeit besteht
- und/oder die Erwerbsfähigkeit bereits insoweit gemindert ist, dass eigentlich kein Anspruch auf Arbeitslosengeld mehr besteht

Die BA zahlt grundsätzlich ALG 1 nur wenn Erwerbsfähigkeit von über 3 Std./täglich (15 Wochenstuden) besteht. Damit das ALG 1 nicht eingestellt wird wenn der Vertrauensarzt der BA eine Erwerbsfähigkeit von weniger als 3 Stunden festgestellt hat, wurde § 125 SGB III geschaffen. Die BA kann dann sofern später eine EM-Rente gezahlt wird, zunächst das ALG 1 weiterzahlen und dann das zuviel gezahlte ALG 1 bis zur Rentenhöhe wieder vom Rententräger erstatten lassen.

Unter § 125 SGB III fallen allerdings auch die Nahtlosigkeitsfälle.

Zum Zeitpunkt der Aussteuerung des Krankengelds ist der BA noch nicht bekannt, ob eine Minderung der Erwerbsfähigkeit auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt besteht. Arbeitsunfähigkeit im zuletzt ausgeübten Beruf bestand bis zu 78 Wochen.
Die BA kann durch diese Regelung zunächst ALG 1 zahlen, kann den Betroffenen aber auch gleich dazu auffordern sich an den Rententräger zu wenden um einen REHA- oder Rentenantrag zu stellen. Das Beschäftigungsverhältnis muss dazu nicht gekündigt werden und kann weiterlaufen.

Wir würden Ihnen folgendes vorschlagen:

Vereinbaren Sie einen Termin bei der Agentur für Arbeit bei Ihnen vor Ort und nehmen Sie diesen gemeinsam mit Ihrem Vater wahr. Lassen Sie sich die Regelungen des SGB III dort ausführlich erläutern. In diesem Zusammenhang wird Ihnen sicherlich auch erläutert, welche Pflichten Ihr Vater bei einer eventuellen ALO-Meldung hat (fördern und fordern). Bereitschaft jede Arbeit anzunehmen, Verpflichtung für jede angebotene Tätigkeit eine Bewerbung schreiben. Ggfs. sind von Ihrem Vater auch Kurse zur Weiterbildung zu besuchen.

Eine Beratung bei der ges. RV wäre ebenso nochmals denkbar. Bei dieser Gelegenheit sollte geklärt werden, wie das Leistungsvermögen Ihres Vaters vom Arzt der Reha-Klinik beurteilt wurde (bei einer Maßnahme durch die ges. RV ist dies die Regel).
Diese Beratung sollte Ihnen insofern Klarheit verschaffen, ob eine Erwerbsminderung bereits besteht.

von
klaus

Hallo Katja,

bezüglich Deiner Frage über die Dauer der Rentenentscheidung, möchte ich Dir mitteilen das mein Rentenantrag am 09.11.2005 gestellt wurde und es ist bis heute noch nichts entschieden.
Meine Rentenverfahren läuft mit Rechtsanwalt und liegt noch beim Sozialgericht.

von
Katja

oje - na das macht ja Mut.
Drücke die Daumen, dass Sie bald eine positive Entscheidung bekommen, Klaus