Habe mal ein paar Fragen

von
Ela

Eine Freundin von mir hat auf Anforderung eine Rentenauskunft bekommen.

Dieser Auskunft ist zu entnehmen, dass die Zeiten von vor 1990 nicht höher bewertet werden können weil die erforderliche Zeit von 35 Jahren nicht erfüllt ist. Bisher hat sie ca. 27 Jahre rentenrechtliche Zeiten. Bis zum Erreichen der Altersrente müsste sie noch 15 Jahre arbeiten. In diesem Fall wäre das Soll bis dahin erfüllt.

Leider ist sie gesundheitlich sehr angeschlagen weshalb sie damit rechnet, dass sie in den nächsten Jahren die Erwerbsminderungsrente beantragen muss.

Nun meine Fragen, die ich im Namen meiner Freundin stelle:

1. Falls sie jetzt, sagen wir mal, in zwei Jahren, die Erwerbsminderungsrente erhalten würde, hätte sie dann durch die Zurechnungszeit die 35 Jahre erfüllt oder zählen dafür nur die zurückgelegten Zeiten?

Wie wirkt sich eine Höherbewertung letztendlich aus?

Danke für Ihr Interesse und Ihre Antworten!

MfG

von
bekiss

Sind mindestens 35 Jahre mit rentenrechtlichen Zeiten vorhanden und ergibt sich aus den Kalendermonaten mit vollwertigen Pflichtbeiträgen ein Durchschnittswert von weniger als 0,0625 Entgeltpunkten, wird die Summe der Entgeltpunkte für Beitragszeiten erhöht (§ 262 SGB VI - Mindestentgeltpunkte bei geringem Arbeitsentgelt - http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_6/__262.html).

Auch die Zurechnungszeit ist eine rentenrechtliche Zeit (siehe http://www.gesetze-im-internet.de/sgb_6/BJNR122610989.html#BJNR122610989BJNG002201308).

Der Wert 0,0625 monatlich macht multipliziert mit 12 dann jährlich 0,75 Entgeltpunkte. Das entspricht 3/4 eines durchschnittlichen Einkommens.

Eine soziale Komponente, die die BLÖD-Zeitung bei Ihren Renditeberechnungen, in denen sie Äpfel mit Birnen vergleicht, gerne einmal unterschlägt, wohl weil man "im Tal der Ahnungslosen wandert".

von
Rentenüberprüfer

neben den 35 Jahren rentenrechtliche Zeit, die man benötigt um Mindestentgeltpunkte wegen geringem Arbeitseinkommen zu erhalten, muss sowohl der Durchschnittswert für vollwertige Beitragszeiten aus dem gesamten Berufsleben bis zum Monat vor Rentenbeginn kleiner 0,0625 sein, als auch der Durchschnitt aller vollwertigen Zeiten bis 31.12.1991.

Die Aufstockung erfolgt auch nur für die Monate vollwertiger Beitragszeiten bis 31.12.1991.

Aufgestockt wird nur um das 1,5 fache des ermittelten Durchschnittswertes.

Beträgt dieser Durchschnittswert beispielsweise nur 0,0300 Entgeltpunkte (EP), ergeben sich daraus nach Aufstockung nur 0,0450 (EP), wird der Faktor 1,5 voll wirksam.

Es sind damit aber noch immer nicht die genannten 75% Bundesdurchschnitt erreicht oder als Monatswert 0,0625 (EP).

Beträgt der ermittelte Durchschnittswert aber bereits 0,0600, kann nur noch bis 0,0625 aufgestockt werden, je Monat dann nur noch im Umfang von zusätzlich 0,0025.

Sind 100 Monate vollwertige Beitragszeiten bis 12-1991 vorhanden, ergibt sich ein Zugewinn von nur 0,2500 (EP) und als Rentenverbesserung daraus als direkte Wirkung, nur 6,57 € Brutto, mit Rentenwert West gerechnet, Ost nur 5,77 € Brutto.

Als Nebenwirkung in negativem Sinn ist auch zu beachten, dass bei gleichzeitigem Vorliegen von Kinderberücksichtigungszeiten, die zunächst ohne die Aufstockung wegen des geringen Verdienstes einen höheren Wert zugeordnet bekommen haben, dieser höhere Wert durch die Aufstockung gemindert wird.

Alles in allem, es ist in jedem Fall positiv, Mindestentgeltpunkte zu erhalten.

von
Ela

Zuerst einmal vielen Dank für Ihre ausführlichen Antworten.

Habe aber noch eine weitere Frage, für deren Beantwortung ich mich schon mal vorab bedanke.

Was zählt zu den vollwertigen Zeiten?

Zeiten in denen man Arbeitnehmer war und Beiträge gezahlt hat, denke ich, ist klar.

Was ist mit Ausbildungszeiten, Zeiten wo man arbeitslos war und Leistung bezogen hat und Kindererziehungszeiten?

Ich denke, dass Arbeitslosigkeit ohne Leistungsbezug nicht dazu zählt.

MfG

von
Rentenüberprüfer

Ela, im allgemeinen sagt man, vollwertig sind die Zeiten, die nicht beitragsgemindert sind.

Allerdings zählen auch Zeiten mit freiwilligen Beiträgen, für die Beiträge nicht in voller Höhe gezahlt wurden, nicht zu den vollwertigen Zeiten, auch wenn sie nicht beitragsgemindert sind.

Alle Zeiten bis einschließlich 12-1997, für die man vom Arbeitsamt Leistungen bezogen hat, egal wofür, zählen als beitragsgemindert, ab 1998 aber wieder als vollwertig, weil der Gesetzgeber wollte, dass sie nicht mehr als beitragsgemindert gelten und dafür, trotz evtl. geringer Höhe, keine zusäthzlichen entgeltpunkte mehr zu ermitteln sind.

Zeiten schulischer Ausbildung im Sinne von Direktstudium zählen als beitragsfrei und sind hier nicht mit einbezogen.

Arbeitslosigkeit ohne Beitragszahlung gelten ebenfalls als beitragsfrei und sind bei der Ermittlung des Durchschnitts nicht mit enthalten.

Zeiten der Kindererziehung außerhalb der Freistellung wegen Schwangerschaft, egal ob mit oder ohne Verdienst, zählen zu den vollwertigen Beitragszeiten.

von
Rentenüberprüfer

Leistungen des Arbeitsamtes/der Arbeitsagentur im Zusammenhang mit Umschulungen oder eines Fachschulbsuchs, die durch den RV-Träger als "berufliche Ausbildung" oder "Fachschulbesuch" gekennzeichnet sind, gelten auch nach 1997 als beitragsgemindert und für die Ermittlung des Durchschnittswertes zur Prüfung von Ansprüchen "Mindestentgeltpunkte wegen geringem Arbeitseinkommen" insoweit nicht als vollwertig.

Das ist etwas kurios, weil an anderer Stelle die gleichen Zeiten durch die Aufwertung auf 0,0833 (EP) je Monat zu vollwertigen Zeiten werden.

Warum aber etwas einfach machen, wenn es umständlich auch geht.

von
Ela

Hallo Rentenüberprüfer,

Sie schrieben: Warum aber etwas einfach machen, wenn es umständlich auch geht.

Da sind wir völlig einer Meinung.

Das gilt in besonderem Maße für die Deutsche Rentenversicherung, die aber auch nur ausführendes Organ ist um die gesetzlichen Regelungen alle zu berücksichtigen.

Beruflich bin ich für Lohnbuchhaltung und das gesamte Personalwesen zuständig. Kenne mich gut im Steuer- und Arbeitsrecht aus. Man sollte meinen, dass es jemandem wie mir leicht fällt, das Rentensystem zu durchschauen. Ist aber nicht so, es ist das schwierigste Gebiet, mit dem ich mich je befasst habe.

Da gibt es vollwertige Zeiten, beitragsgeminderte Zeiten, Anrechnungszeiten, Zurechnungszeiten und Berücksichtigungszeiten. Wer soll da noch durchblicken? Ein normaler Arbeitnehmer wohl kaum!

Für einzelne gibt es Höherbewertungszeiten, der andere geht leer aus.

Da gibt es Kinder für die die Mutter nur ein Jahr angerechnet bekommt, die andere Mutter bekommt drei Jahre angerechnet.

Eine Mutter bekommt, weil sie in einem gewissen Zeitraum 2 Kinder gleichzeitig erzogen hat, zusätzliche Rentenpunkte, die andere bekommt nichts, weil ihre Kinder zu falschen Zeitpunkt geboren sind.

Wer macht bitteschön solche Gesetze?

Stichtagsregelung nennt man so etwas.

Wenn schon Reformen gemacht werden, sollte man das so handhaben wie bei der Anhebeung der Altersgrenze - stufenweise.

Dann hätte die Bevölkerung auch mehr Verständnis.

Ich kann auch nicht hingehen und morgen sagen, dass jeder Mitarbeiter unserer Firma, der nach dem 01.01.1981 geboren ist einen Euro mehr die Stunde bekommt und die anderen gehen leer aus.

Die würden zurecht sagen, dass sie die gleiche Leistung erbringen und das gleiche Geld haben wollen.

Den Prozess vor dem Arbeitsgericht würde meine Firma auf jeden Fall verlieren wenn wir nur mit irgend- welchen Geburtsdaten jonglieren würden.

Aber bei der Deutschen Rentenversicherung scheint alles möglich!

Vielleicht bekommen ab 2020 nur noch Rothaarige ihre Rente und die anderen haben Pech gehabt, da sie die Kriterien nicht erfüllen.

Wie Sie sicher bemerkt haben, macht mich das ganze System wütend. Undurchschaubar und nicht nachvollziehbar.

Ich gebe aber weder Ihnen noch der Deutschen Rentenversicherung die Schuld am System.

Schönes Wochenende noch und ein Dankeschön für Ihrer informativen Beiträge.

MfG

von
Rentenüberprüfer

Ja, liebe Ela, so ist das mit den Rentenproblemen.

würde meinen, das kaum 1% aller Bescheidempfänger in der Lage sind jede Position, die im Bescheid berechnet wurde, selber nachzuvollziehen oder Sachverhalte richtig zu erkennen.

In einer Beratung zu Rentenproblemen mitte der 90er Jahre, an der auch ein Staatsekretär des damaligen Bundesminisiteriums für Arbeit und Sozialordnung teilnahm und ich als interssierter Bürger und Gewerkschaftsmitglied daran teilnehmen durfte, habe ich den Staatssekretär gefragt, warum man das alles so kompliziert mache.

er meinte, man wolle Rentengerechtigkeit erreichen und das gehe nicht so ohne ab.

Ich habe darauf geantwortet, was denn diese Rentengerechtigkeit bringt, wenn sie der Einzelne nicht mehr nachvollziehen kann.

Er daraufhin, deswegen sei es gut, wenn sich Menschen wie Sie damit beschäftigen und aufklären können.

In der Tat habe ich mich als ehemals Laie so gründlich mit der Materie auseinandergesetzt, ausgelöst durch meinen ersten Rentenbescheid, wovon ich inzwischen 15 erhalten habe, wo man nach Rückfragen in Berlin auch von einem Sonderfall sprach, weswegen etwas nicht berücksichtigt werden könne, dass ich letztlich selber ein Rentenprogramm entwickelt habe, mit dem ich in der Lage bin alle Renten der BRD, ob Ost oder West oder von beidem etwas, auch Knappschaft Ost und West oder gemischt, ab 1992 punktegenau, 4 Stellen nach dem Komma und Pfenniggenau, 2 Stellen nach dem Komma, für jeden berechneten Wert in einem Rentenbescheid in den Anlagen 3 - 4 und 6 nachzuvollziehen.

Ca. 780 Personen haben davon profitiert, weil Sie nach Überprüfung mehr Rente bekommen haben. Der schlimmste Fall mit monatlich 732 DM mehr Rente und mehr als 32.000 DM Nachzahlung für 4 Jahre.

Inzwischen ist alles zum Hobby geworden und freue mich mit demjenigen, für den ich wieder etwas zur Erhöhung tun konnte.

Will aber noch eine weitere Anmerkung machen, hinsichtlich vollwertig oder nicht.

Grundsätzlich zählen jeweils die ersten 36 Monate beruflicher Tätigkeit bis längstens zur Vollendung des 25. Lbj als Zeiten beruflicher Ausbildung, unabhängig davon, ob Lehre vorhanden ist oder nicht.

Bis 12-2008 wird diese Zeit als beitragsgemindert eingeordnet und auch noch eigenständig bewertet, wobei Fachschulzeiten und Lehre vorrangig zu berücksichtigen sind.

Bei Rentenbeginn ab 2009 sind die gleichen Zeiten, wenn sie nicht Lehre sind und auch nicht durch Fachschulzeiten oder Arbeitsamtsumschulungen kompensiert werden, jedoch nicht mehr beitragsgemindert,
gelten daher von Anfang an als vollwertig.

Gleichwohl wird, wenn der Monatswert oder ein Vielfaches davon < 0,0833 (EP) ist, in Anlage 4 auf 0,0833 je Monat aufgewertet.

So einfach ist das alles???!!!

ebenfalls freundliche Grüße

von
Rosanna

... oder Frauen ab Jahrgang 1952 erhalten keine Altersrente für Frauen mehr, obwohl sie beim Beschäftigungsbeginn 1968/1969 auch noch darauf vertrauten, mit 60 in Rente gehen zu können. Und über RENTENABSCHLÄGE bei den vorzeitigen Altersrenten, den EM-Renten oder Hinterbliebenenrenten hat früher auch niemand nachdenken müssen.

Aber so ist das halt mit den Gesetzen. So gesehen ist VIELES mehr als ungerecht!!!

Experten-Antwort

In der Tat enthält das Rentenrecht komplizierte Regelungen, die jedoch in erster Linie dann zutreffen, wenn soziale Beeinträchtigungen (zum Beispiel Ausbildung, Arbeitssuche, Kindererziehung...) zu niedrigeren bis gar keinen Rentenbeiträgen führen. Dabei berücksichtigt das Rentenrecht einen Zeitraum über mehrere Jahrzehnte in die Vergangenheit hinein und hält auch immer wieder Übergangsregelungen mit einer ganz eigenen sozialpolitischen Zielgebung bereit.

Die Mindestentgeltpunkteregelung nach § 262 SGB VI ist eine solche Regelung. Danach sollen in erster Linie langjährige geringe Beitragsleistungen bis 1991 im Rahmen eines sozial Ausgleichs höher bewertet werden; es geht also um ein mehr an Rente.
Da ja nur die Jahre bis 1991 höher bewertet werden, handelt es sich um eine in der Zukunft auslaufende Leistung. Und da von Rentenjahrgang zu Rentenjahrgang weniger Beitragszeiten vor 1991 berücksichtigt werden können, handelt es sich sogar um eine stufenweise Übergangsregelung.

In der Tat kann man heute kaum noch die Rentenberechnung an sich überprüfen. Das ist in den meisten Fällen aber auch nicht notwendig. Die Rentenberechnung stellt auf den Versicherungsverlauf (Anlage 2) ab. Der muss stimmen. In der Regel gibt es höhere Renten nur dann, wenn Zeiten im Versicherungsverlauf korrigiert werden.