Rente Vorsorge für die Zukunft

von
markus

Hallo,

ich bin 24 Jahre alt und studiere zur Zeit BWL. Ich werde wahrscheinlich dieses Jahr mit meinem Studium fertig sein. Darüberhinaus bin ich sehbehindert. Seit 1999 habe ich einen Schwerbehindertenausweis mit 50%. Zur Zeit hat sich meine Krankheit erheblich verschlechtert, so dass ich diesen Wert mit einem Antrag ohne Probleme auf 70-80 % erhöhen kann. Ich werde versuchen nach meinem Studium natürlich solange es möglich ist bei einem kaufmännischen Beruf z.B im Controlling zu arbeiten.
Würden Sie mir jetzt schon empfehlen mich zusätzlich abzusichern, z.B durch Riester Rente oder freiwilliger Zahlung von Beiträgen in die gesetzliche Rente ??
Ich weiss das ich nach 5-10 Jahren ( vielleicht sogar früher ) nicht mehr arbeiten kann ! Vielen Dank

von Experte/in Experten-Antwort

Hallo Markus,

in Ihrer Situation ergeben Sich mehrere Probleme. Bei einer privaten Absicherung des Risikos der Berufs- oder Erwerbsunfähigkeit wird immer eine Risikoprüfung von dem Versicherungsunternehmen durchgeführt. Diese kann zur Folge haben, dass bereits bestehende Krankheiten und/oder Behinderungen von dem Versicherungsumfang ausgeschloßen werden könnten. Sollte dies also bei Ihnen der Fall werden, nützt eine private Versicherung nicht. Bei der gesetzlichen Rentenversicherung findet keine Risikoprüfung statt. Ein Anspruch auf eine Erwerbsminderungsrente besteht grundsätzlich, wenn die allgemeine Wartezeit (für fünf Jahre Beiträge entrichtet) erfüllt sein, in den letzten fünf Jahren vor Eintritt der Erwerbsminderung für mindestens drei Jahre Pflichtbeiträge für eine versicherte Beschäftigung gezahlt wurden und Sie erwerbsgemindert sind. Diese Voraussetzungen müssen nicht erfüllt sein, wenn es sich um einen Arbeitsunfall handelt.

von
Bernhard

Empfehlenswert wäre eine zusätzliche Absicherung schon, aber einfach ist das leider nicht.

Mit Versicherungen können nur Risiken abgedeckt werden, nicht aber Schadensfälle, deren Eintritt schon erfolgt ist oder mit Sicherheit erfolgen wird.

Deshalb scheidet eine private Berufsunfähigkeitsversicherung aus, der Versicherer würde Sie aufgrund der Gesundheitsprüfung ablehnen.

Aber auch die gesetzliche Rentenversicherung ist nicht so einfach auszubeuten: Dort gibt es zwar keine Risikoprüfung, aber es ist auch nicht möglich, mit freiwilligen Beiträgen (in selbstgewählter Höhe) das Risiko einer Erwerbsminderung zu versichern.

Dazu müssen Sie Pflichtbeiträge einzahlen, deren Höhe nur vom Einkommen abhängt und nicht selbst gewählt werden kann.

In Ihrem Fall kommt dann eine vorzeitige Wartezeiterfüllung nach § 53 Abs. 2 SGB VI in Frage, Zitat:

"Die allgemeine Wartezeit ist auch vorzeitig erfüllt, wenn Versicherte vor Ablauf von sechs Jahren nach Beendigung einer Ausbildung *voll* erwerbsgemindert geworden oder gestorben sind und in den letzten zwei Jahren vorher mindestens ein Jahr Pflichtbeiträge für eine versicherte Beschäftigung oder Tätigkeit haben. Der Zeitraum von zwei Jahren vor Eintritt der vollen Erwerbsminderung oder des Todes verlängert sich um Zeiten einer schulischen Ausbildung nach Vollendung des 17. Lebensjahres bis zu sieben Jahren."

Sie brauchen also mindestens ein Jahr Pflichtbeiträge, möglichst hohe Pflichtbeiträge natürlich (nicht ganz einfach für schwerbehinderte Berufsanfänger), und dafür eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.

Sie sollten außerdem sorgfältig darauf achten, rentenrechtliche Lücken zu vermeiden, da diese die Höhe einer Erwerbsminderungsrente verringern. Das bedeutet z.B. unbedingt zu vermeiden, mehr als 8 Jahre nach Vollendung des 17. Lebensjahres Zeiten schulischer Ausbildung zu haben oder nach Studienabschluß arbeitslos zu sein: Solche Zeiten wären rentenrechtliche Lücken.

Eine Möglichkeit, Ihren Versicherungsschutz für den Fall der Erwerbsminderung durch freiwillige Beiträge zu verbessern, gibt es aber:

Wenn Sie, wie bei Studierenden häufig, nach Vollendung des 16. Lebensjahres Zeiten schulischer Ausbildung haben (Gymnasium), dann können Sie nach § 207 SGB VI für ein Jahr freiwillige Beiträge nachzahlen, da die Zeit zwischen Vollendung des 16. und 17. Lebensjahres nicht mehr als Anrechnungszeit berücksichtigt wird.

Sobald Sie also ein Jahr Pflichtbeiträge zusammen haben, sollten Sie einen entsprechenden Antrag stellen und Höchstbeiträge nachzahlen, für ein Jahr brauchen Sie dafür ca. 12168 €. Nehmen Sie dafür einen Kredit auf oder gehen Sie bei Verwandten betteln, es lohnt sich!

Wenn rentenrechtliche Lücken drohen (z.B. nach Vollendung des 25. Lebensjahres als Student oder bei Arbeitslosigkeit nach Studienabschluß) können Sie auch dafür bis 31. März des folgenden Jahres die Zahlung freiwilliger Beiträge beantragen, aber das ist sehr riskant, solange Sie die Wartezeit nicht erfüllt haben.

Lassen Sie die Finger von Riester-Renten und solchen Dingen, das ist in Ihrer Situation unsinnig. Informieren Sie sich selbst sorgfältig über die Voraussetzungen für eine gesetzliche Erwerbsminderungsrente.

Und noch etwas: Es gibt schwerbehinderte Menschen, die voll und erfolgreich berufstätig sind, und sehbehinderte Akademiker haben dafür am ehesten die Voraussetzungen.
Ich kenne bzw. kannte persönlich einen Blinden (Mathematiker in IT Job), der eine beeindruckende Performance vorzuweisen hatte, und einen anderen, der aufgegeben hatte. Es ist also keineswegs vorherbestimmtes Schicksal, dass Sie ohne Sehvermögen nicht mehr arbeiten können.

von
markus

Vielen Dank

das sind sehr viele Infos für den Anfang,also das bedeutet bei einer Verschlimmerung muss ich die Wartezeit von 5 Jahren erfüllen um an die Rente zu kommen, d.h mindestens 5 Jahre arbeiten.

von
Bernhard

Nein, 5 Jahre sind die normale Wartezeit.

Wenn Sie jedoch innerhalb von 6 Jahren nach Abschluss Ihrer Ausbildung *voll* (nicht nur teilweise) erwerbsgemindert werden, dann reicht es, wenn Sie in den 2 Jahren vor diesem Versicherungsfall 12 Monate (= nur 1 Jahr) mit Pflichtbeiträgen haben. Das ist die vorzeitige Wartezeiterfüllung.

Es reicht in Ihrem Fall also wahrscheinlich schon ein einziges Jahr.

Noch ein Hinweis: Wenn Sie mehr als 8 Jahre Zeiten schulischer Ausbildung haben, also z.B. länger als vom 17. bis zum 25. Lebensjahr, z.B. weil Sie länger studieren, dann können Sie auch für diese Zeiten freiwillige Beiträge nachzahlen. Das muss vor dem 45. Geburtstag beantragt werden und natürlich *vor* dem Versicherungsfall eingezahlt sein.

Wenn Sie nach dem Studium keine Anstellung finden können, dann hätten Sie auch die Möglichkeit, einen 400 € Minijob zu machen, und die Aufstockung der Arbeitnehmerbeiträge zu beantragen - dann ist das eine "vollwertige" Pflichtversicherung.

Alleine bringt das für die Rente zwar fast nichts, aber wenn Sie es schaffen, durch die Nachzahlung von freiwilligen Beiträgen Ihr Rentenkonto aufzufüllen, können Sie dadurch einen Anspruch auf eine normale Erwerbsminderungsrente erlangen.

Im Extremfall zahlen Sie also 12168 € Höchstbeiträge für ein Jahr nach, haben 12 Monate Pflichtversicherung für 1 Jahr Minijob spätestens ab dem 25. Geburtstag, und werden dann voll erwerbsgemindert.

In diesem Fall erhalten Sie eine normale EM-Rente, da Sie in einem Jahr sehr niedrige Beiträge gezahlt haben, für das andere Jahr hingegen Höchstbeiträge, die doppelt so hoch wie Durchschnittsbeiträge sind.

Die Rendite der Beitragsnachzahlung wäre in diesem Fall geradezu astronomisch hoch, aber natürlich müssen Sie es irgendwie schaffen, dieses Geld vorher aufzutrieben.

Machen Sie sich sachkundig! Das ist in Ihrem Fall sehr wichtig.

von
markus

Ihr seid super !Blitzschnelle Antworten.
Eine letzte Frage habe ich noch. Die knapp 13000 sind für mich ne Menge Geld zur Zeit. Wenn ich das so mache, wie Sie es schildern wie hoch wäre dann die Rente pauschal ?

Würde sich das wirklich für mich lohnen die 13000 + freiwillige Nachzahlungen für Langzeitstudium nachzuzahlen ?
Und habe ich für diese Zahlungen eine Frist bis zum 45. Lebensjahr ?

Ich habe mich noch nie mit dem Thema "Rente" beschäftigt und hätte auch nie gedacht,dass es so kompliziert ist.

von
Bernhard

Angenommen, Sie beenden mit dem 25. Geburtstag Ihr Studium und machen danach ein Jahr einen Minijob mit Beitragsaufstockung, weil Sie nichts Besseres finden, und werden danach voll erwerbsgemindert; das ist der "worst case".

Angenommen, ein freundlicher Papa oder eine nette Tante gibt Ihnen die 12000 € für die Nachzahlung von Höchstbeiträgen für das 17. Lebensjahr.

Dann haben Sie etwa 2 EP (Entgeltpunkte) auf dem Rentenkonto, weil der Minijob fast nichts dazu beiträgt, und 2 Jahre belegungsfähigen Gesamtzeitraum (von 16 bis 17 und von 25 bis 26, 8 Jahre von 17 bis 25 sind Anrechnungszeit und werden nicht mitgezählt).

Der Gesamtleistungswert ist also 1 EP pro Jahr.

Zurechnungszeit ist von 26 bis 60, also 34 Jahre, dafür bekommen Sie nochmals 34 EP, entsprechend dem oben ermittelten Durchschnitt ( = Gesamtleistungswert).

Macht insgesamt 36 EP x 26,13 €/EP (allgemeiner Rentenwert im Westen) = 940,68 €. Abschlag 10,8 % bleiben also ca. 839 € monatliche Bruttorente (plus KV Zuschuss).

Der Barwert einer gleichhohen dynamischen Privatrente für einen 1983 geborenen Mann beträgt mindestens 280000 € oder grob das 23 fache der freiwillig nachgezahlten Beiträge.

Lohnen tut sich das also schon, um es sehr zurückhaltend zu formulieren.

Normalerweise bekommt man für 12000 € Beiträge etwa 52 € Altersrente ab 65.

Für eine solche Beitragsnachzahlung (für nicht angerechnete Zeiten schulischer Ausbildung) haben Sie Zeit bis zum 45. Lebensjahr, aber Sie muss erfolgt sein, *bevor* Ihr Sehvermögen so schlecht ist, dass der Versicherungsfall "Erwerbsminderung" eintritt. Viel Zeit haben Sie also - folgt man Ihrer Darstellung - nicht mehr. Und mit solchen Risiken spielt man nicht russisches Roulette. Sie sollten sich so schnell wie möglich besser versichern, also sofort dann nachzahlen, wenn Sie ein Jahr Pflichtbeiträge zusammenhaben.

Das Geld ist keinesfalls verschwendet, auch wenn Sie noch jahrzehntelang arbeiten können und viel verdienen; wie bei einem Riestervertrag auch bekommen Sie zumindest einer Altersrente dafür - nur eben weniger, wegen des Umlageverfahrens.

Einen Minijob mit Beitragsaufstockung kann man übrigens auch schon machen, solange man noch studiert.

von
Schade

die Antworten von Bernhard zu diesem Thema sind wirklich gut.

Wenn Sie mit dieser Problematik zu einer Beratungsstelle gehen, nehmen Sie bitte diese Tipps ausgedruckt mit.

Sonst befürchte ich, dass der "ganz normale Berater" in seinem stressigen Beratungsalltag, vielleicht Ihr Problem nicht erkennt und die Brillianz des Tipps von Bernhard nicht nachvollziehen kann.
(das meine ich gar nicht böse).

Und das Risiko, dass Sie möglicherweise voll erwerbsgemindert sind, bevor das eine Jahr Pflichtversicherung rum ist, liegt natürlich ganz bei Ihnen. Was im konkreten Fall als Eintritt der Erwerbsminderung festgelegt wird, kann kein Berater vorhersehen.

Keiner wird Ihnen also garantieren, dass alles so läuft wie geplant, aber gut möglich ist es schon.

Und zu früh (bevor das Jahr rum ist) dürfen Sie den Rentenantrag natürlich auf keinen Fall stellen (da gabs schon Menschen, die im Ernstfall so "blöd" waren).

von
markus

Vielen Dank Bernhard, ich habe von der LVA diese kostenlosen Infobroschüren bestellt. Ich werde mich erstmal zu diesem Thema einarbeiten. Ich merke, dass ich Nachholbedarf habe. Nach dem Studium, oder sogar während des Studiums werde ich dieses Geld nachzahlen und die 5 Jahre irgendwie vollkriegen. Danach strebe ich eine gute Karriere beim Öffentlichen Dienst oder in der Priwatwirtschaft.