Sind Riester-Kritiker und das Magazin Monitor hetzerisch?

von
Amadé

Zwei user sind in ihren Stellungnahmen zu der Sendung von Monitor "Arm trotz Riester: Sparen fürs Sozialamt" massiv über die Strenge geschlagen. Ich zitiere:

user a) "Auch ich verurteile die beinahe volksverhetzung der
einschlägigen medien aus schärfste."

user b) "Ich persönlich fand den Monitor-Beitrag hetzerisch und unseriös!"

Diese User haben anscheinend das hehre Grundrecht der Presse- und Meinungsfreiheit noch nicht so recht verinnerlicht.

Ich finde, dass eine solche Ausdrucksweise nicht hinnehmbar ist und wundere mich diesbezüglich über den Langmut der Redaktion, die ansonsten bei viel geringeren "Verstössen" auf die Löschtaste haut. Bitte die Artikel ruhig stehen lassen, sie sprechen für sich!

Da Monitor in "Ihre Vorsorge" noch keine Stellungnahme genommen hat, finde es nur fair, dass sich jeder User, der den Beitrag noch nicht gesehen hat, sich diesen nochmals anschauen kann. Als mündiger Bürger, wird man diese Kost doch wohl noch vertragen können?

Hier die entsprechenden links:

http://www.wdr.de/tv/monitor/beitrag.phtml?bid=928&sid=175

Der Beitrag kann über die Fumktion Web TV auch angesehen werden.

Und hier die Stellungnahme von Monitor zu den "Angriffen":

http://www.wdr.de/tv/monitor/presse_080111.phtml


von
hier nochmal der letztgenannte link

http://www.wdr.de/tv/monitor/presse_080111.phtml

von
Antonius

"Diese User haben anscheinend das hehre Grundrecht der Presse- und Meinungsfreiheit noch nicht so recht verinnerlicht."

Das Grundrecht der Presse- und Meinungsfreiheit gilt übrigens auch für die Bildzeitung !

Und die User, die anders denken als Sie, haben ebenfalls ein Recht auf freie Meinungsäußerung !

MfG

von
bAV-Spezialist

Sehr geehrte user,

ich habe lange gezögert mich hier zu diesem Thema zu äußern, da aus meinen früheren Beiträgen zu erkennen ist, dass ich zur Fraktion der Vermittler, also der Profiteure der Vorsorgeprodukte gehöre.
Ich verdiene aber auch an Fonds, Finanzierungen und allen anderen Finanzdienstleistungen; somit ist es ganz grundsätzlich für mich "egal", was meine Kunden kaufen. Mir ist wichtig, dass meine Kunden nach meiner Beratung wissen was sie tun, und welche Zielrichtung verfolgt wird.
Somit ist es meine Aufgabe die Kundensituation zu erfragen, zu analysieren und Lösungsmöglichkeiten entsprechend der objektiven und individuellen Prioritäten aufzuzeigen und anzubieten.
Wenn mir nach Feststellung der persönlichen Rentensituation der Kunde/Interessent sagt, er ist,aus welchem Grund auch immer, nicht bereit/fähig soviel Eigenvorsorge zu betreiben, dass er über die Schwelle einer Grundsicherung rutscht, dann ist das Gespräch für mich zu Ende, da ich weiss, dass dieser Mensch seine Ausstattung in der Rente nicht verbessern kann oder will. Das mag hart klingen, ist aber nunmal mein Job! Mache diesem Menschen dann nur noch klar, dass er nie wieder über Altersvorsorge nachdenken muss, da er beschlossen hat, den sicherlich "unbequemen" Weg des Verzichts NICHT zu gehen.
- damit ich nicht falsch verstanden werde: ich meine diese Menschen, die durchaus die Möglichkeit zum Sparen haben, denn solange es noch für Handyrechnungen von 25 bis 50 euro und mehr auch in einem Hartz IV - Haushalt reicht, oder Ratenkäufen von moderster Technik ( LCD-TV, neueste PC/ Laptop`s etc) reicht- und ich arbeite in einer Bank und sehe in den Konten das Ausgabeverhalten!- bin ich nicht davon zu überzeugen, dass nicht grundsätzlich jeder für das Alter sparen kann.
EXKURS :
Das Monitorbeispiel :

-Alleinerziehende Frau mit drei kindern ( geschätzte 35 Jahre)

- Sie spart 20 Euro pro Monat oder 240 Euro pro Jahr
- dazu erhält Sie ihre Zulage von 154 und Kinderzulage 3 mal 185 Euro pro Jahr
-> ergibt einen Jahresbeitrag von 949 Euro
-> ergibt eine Monatsrente von mindestens 160 Euro pro Monat; bei mittlerer Wertentwicklung 318 Euro pro Monat.

Was ist nun schlecht daran, dass diese Rente auf evtl. Beihilfe zum Existenzminimum angerechnet wird?!
Der Umkehrschluss bedeutet doch, dass dieser Mensch, aus welchen Gründen auch immer, es von Alter 20 Jahre bis alter 65 Jahre nicht auf ca. 400 Euro eigene Rentenansprüche gebracht hat, was ein Einkommen von ca. 854 Euro pro Monat vorraussetzt.
Das heisst, dass alle die im Durchschnitt einer Erwerbsbiographie höher verdient haben, ihre Rentensituation verbessern. Jeder der dies nicht schafft, wird auch mit Riester auf die Allgemeinheit angewiesen sein.

Soweit der Exkurs / Analyse.
Mir ist am Monitorbeitrag die Intention "sauer" aufgestossen. Ich habe heute 6 Kunden zur Altersvorsorge beraten, und vier davon haben verstanden, dass die Riesterrente auf die gesetzliche Rente angerechnet wird.
DAS zur Wirkung in der Bevölkerung aufgrund verkürzter Darstellungen in Massenmedien.
Monitor arbeitet eben nicht sauber heraus, welche Konstellation "notwendig" ist, um in diese Situation des "Umsonstsparens" zu kommen. Die verstandene Botschaft ist daher eher, dass sich Vorsorge nicht lohnt; und das ist meine Kritik an diesen Beiträgen oder auch teilweisen Aussagen in diesen Foren. Sie führen dazu, dass gerade die, die zusätzliche Vorsorge brauchen, tendenziell eher nicht tätig werden, und somit ein Heer von "bedürftigen" in den nächsten Jahrzehnten heranreift. Dieses soll und muss aber auch von der Allgemeinheit versorgt werden, welches dann über zusätzliche, höhere Steuern und Abgaben finanziert werden muss.
Somit muss das Werben zur eigenen Vorsorge doch weiter forciert werden, und darf nicht durch solche Darstellungen verhindert werden!
Dabei geht es um das Verhindern, das unser Staat in Zukunft nicht mehr in der Lage ist, das gewohnte soziale Netz zu bieten, und ICH möchte keine amerikanische oder englische Verhältnisse in Deutschland haben.
Jemanden in jungen bis mittleren Jahren die Perspektive Sozialhilfe als Lebensweg bis zum Tod als "ok" zu vermitteln kann nicht unser Ziel als Gesellschaft sein; ist auf keinen Fall mein Ziel.
So sehr unsere Gesellschaft verpflichtet ist jedem Bedürftigen zu helfen und die Existenz zu sichern, genauso berechtigt ist es von jedem Einzelnen zu fordern, dass er selbst alles tut, um diese Hilfe nicht zu benötigen. Ich halte das für legitim!!!
Bevor nun diverse Leute über mich herfallen, lassen sie mich noch sagen, dass ich es auch gerechter empfinden würde, wenn der Gesetzgeber eine Unterscheidung vornimmt; derjenige der über Riester oder anderes Vorsorgen nachweislich versucht, die Allgemeinheit nicht oder weniger zu belasten, dieses Vermögen oder diese Zusatzrente mit beispielsweise nur der Hälfte "zu verrechnen". Es sollte honoriert werden, wenn jemand trotz bescheidenen Mitteln versucht sich selbst zu helfen.

Der Beitrag von Monitor ist und bleibt eher populistisch und hilft nicht ein Problem zu lösen, verschärft es eher - ist aber legitim!

MfG, bAV-Spezialist

von
Schwarzwälder

Endlich der erste vernünftige Beitrag zu diesem Thema - vielen Dank. Auch wir Rentenberater haben es in unseren täglichen Beratungen dank der "unseriösen" Berichterstattung in den Medien nicht einfach den Leuten zu vermitteln wie wichtig zusätzliche Altersvorsorge ist.
Ich hoffe möglichst viele User lesen Ihren Eintrag und lassen sich nicht von der Länge des Textes abschrecken.

von
Rosanna

Sie sprechen mir aus der Seele (s. auch meine Beiträge hierzu)!!!

MfG Rosanna.

von
Maria L.

Hallo bav-Spezialist,

ein sehr engagierter Beitrag von Ihnen. Finde ich gut, daß Sie sich hier zu Wort melden.

Ich gebe Ihnen in dem Punkt recht, daß prinzipiell jeder Bundesbürger private Altersvorsorge betreiben sollte, um nach Möglichkeit nicht dem Steuerzahler und den Sozialkassen zur Last zu fallen (auch im ganz eigenen Interesse: es ist doch nicht schön, vom Staat finanziell abhängig zu sein, wenn es sich vermeiden läßt).

Für Geringverdiener bietet die jetzige gesetzliche Regelung aber keinen ökonomisch vernünftigen Anreiz - und deshalb muß - und wird sie sicher auch demnächst - geändert werden, so daß es zumindest Freibeträge bei der Anrechnung zur Grundsicherung gibt. Vor allem ist hier zu beachten, daß die Zahl der Grundsicherungsempfänger in Zukunft drastisch steigen wird, so daß auch langjährige Beitragszahler (auch Durchschnittsverdiener mit 32-35 Beitragsjahren - habe ich neulich in einem Artikel gelesen) dort hineinrutschen - und wenn die dann für ihre Eigenvorsorge "bestraft" werden, empfinde ich das als ungerecht.

Ich möchte Sie aber vor allem auf einen anderen Punkt aufmerksam machen. Meiner Meinung nach ist die staatliche Förderung falsch konzipiert, es werden viele Produkte gefördert, die aufgrund geringer zu erwartender Renditen nur einen sehr kleinen Beitrag zur Verringerung der Versorgungslücke leisten können.

Die beste Altersvorsorge, zumindest für alle, die durchschnittlich oder besser verdienen, ist meines Erachtens das langjährige regelmäßige Aktienfondssparen, weil damit Renditen erzielt werden können, die zu einer wirklich guten Altersversorgung führen - und zu einem Vermögen, über das der Sparer später eigenständig verfügen kann ohne bürokratische Einschränkungen.

Aber ausgerechnet diese Form der Vermögensbildung wird nicht gefördert oder nur dann, wenn das Fondssparen wieder in einen Vertrag gepreßt wird (Riester, Rürup, fondsgebundene Versicherungen).

Nachdem ich mich sehr lange mit diesem Thema beschäftigt habe, bin ich für mich zu der Erkenntnis gekommen, daß das Aktienfondssparen so gute Chancen bietet, daß es sich sogar lohnt, auf die staatliche Förderung zu verzichten, weil dann mit hoher Wahrscheinlichkeit am Ende trotzdem mehr für mich herauskommt. Bisher haben mich die Risiken der Aktienanlage abgeschreckt, aber ich habe jetzt eine Methode kennengelernt, wie das Fondssparen sehr sicher durchgeführt werden kann, so daß nahezu kein Verlustrisiko mehr bestehenbleibt.

Kennen Sie die Webseite www.finanzuni.org? Falls nicht, möchte ich Ihnen raten: stöbern Sie mal dort in der Bibliothek, vielleicht finden Sie da auch noch ein paar Anregungen für Ihre Arbeit. Vor allem möchte ich Ihnen das Buch ans Herz legen, das dort empfohlen wird. Gerade, wenn Sie in einer Bank arbeiten: dieses Buch wird Sie aufrütteln und Ihnen ganz neue Perspektiven zeigen.

Hier der Kommentar eines anderen Bankers dazu:

"bin von haus aus langgedienter banker und dachte vor der finanzuni, ich weiss alles über finanzen. aber denkste! ich fühlte mich zunächst wie ein kleiner junge, solche dummheiten musste ich mir eingestehen..... Seit 14 monaten mach ich alles anders. - spät, aber nicht zu spät wie ich hoffe. bis zur rente hab ich noch ein bischen"

http://www.finanzuni.org/phpBB/viewtopic.php?t=376

Der Autor dieses Buchs ist übrigens selber ehemaliger Banker.

Für mich ist das die Lösung nicht nur für meine individuelle Altersvorsorge, sondern auch für die Rentenproblematik generell. Es muß in Deutschland viel mehr in Beteiligungspapiere investiert werden (und zumindest die Besserverdienenden sollten damit dringend anfangen), das hilft auch der Wirtschaft, und es mehrt insgesamt den gesellschaftlichen Wohlstand.

Gruß,
Maria L.

von
bAV-Spezialist

Hallo Maria,

ich möchte Ihnen und allen Fondsspezialisten eine Tatsache zu bedenken geben: Wir beide (glauben zu) wissen, dass die Wertpapieranlage die erfolgreichere Sparform über lange Zeiträume ist.
Als Berater habe ich aber zum Einen eine Haftungssituation zu beachten, und muss daher vorsichtig sein, wenn ich von Renditen im zweistelligen bereich spreche, auch wenn das Beispiel DAX gerade zum 20. Geburtstag einen Durchschnitt von 11,7 % ausweist.
Es gibt einfach Menschen, die (noch) nicht Ihre Kenntnisse oder Erfahrungen in Fondsanlagen haben, oder deren Berührungsängste einfach höher / unüberwindbar sind, so dass es aus individuellen Gründen trotz aller Vorteile das falsche Produkt für sie ist. Diese Menschen haben Bauchschmerzen, wenn sie sich abends ins bett legen, und denken " hilfe was passiert mit meinem Geld" oder sehen die Tagesschau, hören von Börsenkrise in den USA mit Auswirkungen auf Deutschland und glauben dann nicht mehr an die bessere Rendite...
Hier darf ich als Berater nicht die Augen schliessen, muss diesen Menschen nur offen sagen, dass dann der Aufwand um ein Sparziel von X zu erreichen, entsprechend höher ist oder eben der Anlageerfolg niedriger ist. jeder ist dann in der Lage zu entscheiden, welcher Weg für Ihn der Richtige ist.
Wenn ich Renditen von 10 % und mehr in Aussicht stelle, bin ich unseriös- sie äußern nur Ihre Meinung- ohne Konsequenzen!

Ihre Hinweise zur finanzuni teile ich auch nicht so ungeschminkt. Vor wenigen Tagen haben Sie einen Artikel empfohlen, habe diesen auch gelesen, und denke auch hier, dass der dort beschriebene Sachverhalt so undeutlich und verkürzt dargestellt ist, dass es für " Otto-Normal" schwer nachvollziehbar und somit wenig überzeugend ist. Beratung braucht einfach mehr Aufwand !!!

so nun muss ich wieder Arbeiten....

MfG. bAV-Spezialist

von
Schiko.

Auch wenn mich das wort-Spezialist- etwas stört,
findet er zu 100 % meinen beifall nach 46 aktiven
und zwei geschenkten vorruhestandsjahren.

Freue mich auch, dass hier etliche Hosianna rufer
bei den darstellungen von plusminus etc. ,auch etwas
auf Kreuzigung umgestiegen sind.

MfG.

von
Maria L.

Hallo Schwarzwälder,

ach, Sie sind Rentenberater? Dann meinten Sie neulich hier

Upps, der hier ursprünglich verlinkte Inhalt steht nicht mehr zur Verfügung! Bitte nutzen Sie unsere Forensuche.
mit dem Geringverdiener mit 4 Kindern (60 Euro Eigenbeitrag, 894 Euro Zulagen) gar nicht sich selber, das konnte ich ja nicht wissen.

Ich mache Ihnen ein Friedensangebot: meinetwegen soll jeder Deutsche erstmal einen Riestervertrag abschließen (oder irgendeinen anderen der staatlich geförderten Verträge). Aber wer darüber hinaus noch mehr für seine Altersvorsorge tun möchte (und tun kann, es hat ja nicht jeder so viel finanziellen Spielraum), der sollte sich doch über die hochrentable Vorsorge durch langjähriges Aktienfondssparen zumindest mal gründlich informieren.

Ich kann nur sagen: es lohnt sich!

Gruß,
Maria L.

von
Antonius

Wirklich KLASSE, Ihr Beitrag !

MfG

von
Maria L.

Hallo bAV-Spezialist,

danke für Ihre Rückmeldung. Über die Beratungssituation, die Sie schildern, werde ich mal nachdenken, da haben Sie bedenkenswerte Einwände geäußert.

Wenn Ihnen der Riester-Artikel nicht gefallen hat: versuchen Sie es doch trotzdem bei Gelegenheit nochmal mit anderen Beiträgen dort. Am besten verständlich (und am umfassendsten) sind die Zusammenhänge meines Erachtens im dort empfohlenen Buch zur Vermögensbildung und Altersvorsorge dargestellt.

Mich hat es jedenfalls begeistert.

Gruß,
Maria L.

von
Schwarzwälder

Rentenberater haben auch Frauen ;o)

von
Maria L.

Danke, ich habe was dazugelernt :-)

Ich habe immer mehr die Singles im Blick.

von
Amadé

Man kann das Problem auch so beschreiben, ohne gleich Glaubensbekenntnisse in diese oder die anderer Richtung abzugeben.

http://www.sovd.de/1220.0.html

von
Andere Meinung

Das Grundproblem ist meiner Meinung nach ein ganz Anderes:

Es ist ein Skandal, dass dieses reiche Deutschland es sich leistet, Teile der Bevölkerung ohne Arbeit zu lassen und alles dem Profit unterzuordnen. Ökonomische Gesamtsichten werden teilweise nicht angestellt.
2 Beispiele:
Die Arbeitsagentur in ... verschickt ihre Post mit PIN. Die ist billiger als Post. Ist es dies wirklich? Das ALG2 für die schlechtest bezahlten Mitarbeiter müsste bei dieser Rechnung mal mit betrachtet werden.
Das Krankenhaus in... hat das Hilfspersonal entlassen. Man hat ein ganz modernes Robotersystem. Dort spart die "öffentliche Hand" viel Geld. Die Mehrausgaben für ALG2 sind höher...

Wenn jedem eine Chance der Mitarbeit gegeben ist lassen sich Sozialbedürftige von Faulen richtig unterscheiden

Erst dann hat Jeder eine Chance, eine vernünftige Rente zu erarbeiten und zusätzliches anzusparen