Volle EM-Rente ohne Beitragszahlung

von
Die Trine

Hallo,

Ich habe folgende Frage:

Ich bin seit meiner Geburt im Jahr 1976 schwerbehindert, könnte das aber bis zu meinem Abitur recht gut kompensieren, deswegen war ich in der Zeit auch nicht in ständiger ärztlicher Behandlung und habe, außer über die Feststellung der Behinderung bei Geburt, auch keine ärztlichen Unterlagen aus der Zeit.

Danach wurde es schwierig. Sozialversicherungspflichtig beschäftigt war ich nie, höchstens mal un- oder unterbezahlte Praktika, ich glaube auf 400 _DM_ Basis war mal was dabei, aber immer nur stunden- oder aushilfsweise.

Auch studiert habe ich etliche Semester, verschiedene Studiengänge, mit Teilzeit- oder Urlaubssemestern, teilweise auch ohne, aber immer den Anforderungen zur Einhaltung der Regelstudienzeit weit hinterherhinkend.

Seit Mai 2015 bin ich als vorübergehend erwerbsgemindert beim Jobcenter geparkt, eine Begutachtung durch die RV hat noch nie stattgefunden.

Eine EM Rente für seit Geburt behinderte Menschen mit 20 Jahren Wartezeit kommt wohl bei mir nicht infrage, da ich ja nie Beiträge gezahlt habe.

Eine EM-Rente wegen voller Erwerbsminderung könnte evtl. klappen, wenn ich alle rentenrechtlich relevanten Zeiten zusammenkratze (Schule, Arbeitslosigkeit, Krankheit) -

Aber nun meine Frage: macht Letzteres in meinem Fall überhaupt Sinn, oder kommt bei der Berechnung der Höhe dann einfach "null" raus? Bleibt mir nur die Grundsicherung oder gibt es noch irgendetwas, was ich nicht bedacht habe?

Ich lebe nun schon so viele Jahre an oder unter der Armutsgrenze, aber bis 2014 hatte ich noch die Hoffnung, in einem akademischen Beruf in Teilzeit arbeiten zu können - diese Hoffnung ist jetzt endgültig dahin, und mir vorzustellen, bis zum Ende meines Lebens finanziell so weiterwursteln und mich mit Jobcenter oder Sozialamt herumschlagen zu müssen, macht mich mittlerweile echt fertig.

Vielen Dank schonmal,

Die Trine

von
Xcb

Es macht Sinn, denn bei voller Erwerbsminderung können Sie ins SGB XII wechseln, was diverse Vorteil bietet. ZB müssen Sie keine Bewerbungen mehr schreiben oder eine Eingliederungsvereinbarung unterschreiben etc. Auch wenn Sie das Merkzeichen G besitzen erhalten Sie pauschal 17 % mehr Regelsatz was dann anstelle der 416 € 486 € sind.

Sie brauchen auch nicht alles allein machen. Gehen Sie zum Sozialamt und beantragen "einfach" Leistungen, weil Sie sich für erwerbsmindert halten. Das Sozialamt wird dann in Wege der Amtsermittlung eine Begutachtung bei der DRV veranlassen, da ausschließlich diese eine Erwerbsminderung feststellen darf unabhängig ob derjenige Ansprüche gegen die DRV hätte oder nicht.

von
Xcb

Ob Sie aber ubter Umständen vielleicht doch einen Anspruch auf Rente haben, wenn auch nur gering, kann niemand hier sagen, da niemand Ihren konkreten Fall kennt oder ob für Sie irgendwann Beiträge entrichtet wurden und ob Sie vielleicht unter eine der vielen Sonderregelungen für vorzeitige Wartezeiterfüllung fallen.

von
Die Trine

Zitiert von: Die Trine

Eine EM Rente für seit Geburt behinderte Menschen mit 20 Jahren Wartezeit kommt wohl bei mir nicht infrage, da ich ja nie Beiträge gezahlt habe.

Eine EM-Rente wegen voller Erwerbsminderung könnte evtl. klappen, wenn ich alle rentenrechtlich relevanten Zeiten zusammenkratze (Schule, Arbeitslosigkeit, Krankheit) -

Ach Quatsch, das geht ja genauso wenig, für die EM-Rente zählen ja auch nur Beitrags- und Ersatzzeiten, das muss ich wohl irgendwie mit der Altersrente für Schwerbehinderte verwechselt habe, aber auf 35 Jahre komme ich da noch lange nicht. Seufz.

Die Trine

von
Rentenuschi

Hallo Trine,

so leid es mir tut, aber ich sehe keine Möglichkeit, dass aktuell ein Anspruch auf eine Rente besteht.
Das macht rentenrechtlich ja auch irgendwie Sinn.. warum sollte jemand eine Rente bekommen, der wirklich nie auch nur einen echten Beitrag gezahlt hat (o.k. Kindererziehungszeiten mal ausgenommen).
Aus meiner Sicht kommt nur die Grundsicherung wegen Erwerbsminderung in Frage.

Die Wartezeit von 20 Jahren erfüllen in Ihrer Konstellation vor allem Menschen, die lange in einer Werkstatt für Behinderte gearbeitet haben, da für diese Personen Beitragszeiten berücksichtigt werden.

Möglicherweise wäre Arbeiten in einer solch geschützten Umgebung etwas für Sie?
Ich hoffe, ich trete Ihnen nicht zu nahe.

MfG

von
Die Trine

@Rentenuschi

Nein, Sie treten mir nicht zu nahe, wir sind da wohl nur unterschiedlicher Meinung. Ich denke nämlich sehr wohl, dass Menschen, denen es aus gesundheitlichen Gründen einfach nicht möglich ist, Beitragszahlungen zu leisten, ein Recht auf eine finanzielle Absicherung oberhalb des Grundsicherungsniveaus und vor allem ohne ständigen Papierkrieg mit Behörden, ohne ständiges Rechtfertigen, welches potentielle Vermögen vielleicht doch nicht zum Schonvermögen zählt, wo man sich gerade aufhält, etc. pp. Ich meine da mal im Grundgesetz etwas von "menschlicher Würde" gelesen zu haben. Egal, das soll hier ja keine politische Grundsatzdiskussion werden. Die Lage ist derzeit eben so wie sie ist.

Eine Tätigkeit in einer WfbM kommt bei mir aus verschiedenen Gründen nicht infrage - der Hauptgrund: ich verbringe den Großteil des Tages liegend und stehe nur zwischendrin auf, um meinen Haushalt und Alltag zu regeln, wobei ich auch dabei immer wieder längere Liegepausen brauche. Wenn ich das nicht tue, bin ich schnell völlig erschöpft, da ich behinderungsbedingt für alles, was ich tue, ein Vielfaches an Energie aufwenden muss von einem gesunden Menschen meines Alters. Außerdem habe ich seit 20 Jahren chronische Schmerzen, die nur durch häufiges längeres Liegen im Zaum zu halten sind.

Als ich das letzte Mal ein Praktikum mit 20 Wochenstunden im Rahmen eines Sozpäd-Studiums gemacht habe, war nach wenigen Wochen meine Wohnung in einem schlimmen Zustand, ich kam kaum noch zum Essen, weil es mir zu viel war, nach der Arbeit auch noch einzukaufen, ich ließ Arztbesuche und Physiotherapie sausen und hatte ausserhalb der Arbeit keinerlei Sozialkontakte mehr.

Das alles nicht, weil ich in einer "geschützten Umgebung" einer WfbM besser aufgehoben gewesen wäre, sondern weil meine Kräfte eben gerade noch so zur Alltagsbewältigung reichen. So bald ich mehrere Stunden am Tag außer Haus bin, falle ich danach nur noch erschöpft und schmerzgeplagt auf die Couch oder ins Bett und der Tag ist gelaufen. Aber wie soll ich es so schaffen, jemals "richtige" Sozialvericherungsbeiträge zu zahlen?!

Unterm Strich fühle ich mich doppelt betrogen: einmal von meinem Körper und einmal vom Staat, der anscheinend nichts dafür tut, auch Härtefällen ein Leben in Würde und bescheidener materieller Sicherheit und Unabhängigkeit zu ermöglichen, wenn dies aus eigener Kraft niemals möglich sein wird.

Oder hat vielleicht doch noch jemand eine Idee?

von
Schade

Liebe die Trine,

dass es Ihnen nicht gut geht scheint klar zu sein und dass Sie gerne mehr hätten, kann man auch irgendwie verstehen.

Aber unfair erachte ich es schon, dass Sie dem Staat, der sie mit Grundsicherung versorgt, "nichts tun" vorwerfen. Nimmt man den Wert für Wohnen und Leben kassieren Sie wahrscheinlich etwa 800 € monatlich aus Steuergeldern. Ist das nichts?

Nach Ihrer Beschreibung scheinen Sie bislang noch nichts sehr viel Steuern gezahlt zu haben. Schüler, Studenten und Praktikanten leisten diesbezüglich eher wenig, meinen Sie nicht?

von
Die Trine

@Schade:

Wenn ich diese fiktiven 800€ ohne jeglichen fortdauernden Papierkrieg (außer vielleicht beim erstmaligen Antrag und von mir aus alle paar Jahre bei einer Überprüfung), ohne behördliche Schikanen, ohne Vorschriften, wo und wie ich zu wohnen habe, bekommen würde, wenn ich Rücklagen für Notfälle bilden könnte, wenn ich keine Angst vor Gesetzesverschärfungen und Kürzungen haben müsste, dann wäre ich damit durchaus zufrieden.

So kann ich nachts nicht schlafen, ich habe eine Angststörung und Depressionen entwickelt, weil selbst dieses absolute Minimum an Teilhabe einfach so verdammt unsicher ist. Und das brauche ich zusätzlich zu meiner Behinderung nicht wirklich.

Und was das Steuerzahlen anbelangt, wenn ich jemals in der Lage gewesen wäre, einen gutbezahlten Job zu (er)halten, hätte ich auch gerne meinen Beitrag geleistet, denn Solidarität ist für mich einer der wichtigsten Grundwerte.

Das sage ich nicht nur so, weil ich jetzt darauf angewiesen bin - ich komme aus einem gut situierten Elternhaus, nur hatte auch schon mein Vater das Pech, mit 55 Jahren schwer zu erkranken. Seine Firma wurde aufgelöst, der Großteil unseres damaligen Vermögens ging für Pflege und die Altersversorgung meiner Mutter drauf. Ich kenne also beide Seiten der Medaille, und Solidarität ist mir so und so wichtig.

Und außerdem, selbst von meinen paar Groschen holt sich der Staat zumindest zwischen 7 und 19% durch die Mehrwertsteuer wieder zurück. Ich finanziere mich also, sagen wir mal, zu 10-15% sogar selbst!

von
???

Es ist sicher sehr schwer in unserer Gesellschaft zu leben und ihre Möglichkeiten nur sehr eingeschränkt nutzen zu können, weil man nie eine echte Chance hatte, das dazu nötige Geld zu verdienen.

Drei Gedanken dazu:
Haben Sie schon mal prüfen lassen, inwieweit Sie als pflegebedürftig anerkannt werden können? Vielleicht wäre ja eine Berufstätigkeit möglich, wenn Sie im Haushalt ... durch einen Pflegedienst entlastet wären.

Wenn ich das richtig verstehe, sind Sie ja derzeit beim Jobcenter. Wenn Sie dem Tipp von "xcb" folgen, könnte sich zumindest der Papierkram und ähnliches vermindern.

Es ist klar, dass vieles für Menschen in Ihrer Situation in Deutschland noch verbessert werden könnte. Vielleicht sehen Sie aber mal über die Landesgrenzen hinaus. Schon in Europa werden Sie Länder finden, wo Sie schlechter versorgt wären. Von Entwicklungsländern in Afrika oder Asien ganz zu schweigen. Das verbessert jetzt sicher nicht Ihre Lage hier in Deutschland, aber vielleicht hilft es, sich besser damit zu arrangieren.

Experten-Antwort

Ob und in welcher Höhe Ihnen eine Erwerbsminderungsrente zusteht, kann nur durch eine Antragstellung geklärt werden. Hier sollten Sie mit dem Jobcenter sprechen, damit von dort die Überprüfung bei der Deutschen Rentenversicherung eingeleitet wird.
Alternativ steht es Ihnen auch frei, selbst einen Antrag auf Erwerbsminderungsrente bei der Deutschen Rentenversicherung zu stellen.
Wenn Sie wirklich nie einen Beitrag zur Rentenversicherung gezahlt haben, werden Sie auch keinen Rentenanspruch haben.
In diesem Fall werden Sie durch die Feststellung einer Erwerbsminderung dann evtl. die Grundsicherung bekommen, statt Arbeitslosengeld II.

von
Die Trine

@Olga, @Schorsch:

ARGH!!!

@Expertenrat:

Danke, jetzt bin ich zwar so schlau als wie zuvor, aber wenigstens habe ich dann tatsächlich keine Sonderregelungen oder so etwas verpasst. Vielen Dank!

Bin raus hier.