Aus der Rente in die Arbeit und zurück?

von
Shanau

Hallo, ich beziehe derzeit eine volle Erwerbsminderungsrente in Höhe von knapp 150 Euro. Die Rente wird wegen Wegeunfähigkeit gezahlt, also da ich einen normalen auswärtigen Arbeitsplatz nicht erreichen kann. Nun habe ich seit drei Monaten einen Heimarbeitsminijob, wo ich 5 Stunden die Woche arbeite und 450 Euro verdiene.
Jetzt soll dieser Minijob auf 50% Arbeitszeit erhöht werden aber nur für ein Jahr. Ich hätte also 6 Monate in 2017 und 6 Monate in 2018 einen Verdienst von 1500 brutto für 4 Stunden tägliche Arbeitszeit. Was passiert mit meiner Rente ab morgen dem 01.07. der Mitarbeiter des Servicetelefons konnte mir das nicht sagen, er meinte es wird erst am Jahresende geschaut wieviel ich im Jahr verdient habe? Aber wird die Rente nicht ab dem 01.07. komplett gestrichen? Muß ich die Rente dann nicht zurückzahlen (hohe Rückforderungen am Jahresende)? Was passiert mit meiner Krankenversicherung, ich kann doch nicht gleichzeitig in der KVdR und der normalen Arbeitnehmer KV sein? Und was ist in einem Jahr, kann ich dann wieder in die Rente? Es handelt sich ja nicht um einen normalen Job unter den Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarkts sondern um einen Homeofficejob, was anderes könnte ich ja gar nicht machen? Und an meiner Erkrankung hat sich ja nichts geändert... Können Sie mir weiterhelfen?

von Experte/in Experten-Antwort

Hallo Shanau,

das ist keine Frage, die sich einfach beantworten lässt und schon gar nicht hier im Forum.
Sie haben schon richtig erkannt, das es nicht nur um die Einhaltung der Hinzuverdienstgrenzen geht (die kalenderjährliche Grenze von 6300 Euro wäre mit 6 x 1500 Euro überschritten), sondern auch um den Grundanspruch auf Ihre Rente.

Wenn Sie eine volle EM-Rente aus allein gesundheitlichen Gründen (also nicht "Arbeitsmarktrente") beziehen, dann haben die Ärzte Ihres Rentenversicherungsträgers festgestellt, dass Sie nicht mehr in der Lage sind, 3 Stunden am Tag in einer arbeitsmarktüblichen Beschäftigung tätig zu sein. Wenn Sie nun tatsächlich mehr als 3 Stunden am Tag arbeiten, dann kann das entweder bedeuten,
- dass sich Ihr Gesundheitszustand gebessert hat und keine (volle) EM mehr vorliegt oder
- dass Sie trotz der gesundheitlichen Einschränkung mehr arbeiten, als Sie eigentlich können (das wird "auf Kosten der Restgesundheit" genannt).
Die Aufnahme der Beschäftigung kann also durchaus Anlass sein, das weitere Bestehen Ihres Anspruches zu überprüfen. Dabei wird sicher auch geprüft werden, ob es sich bei Ihrer Tätigkeit um eine "arbeitsmarktübliche" Tätigkeit handelt (das wäre m. E. auch bei einem Homeoffice nicht ausgeschlossen).

Wichtig ist: Sie sind verpflichtet, Ihrem Rentenversicherungsträger die Beschäftigungsaufnahme und den voraussichtlichen Verdienst mitzuteilen (ein Anruf beim Servicetelefon reicht dafür nicht aus). Die Rente fällt dann nicht einfach weg, sondern es wird geprüft, ob eine Besserung eingetreten ist und nur wenn der RV-Träger das feststellt, wird der Rentenbescheid aufgehoben; ggf. erfolgt eine Umwandlung in eine teilweise EM-Rente.

Hinsichtlich des Hinzuverdienstes müssen Sie eine Prognose über Ihr zu erwartendes Entgelt abgeben. Besteht der Anspruch auf die Rente weiter, wird der 6300 Euro pro Jahr übersteigende Verdienst zu 40 % auf Ihre Rente angerechnet. Damit ist vermutlich schon eine geringe Überzahlung entstanden, wenn Sie den (höheren) Verdienst bisher noch nicht mitgeteilt haben. Zum 01.07.2018 wird dann geprüft werden, ob der tatsächliche Verdienst von der Prognose abweicht - bei Abweichungen wird zurückgefordert oder nachgezahlt.

Bitte klären Sie den Sachverhalt schnellstmöglich direkt mit Ihrem zuständigen Träger.

[Dieser Beitrag wurde 1mal bearbeitet, zuletzt am 30.06.2017, 16:28 Uhr]

von
Shanau

Vielen Dank schon mal für diese ausführliche Antwort. Ich habe außerdem die Sachbearbeitung angerufen (heute) und des weiteren das Kontaktformular benutzt, um Arbeitsaufnahme, Verdienst und Stundenzahl mitzuteilen. Auf einen Termin im Oktober bei der Beratungsstelle wollte ich nicht warten. Ist das Kontaktformular ausreichend für die Mitteilungspflicht oder muß es zwingend ein Brief sein?
Und wie schaut es mit der Krankenversicherung ab dem 01.07. aus. Wenn erst am Ende des Jahres gerechnet wird ob überhaupt noch ein Rentenanspruch übrig bleibt (40% vom übersteigenden Verdienst dürfte immer noch höher sein als meine gesamte Jahresrente), bin ich dann ab morgen nicht mehr in der KVdR? Oder ab Jahresende und bis dahin doppelte KV? Ich verstehe das leider überhaupt nicht und finde dazu auch keine Informationen.

von
W*lfgang

Zitiert von: Shanau
Hallo, ich beziehe derzeit eine volle Erwerbsminderungsrente in Höhe von knapp 150 Euro.
Shanau,

150 ist richtig und nicht etwa 1500?

Gruß
w.

von
Shanau

Nein 150 Euro ist richtig. Das ist ein Taschengeld, mehr nicht. Eigentlich wollte ich eine Reha machen aber mich in Rente zu schicken - mit 31, war anscheinend billiger.

von
W*lfgang

Zitiert von: Shanau
Nein 150 Euro ist richtig.
Shanau,

in Anbetracht der 'Höhe' dieser Rente sehe ich zunächst keinen Grund, auf irgendwelche Hinzuverdienstgrenzen 'Rücksicht' nehmen zu müssen.

Die Hintergrundsituation ist dabei noch völlig offen - womit bestreiten Sie den Lebensunterhalt /welche Leistungen erhalten Sie zusätzlich /bestehen Unterhaltsverpflichtungen von anderen Familienangehörigen /ist Familieneinkommen oberhalb der 'Sozialgrenzen' vorhanden?

Ohne erweiterte Angaben ist da keine sinnvolle Antwort auf Ihre Frage möglich.

Gruß
w.

von
Shanau

Mein Mann verdient und darf mich mit durchschleppen, und sein Gehalt ist auch nur ein Kleines.. Daher war ich froh endlich doch noch einen Job gefunden zu haben, nachdem ich sicherlich 600 erfolglose Bewerbungen geschrieben hatte. Ich gehe auch gern das Risiko ein, dadurch die Rente zu verlieren, der Job ist ja leider nur auf 1 Jahr befristet. Ich würde nur gern wissen wie das jetzt mit der Krankenkasse läuft, schon bei meinem Minijob, den ich seit 3 Monaten mache, habe ich das nicht verstanden. Ich bin in der KVdR mit 12 Euro Beitrag und der Arbeitgeber überweist noch irgendwelche KK Beiträge an die Knappschaft. Was ist das jetzt für eine zusätzliche KV und wieso hab ich 2 Krankenversicherungen und wie ist das dann wenn der Minijob ab heute (Arbeitsvertrag habe ich aber immer noch nicht vorliegen) eine Teilzeitstelle wird? Hab ich dann immer noch zwei Krankenversicherungen, einmal als Rentner und einmal als Arbeitnehmer oder wie muß man sich das vorstellen. Verstehe davon überhaupt nichts.

von
W*lfgang

Zitiert von: Shanau
wieso hab ich 2 Krankenversicherungen
Shanau,

Sie haben nicht 2 Krankenversicherungen, sondern nur 2 Einkünfte, die der Krankenversicherungspflicht unterliegen ...Sie können sich da nicht das kleinste Einkommen/den niedriegsten aussuchen, um damit krankenversichert zu sein. Alle KV-pflichtigen Einkünfte bis aktuell 4350 EUR/mtl. sind beitragspflichtig.

Aufgrund Ihrer Rente sind Sie vorrangig pflichtversichert (KVdR). Ihr Arbeitgeber muss 'zwangsweise' Beiträge von 13 % zu Ihrer KV zahlen. Sollte daraus mehr als Minijob werden, sind Sie vorrangig aus dieser Beschäftigung pflichtversichert in der KV, plus Beitragsabzug auch von der Rente, da auch diesen Einkommen weiterhin KV-beitragspflichtig ist.

Ist wie mit der Steuer - alles in einen Pott und dann Ermittlung der gesamten Steuerpflicht auf alle Einkünfte.

Gruß
w.

von
Unwissende

Zitiert von: W*lfgang

Ohne erweiterte Angaben ist da keine sinnvolle Antwort auf Ihre Frage möglich.

Hallo Shanau,

offensichtlich haben W*lfgang und auch der Experte/die Expertin übersehen, dass Sie eine Rente wegen voller Erwerbsminderung „wegen Wegeunfähigkeit“ beziehen.

Diese Rente wegen Wegeunfähigkeit erhalten Sie nur, wenn Sie keinen Ihrem Leistungsvermögen entsprechenden Arbeitsplatz inne haben. Es ergibt sich nun folgende Situation:

Mit der bisherigen Beschäftigung von 5 Stunden pro Woche hatten Sie eine Beschäftigung, die dem Leistungsvermögen bei voller Erwerbsminderung (= weniger als 3 Stunden täglich / 15 Stunden wöchentlich) entsprach.

Wenn Sie ab Juli Ihre Beschäftigung 4 Stunden täglich ausüben, sind Sie nicht mehr voll erwerbsgemindert wegen Wegeunfähigkeit. Sie sind nur noch teilweise erwerbsgemindert wegen Wegeunfähigkeit. Also wird Ihnen die Rente wegen voller Erwerbsminderung ab 01.07.2017 entzogen und stattdessen eine Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung gezahlt, die dann nur noch halb so hoch ist. (Anmerkung: Sollte Ihr Rentenversicherungsträger das ganze zum Anlass nehmen, Sie nochmal medizinisch zu untersuchen, könnte es auch ganz anders ausgehen; dann werden „die Karten neu gemischt“. Für eine neue medizinische Untersuchung gibt es aber normalerweise keinen Anlass, weil Ihre Beschäftigung von 4 Stunden täglich ja nichts mit der festgestellten Wegeunfähigkeit zu tun hat).

Wegen des Hinzuverdienstes brauchen Sie sich dann für das Jahr 2017 keine Sorgen machen. Sie hatten bisher 3 Monate a 450,- Euro und werden von Juli bis Dezember 6 x 1.500,- Euro erzielen. Macht insgesamt 10.350,- Euro. Der „Mindestfreibetrag“ bei einer Rente wegen teilweiser Erwerbsminderung liegt jedoch bei kalenderjährlich 14.458,50 €. (§ 96a Abs. 1c Nr. 1 SGB VI; Hinweis: Die vom Experten/der Expertin angeführten 6.300,- Euro gelten nur bei einer Rente wegen voller Erwerbsminderung, § 96a Abs. 1c Nr. 2 SGB VI).

Wenn Sie in 2018 ebenfalls unter 14.458,50 € bleiben, spielt der Hinzuverdienst auch in diesem Jahr keine Rolle.

P.S.: Ihr individueller „Freibetrag“ könnte sogar noch höher als 14.458,50 € sein, wenn Sie in den letzten 15 Jahren ein Jahr mit mehr als 0,5 Entgeltpunkten haben.

Gesetzlich krankenversichert bleiben Sie somit ab 01.07.2017 ebenfalls. Beiträge zur Krankenversicherung zahlen Sie dann sowohl aus der Rente als auch aus Ihrem Arbeitsentgelt.

Sollten Sie zum 30.06.2018 Ihre Beschäftigung wieder aufgeben bzw. keine Beschäftigung oder Tätigkeit mit 15 oder mehr Wochenstunden ausüben, steht Ihnen wieder eine Rente wegen voller Erwerbsminderung bei Wegeunfähigkeit zu, wenn sich Ihr Gesundheitszustand nicht verändert hat / die Wegeunfähigkeit nicht behoben wurde.

von
W*lfgang

Zitiert von: Unwissende
offensichtlich haben W*lfgang und auch der Experte/die Expertin übersehen, dass Sie eine Rente wegen voller Erwerbsminderung „wegen Wegeunfähigkeit“ beziehen.
änzend zu Ihrem richtigen Einwand, dass es sich dabei grundsätzlich nicht um eine 'Arbeitsmarktrente' handelt:

http://rvrecht.deutsche-rentenversicherung.de/Raa/Raa.do?hl=Wegef%C3%A4higkeit&f=SGB6_43R3.1.1

Gruß
w.

von
Shanau

Danke für die sehr ausführliche Antwort, damit kann ich wirklich etwas anfangen. Ich bin wegeunfähig nicht aus körperlichen Gründen sondern wegen einer nicht behandelbaren Agoraphobie. Im öffentlichen Raum kommt es bei entsprechendem Triggerereignis nicht einfach nur zu simpler Angst (das könnte man ja aushalten) sondern zu Anfällen mit Bewußtlosigkeit inkl. Sturz und anschließend bin ich für Stunden auch nicht transportabel. Hier müssen dann die Sanitäter anrücken etc.
Die Hälfte der vollen EU-rente wären demnach knapp 75 Euro (welch ein Reichtum), aber das ist ok. Die Frage ist halt ob die Wegeunfähigkeit mit Innehaben eines Heimarbeitsjobs verneint würde. Den Link lese ich gerade, hier ist die Rede von einer konkreten Arbeitstelle, die man innehat oder angeboten wird, die man erreichen kann - wenn ja bestünde keine Erwerbsunfähigkeit. Das ist eben die Frage wie das ausgelegt wird, denn an Behinderung und Gesundheitszustand hat sich nichts geändert (und wird sich auch nicht mehr, nachdem das Ganze fast 40 Jahre besteht und längst austherapiert ist).
Zur Vorgeschichte, ich habe zunächst Teilhabe am Arbeitsleben beantragt, was abgelehnt wurde und mich trotzdem immer weiter auf Jobs beworben. Die Rente wurde für ein Jahr befristet bewilligt und anschließend direkt unbefristet. Es gab keine medizinische Untersuchung! Nur meine behandelnden Ärzte bekamen je ein Formular zum Ausfüllen.

von
Unwissende

Zitiert von: Shanau

Die Frage ist halt ob die Wegeunfähigkeit mit Innehaben eines Heimarbeitsjobs verneint würde.

Die Wegeunfähigkeit wird durch den Heimarbeitsjob nicht verneint. Sie bleibt bei unveränderter Agoraphobie bestehen.
Wenn Sie 3 oder mehr Stunden täglich zu Hause arbeiten, wird lediglich die volle Erwerbsminderung verneint.
Reduzieren Sie Ihre Heimarbeit wieder auf unter 3 Stunden oder fällt die Heimarbeit weg, sind Sie wieder voll erwerbsgemindert - wegen Wegeunfähigkeit und mangels Job.