Muss ich eine Reha annehmen?

von
Luja

Hallo,

also die Kurzfassung meiner Frage steht eigentlich in der Überschrift. Aber zum Hintergrund dieser Frage muss ich wohl noch einiges sagen.

Ich bin seit einiger Zeit psychisch erkrankt mit verschiedenen Diagnosen. Das ganze eskalierte dann vor 2 Jahren in einem schweren Suizidversuch. Seitdem bin ich nun arbeitsunfähig. Meine Anstellung habe ich aber offiziell noch.
Nach diesem "kleine Ausrutscher" kam natürlich alles hinterher, was kein Mensch braucht. Da muss ich wohl auch nicht näher drauf eingehen.

Nun bin ich nach einem mehrmonatigen stationären Aufenthalt seit 2014 in ambulanter Behandlung. Ich habe nach vorangehenden sehr schlechten Erfahrungen auch endlich den Therapeuten meines Vertrauens gefunden. Einen Facharzt, der genau auf meine Erkrankungen spezialisiert ist.
Leider wurde bislang aber noch kein bei mir wirksames Medikament gefunden, so dass ich alle paar Monate wieder ein Neues ausprobiere. Immer in der Hoffnung, dass endlich eines anschlägt. Auch die Therapie hat leider noch nicht den gewünschten Erfolg gezeigt, was aber wohl eher daran liegt, dass ich aufgrund meines jahrelangen "Versteckspiels" schon ziemlich chronisch bin und dieses auch meine erste Therapie ist.

Nach dem "offiziellen" Eintritt meiner Erkrankung bekam ich diese 72 Wochen Krankengeld der Krankenkasse, danach wurde ich ausgesteuert. Innerhalb dieser Bezüge hat natürlich auch die Krankenkasse versucht, mich an die Rentenversicherung über die Aufforderung zu einem Reha-Antrag loszuwerden. Dagegen konnte ich mich aber erfolgreich wehren.
Nun beziehe ich vorerst ALG I. Auch hier wurde ich natürlich in einem Eilverfahren als leistungsvermindert unter 3 Stunden und damit als nicht vermittelbar eingestuft, damit man mich möglichst schnell an den Nächsten in der Kette weiterreichen kann. Nun kam ich also um die Stellung eines Reha-Antrages nicht mehr herum. Bzw. stellte diesen Antrag die Arge und nicht ich. Aber ich war ja gezwungen, das mitzumachen.

Aufgrund dieser bereits etwas länger andauernden Geschichte existieren natürlich alle möglichen Gutachten und Befundberichte verschiedener Ärzte und Gutachter. Nicht eines dieser ganzen Schriftstücke empfiehlt in meinem Fall (jedenfalls bis zum jetzigen Zeitpunkt) eine Reha. Ganz im Gegenteil werde ich sogar in einem der Gutachten als nicht Reha-fähig eingestuft. Keiner meiner Ärzte empfiehlt mir aktuell eine Reha.

Zudem war ich auch noch gezwungen, mein selbstständiges Leben aufzugeben. Ich wohne seit 2 Jahren nun auch wieder bei meiner Familie. Immerhin bin ich hier für meine Verhältnisse einigermaßen stabil.

Das sollte als Erklärung ausreichen.
Aufgrund dieses aufgezwungenen Reha-Antrages wurde ich nun zu einem Gutachten aufgefordert. Gemäß Reha vor Rente, was mir ja auch durchaus klar ist und einleuchtet. Trotz alledem hielt ich diesen Termin eher für ein "pro forma" Procedere. Dieser Termin war vor zwei Tagen.
Mal ganz davon abgesehen, dass ich den Gutachter als recht unsensibel empfand (nun gut, das mag auch seine Aufgabe sein) und ich mich seitdem nun fast "retraumatisiert" fühle, kam der allen anderen Meinungen und Gutachten zum Trotz zu der Meinung, dass mir eine Reha bestimmt gut tun würde. Die Begründung war "vielleicht finden sie ja jemanden zum Reden und der Ihnen hilft". Diese weckt in mir eigentlich nur das Gefühl, dass hier aufgrund der bislang nicht wirklich eingetretenen Verbesserung meines Zustandes meine Therapie (-form) und mein Therapeut angezweifelt wird.

Nein, eine Reha wird mir (momentan jedenfalls) nicht helfen. Ich habe eine ausgeprägte Soziophobie. Fremde Umgebungen und erst recht stationäre Einrichtungen lösen einfach nur Panik in mir aus. Das bisschen Stabilität, dass ich aktuell erreicht habe, wird komplett zunichte gemacht.
Für die Reha müsste ich meine laufende ambulante Therapie beim Arzt meines Vertrauens unterbrechen. Nur damit man mir für ein paar Wochen jemand Wildfremdes, zu dem ich ganz sicher kein Vertrauen habe und den ich danach nie wieder sehe, vor die Nase setzt , mit dem ich mich zwangsunterhalten soll.
Auch das weitere Anfluten der Medikamente und damit die erneute Hoffnung auf ein kleines bisschen Verbesserung der Lebensqualität müsste unterbrochen werden, da ich auf sämtliche Psychopharmaka überreagiere und eine weitere Dosisteigerung während der Reha nicht möglich ist. Ich bin dann jedesmal komplett 2 Wochen platt.
Zudem habe ich auch aktuell extrem schlechte Blutwerte. Ich könnte also viele der Therapieangebote - insbesondere was körperliche Aktivitäten angeht - gar nicht in Anspruch nehmen.
Auch ist in meinem Fall sicherlich keine Hoffnung auf Arbeitsfähigkeit in absehbarer Zeit nach der Reha gegeben.
Ich verstehe also beim besten Willen nicht, was ich in einer Reha soll. Für mich kommt das einer Zwangseinweisung gleich...

Seit dem Termin vor zwei Tagen merke ich nun selber, wie ich zunehmend destabilisiere. Ich bekomme inzwischen wieder mehrmals täglich Panikattacken. Meine innere Anspannung geht so hoch, dass ich sie kaum noch in den Griff bekomme. Meine Suizidgedanken nehmen ebenfalls massiv zu.
Es kann doch irgendwie nicht sein, dass man zuerst "zurückgeholt" wird, und nachdem nun alle feststellen "Ach Mist, die kann ja nach ein paar Wochen gar nicht wieder arbeiten gehen und brav ihre Steuern und Sozialabgaben zahlen. Die kostet ja nur Geld", wird man von a nach b, von b nach c und von c wieder nach a geschoben und alle wollen eine nur loswerden.
Also ich wollte das so ganz sicher nicht!

Noch habe ich zwar natürlich keine Bescheid von der Rentenversicherung bekommen. Ich kann auch nur hoffen, dass der Reha-Antrag trotz des Gutachtens abgelehnt wird. Allerdings kann ich mir das kaum vorstellen. Wozu sollte ein Gutachter beauftragt werden, wenn man dann seinem Gutachten nicht nachkommt.

Damit komme ich jetzt auf meine eingangs gestellte Frage zurück. Was kann ich tun, um einer Reha "zu entkommen"?
Welche Konsequenzen hat eine Ablehnung? Oder kann ich die sozusagen "verschieben", in der Hoffnung, dass sie mir vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt hilft?
Wenn ich gar keine andere Wahl habe, kann ich auf eine ambulante Form bestehen? Dann würde ich wenigstens nicht komplett aus meinem stabilisierenden Umfeld gerissen.

Ich bin wirklich trotz des noch ausstehenden Bescheids völlig verzweifelt und denke eigentlich ausschließlich "nur über meine Leiche"...

LG

von
Nahla

Wenn Ihr Arzt der Meinung ist, dass Sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht rehafähig sind, dann kann er diese Rehaunfähigkeit bescheinigen und dann kann so eine Reha auch verschoben werden. Die Bewilligung an sich gilt sechs Monate.

Auch wenn Sie eine Reha bewilligt bekommen und dann in der Bewilligung eine Einrichtung benannt wurde, die für Sie nicht passt, können Sie im Rahmen des Widerspruchs eine Umeinweisung in eine Klinik Ihrer Wahl beantragen (mit Unterstützung Ihres Arztes). Vielleicht haben Sie eine passende Tagesklinik in der Nähe, die für Sie in Frage kommen würde. Am besten sprechen Sie darüber mit Ihrem Arzt.

Was letztendlich bei Ihrem Gutachten herauskommt und bewilligt oder nicht bewilligt wird, müssen Sie nun leider abwarten. Aber Sie haben die Möglichkeit, alle Eventualitäten schon im Vorfeld mit Ihren Ärzten zu besprechen.

Alles Gute für Sie.

von
Schade

Alternativen zur Reha wären die Rente zu beantragen, falls Sie so eingeschränkt sind, dass keinerlei Arbeit mehr geht.
Oder Sie nehmen eine Arbeit an, auch dann endet der "Stress" mit Arbeitsamt und Krankenkasse.
Oder Sie melden sich bei der Agentur ab,
Aber einfach so auf Dauer krank sein wird nicht unendlich funktionieren.

Könnte ja auch sein, dass die Reha was bringt, aber wohl kaum wenn Sie das gar nicht wollen.

von
Herz1952

Es könnte durchaus sein, dass die Reha seitens der RV abgelehnt wird, weil Sie nichts bringt.

Dann wäre es ratsam, wie "Schade" vorgeschlagen hat, einen Rentenantrag zu stellen, falls nicht schon der Reha-Antrag als Rentenantrag gilt.

Eine Formulierung in der Ablehnung des Reha-Antrages der RV könnte durchaus lauten: "Seelische Erkrankung, krank zu Hause".

Ein Rentenantrag könnte Sie zumindest erst einmal (natürlich erst nach Genehmigung der Rente) aus dem finanziellen Desaster befreien.

Da Sie anscheinend auch keine Rentenversicherung Beiträge zahlen, könnte die EM-Rente immer weiter sinken, je länger Sie mit der Antragsstellung warten.

Aufgrund Ihrer Schilderung wage ich auch zu sagen, dass Ihnen zumindest eine sog. "Verhaltenstherapie" nichts bringen wird. Vielleicht nicht einmal eine sog. Tagesklinik. Diese sind darauf ausgelegt, wieder fit zu machen für den Arbeitsalltag und es besteht zumindest leichter "Gruppenzwang".

Ich schreibe dies aus Erfahrung mit unserem Sohn.

von
Luja

Hallo,

schon einmal vielen Dank für die Antworten. Dann werde ich bei meinen Ärzten um entsprechende Unterstützung bitten. Vielleicht kennen die ja auch eine ambulante Einrichtung hier in der Nähe. Mir ist leider keine bekannt. Und im Internet habe ich bislang auch noch keine entsprechende Liste gefunden.

Dass ich nicht "unendlich" krank sein kann, ist mir auch klar. Aber arbeiten geht definitiv nicht. Das habe ich bereits nach einem Jahr wieder versucht. Ganze 10 Tage habe ich durchgehalten, dann saß ich plötzlich auf dem Flur und war nicht mehr ansprechbar.

Ich bin auch eigentlich davon ausgegangen, dass mich die Behörden, da sie mich ja nicht zu einem Rentenantrag zwingen dürfen, eben diesen "Umweg" über den Reha-Antrag gehen. Dieser wird abgelehnt (entsprechende Gutachten über nicht-rehafähig wurden ja schon erstellt) und zu einem Rentenantrag umgewandelt. Das finde ich zwar so auch schon nicht besonders schön, zumal ich ja das ALG1 für ein Jahr bewilligt bekommen hatte, aber dagegen kann ich ja wohl kaum etwas ausrichten. Ich bin allerdings nie davon ausgegangen, dass die mich ernsthaft in eine Reha stecken wollen...

Also, dann muss ich wohl abwarten, was der Bescheid ergibt und mich bis dahin irgendwie zusammenreißen. Und mit meinen Ärzten besprechen, was am besten zu tun ist. Vielleicht wäre ein Rentenantrag dann wirklich das Beste. Aber macht das dann noch einen Unterschied? Auch in diesem Fall prüft die DRV doch "Reha vor Rente", oder? Kommt das nicht auf das Selbe raus?
Reha geht auf jeden Fall ganz sicher nicht und wird mir nicht helfen.

Und wenn ich mich jetzt überall abmelde, um diesem ganzen Stress zu entgehen? Was passiert dann?

LG

von
Nahla

Warten Sie einfach ab, bis Sie einen Bescheid der Rentenversicherung in Händen halten. Bis dahin sprechen Sie den Sachverhalt bei Ihren Ärzten an.

Sie haben derzeit alle Ihre Vorgaben erfüllt und können jetzt einfach erst mal nur abwarten. Wie Sie schon lesen können, besteht durchaus die Möglichkeit, dass es gar nicht zu einer Reha kommt.

Den Gutachtertermin haben Sie hinter sich, bitte versuchen Sie, nicht zu viel über diesen Termin und die möglichen Folgen nachzudenken. Ablauf des Termins und Ihre Ängste einer "Zwangseinweisung" in eine Reha besprechen Sie bei nächster Gelegenheit mit Ihrem Therapeuten.

Bevor Sie sich überall abmelden, sprechen Sie bitte zuerst mit Ihren Ärzten. Der Verzicht auf die Ihnen zustehenden Leistungen bringt vielleicht im ersten Moment eine kleine Erleichterung, weil Sie sich aus dem Verfahren sozusagen ausklinken, aber dann kommen möglicherweise noch finanzielle Sorgen. Sie schreiben, Sie haben Ihr selbständiges Leben schon aufgeben müssen, geben Sie das nicht auch noch auf. Das Verfahren zur Reha läuft sowieso schon und würde dadurch nicht einfach "verschwinden".

von
Herz1952

Es kann Sie eigentlich niemand zwingen eine Reha zu machen. Einen Reha-Antrag zu stellen wohl, der dann womöglich in einen Rentenantrag umgewandelt wird. Wenn Sie keine Reha machen wollen/können, wird eben aufgrund der Unterlagen entschieden, ob Sie eine EM-Rente bekommen oder nicht.
Das ganze erinnert mich fatal an unseren Sohn, der es zwar geschaft hat, noch Schulen zu besuchen, eine Lehre zu machen und sein Fachabitur. Dieses allerdings in nur 2 Std. täglich.

Danach ging doch nichts mehr. Er bezog mit 28 Jahren seine EM-Rente.

von
Luja

Hallo,

dann an dieser Stelle zunächst einmal noch vielen Dank für die Ratschläge und die netten Worte. Dann heißt es erst einmal "abwarten und Tee trinken". Den Rest werde ich dann mit meinen Ärzten besprechen.
Ich dachte eben, wenn ich die Reha auf irgendeine Weise ablehne, komme ich meiner Mitwirkungspflicht nicht nach und es wird mir unterstellt, nicht alles für eine Gesundung zu tun.

Aber Sie haben natürlich recht. Auf das Gutachten habe ich keinen Einfluss und der Bescheid ist noch nicht da. Vielleicht kommt es ja wirklich nicht zu einer Reha.

Rentenbeiträge werden meines Wissens nach weiterhin abgeführt. Das entnehme ich jedenfalls den Schreiben, die ich bekommen habe.

Also, noch einmal vielen lieben Dank für die Unterstützung und LG

Experten-Antwort

Hier noch eine kleine Anmerkung.
Sie haben viele Fragen, die Sie beschäftigen. Vielleicht hilft ihnen hier auch die Beratungssstelle der Gemeinsamen Servicestelle für Rehabilitation.
Hier können Sie Ihre Fragen noch einmal in einem persönlichen Gespräch stellen. Die Mitarbeiter der Gemeinsamen Servicestelle für Rehabilitation nehmen sich Zeit und gehen in einem geschützten Rahmen auf Ihre Fragen ein.

Gut ist, dass Sie bei Ihrer Familie und demnach in guten Händen sind.
Wichtig für Sie zu wissen ist erstmal, dass aus einer Aufforderung zu einer Rehaantragstellung nicht unbedingt eine Rehabilitationsmaßnahme werden muss. Hier geht es erstmal darum zu prüfen, inwieweit eine Rehabilitationsmaßnahme erfolgversprechend ist und Sie demnach wieder gesünder und leistungsfähiger werden können. Bei einer länger bestehenden Arbeitsunfähigkeit ist diese Prüfung die Konsequenz.
Besteht keine Besserungsaussicht, wird bezüglich eines Anspruchs auf eine Rente wegen Erwerbsminderung automatisch (von Amts wegen) geprüft.

Sie beziehen derzeit Arbeitslosengeld I (nach Aussteuerung). Bezüglich der Rentenversicherungsbeiträge müssen Sie sich keine Sorgen machen, diese werden gezahlt.

von
Frauke

Zitiert von: Schade

Könnte ja auch sein, dass die Reha was bringt, aber wohl kaum wenn Sie das gar nicht wollen.

Über diesen Satz habe ich mich gerade sehr geärgert....
Aus der Fragestellung ging sehr deutlich hervor,
das es keineswegs "ungewollt", sondern aus spezifischen Krankheitsgründen zur Zeit nicht möglich ist, eine Reha in der angebotenen Form zu machen.

Niemand ist "gerne" krank und unselbständig, niemand wünscht sich mit Angsterkrankungen usw. bis zu lebensmüden Gedanken keine Hilfe zu erfahren.
Leider werden viele sogenannte psychische Erkrankungen sehr schlecht verstanden und die angebotenen Therapien/Kliniken sind häufig strukturell so aufgebaut, das sie wie beschrieben eher geeignet sind, die Patienten noch kränker zu machen/zu retraumatisieren,
und unter diesen Umständen ist nun mal keine Heilung zu erwarten.

Mein Lieblingsbeispiel dazu sind psychosomatische Schmerzen, also Schmerzen ohne sogennante organische Ursache.....
Es ist meiner Erfahrung nach weit verbreitet in der Geselleschft,
anzunehmen, das Schmerzen dann "nur eingebildet sind" und folglich nicht weh tun....
und einen im Alltag folglich nicht behindern....

Das ist ziemlich traurig und ebenfalls nicht heilungsfördernd, wenn den Betroffenen ständig
soviel Unverständnis entgegengebracht wird.

Also 'Schade', bitte einmal mehr überlegen und genau lesen, bevor du wagst zu beurteilen,
das jemensch ja "gar nicht will".

Mit freundlichem Gruß
Frauke

von
Katja

Hallo Luja!
Mich würde mal interessieren was daraus geworden ist.
Ich habe ein ähnliches Krankheitsbild, jedoch keine Suizidversuche hinter mir, musste einen Rentenantrag stellen auf EM und will auf gar keinen Fall in eine Reha.
Hatte gerade online nach Ergebnissen gesucht und bin auf die Beiträge gestoßen.
Viele Grüße
Katja