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Selbstständigkeit: Neuer Boom an freiwilligen Beiträgen?

Für Arbeitnehmer ist die Altersvorsorge Pflicht. Für Selbstständige dagegen Kür. Sie können vorsorgen - oder es lassen. Eine ganz einfache Lösung für sie wäre die Zahlung freiwilliger Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung. Alle Welt spricht derzeit davon, dass sich das lohnt. Unser Faktencheck:

Mann unterbricht das Schreiben, um nachzudenken

Faktencheck, Teil 1: Lohnt es sich wirklich?

Zunächst einige Zitate aus Medien, die sozusagen "unverdächtig" sind, weil sie früher eher Verfechter einer privaten Altersvorsorge waren:

Wirtschaftswoche 2.12.2015: "Auch Beamte und Selbstständige können freiwillig in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Entgegen weit verbreiteter Ansichten ist das im aktuellen Umfeld oft sehr attraktiv."

Frankfurter Allgemeine, 18.9.2016: "Zahlen Sie mehr in die Rentenkasse!", fordert die FAZ auf. Und: "Denn das lohnt sich zurzeit außergewöhnlich stark, da die Rendite der staatlichen Rente derzeit mit den Zinsen am Kapitalmarkt mehr als konkurrieren kann."

Genauere Zahlen bietet die Ausgabe 3/2017 der von der Stiftung Warentest herausgegebenen Zeitschrift "Finanztest". Unterstellt wurde dabei, dass ein Selbstständiger in den letzten zehn Jahren vor Renteneintritt insgesamt 40.000 Euro in seine Altersvorsorge investiert. Finanztest rechnet dabei die Verteilung der Einzahlung auf verschiedene Zeitspannen durch.

Bei allen berechneten Varianten zeigte sich: Die "Gesetzliche" schlägt alle Privatrenten. Bei der Variante "10 Jahre lang Einzahlungen von je 4.000 Euro" bringt etwa eine private Rürup-Rente mit Hinterbliebenenabsicherung eine spätere Monatsrente von 116 Euro. Bei der gesetzlichen Rente, bei der eine Hinterbliebenenabsicherung obligatorisch ist, kämen demgegenüber 171 Euro heraus - also 55 Euro mehr. Klassische Privatrenten kommen zu ähnlich niedrigen Resultaten wie eine Rürup-Rente. Da die Beiträge hier allerdings nicht von der Steuer abgesetzt werden können, dürfte sich diese Variante für viele Selbstständige überhaupt nicht lohnen.

Die Ergebnisse von Finanztest machen allerdings deutlich, dass Selbstständige, die ihre Alterssicherung ab 50plus deutlich aufbessern möchten, wesentlich höhere Beträge in die Hand nehmen müssen - egal wie sie vorsorgen. Würde zum Beispiel zehn Jahre lang der heutige jährliche Höchstbeitrag in die Gesetzliche eingezahlt - also insgesamt (14.000 x 10 =) 140.000 Euro - so würde die monatliche gesetzliche Rente immerhin um knapp 600 Euro steigen. Bei einer Rürup-Rente würden 400 Euro monatlich herauskommen.

Faktencheck, Teil 2: Gibt es denn einen Boom bei der Gesetzlichen?

Die Kurzantwort: Nein.

Die Details: Auf ganze 431 Millionen Euro schätzt die Deutsche Rentenversicherung (DRV) die Einnahmen aus freiwilligen Beiträgen im Jahr 2016. Damit dümpeln die freiwilligen Einzahlungen auf unverändert niedrigem Niveau. Zum Vergleich: 2006 als das Zinsniveau von Privatanlagen noch deutlich höher war, wurden mit 496 Millionen. Euro sogar noch deutlich mehr Beiträge in die gesetzliche Rentenkasse eingezahlt.

 

Allgemeine Rentenversicherung:
Freiwillige Beiträge in Mio. Euro

JahrBeiträge
2006496
2007457
2008482
2009450
2010429
2011408
2012389
2013403
2014433
2015422
2016431*
*geschätzt

Am Jahresende 2014 gab es laut dem Versichertenbericht 2016 der DRV nur rund 252.000 freiwillig Versicherte in der GRV. Seit 2004 war ihre Zahl rückläufig. Sie sank zwischen 2004 und 2014 um 224.000. Dazu kommt noch: 90 Prozent der freiwillig Versicherten zahlten 2014 nur den monatlichen Mindestbeitrag von damals 85,05 (heute: 84,15) Euro. Nur 1,1 Prozent zahlten damals den Höchstbetrag von 1.124,55 (heute: 1.187,45) Euro. "Dies deutet darauf hin, dass die Mehrheit der freiwillig Versicherten durch ihren Beitrag nicht bestrebt ist, höhere Rentenanwartschaften zu erzielen." Es gehe ihnen in erster Linie um die Erfüllung von Anspruchsvoraussetzungen für eine Alters- oder Erwerbsminderungsrente, heißt es im Versichertenbericht.

Faktencheck, Teil 3: Zahlung für 2016 noch möglich?

Ein großer Teil der rund 4,2 Millionen Selbstständigen habe "offenbar überdurchschnittlich häufig nicht hinreichend für ihr Alter vorgesorgt", stellte die Bundesregierung erst jüngst ihrem Alterssicherungsbericht 2016 fest. Zusätzliche Vorsorge tut also not. Selbstständige, die dazu in der Lage sind, haben noch eine letzte Chance zur Zahlung von Beiträgen für das komplette Jahr 2016. Aber nur bis zum 31. März 2017. "Bis dahin müssen sie einen Antrag auf Beitragszahlung für eine freiwillige Versicherung gestellt haben. Und der Antrag muss bei uns eingegangen sein, erklärt Manuela Budewell von der Deutschen Rentenversicherung Bund. Es kommt also nicht auf den Zahlungstermin an, sondern auf den Antragseingang. Das Formular trägt die Nummer "V060". Es findet sich auch im Internet auf den Seiten der Deutschen Rentenversicherung.

Bleibt noch die Frage, was die Rentenversicherung zum ausbleibenden Ansturm der freiwilligen Beitragszahler meint: Die Antwort von Manuela Budewell fällt für die Rentenversicherung gewohnt zurückhaltend aus: "Selbstverständlich informieren wir in vielfältiger Weise über dieses Thema und es bleibt abzuwarten, ob und gegebenenfalls wie sich die aktuelle Berichterstattung auswirken wird."

Themenhinweise:

Autor: Rolf Winkel

Zuletzt aktualisiert am 17.03.2017