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Urlaub und Pflege - Passt das zusammen?

Sommer, Sonne, Ferien: Schon längst beschäftigen sich viele Deutsche mit ihrer Urlaubsplanung. Doch wie verreisen Menschen mit Pflegebedarf? Der Verein "Urlaub & Pflege" macht das seit 1999 möglich. Therese Woltemade arbeitet seit 15 Jahren als Pflegefachkraft bei dem gemeinnützigen Reiseveranstalter. Sie erklärt, wie Pflege im Urlaub funktionieren kann.

  • Therese Woltemade, Pflegefachkraft, Bild: Fotostudio Akzente, Telgte © Therese Woltemade
    Therese Woltemade

Frau Woltemade, was genau macht der Verein "Urlaub und Pflege"?

Therese Woltemade: Wir organisieren Reisen für Pflegebedürftige. Pro Jahr nehmen an den Reisen ungefähr 150 Gäste teil. Wir achten darauf, dass in jeder Gruppe maximal zehn pflegebedürftige Gäste mitfahren, damit die Sache für die Teilnehmenden überschaubar ist. Angehörige können mitfahren, müssen aber nicht, da wir die Pflege rund um die Uhr sicherstellen. Wenn Angehörige mitfahren, bemühen wir uns sehr darum, dass sie sich erholen können und nicht in die Pflege eingebunden sind. Bei zwei Reisen haben wir jetzt ganz neu ein extra Angehörigenprogramm mit autogenem Training, Pflegekurs und einem extra Ausflugsprogramm.

Wohin gehen die Reisen?

Therese Woltemade: Wir bieten Erholungs- und Erlebnisreisen sowie spezielle Reisen für Menschen mit Demenz an. Bei den Erholungsreisen geht es besonders ruhig zu. Unsere Borkum-Reise gehört zu diesen Erholungsreisen. Andere Reisen gehen beispielsweise in die Lüneburger Heide, nach Bad Homburg, Bad Salzuflen oder Münster.

Was machen Sie etwa in Borkum?

Therese Woltemade: In Borkum machen wir zum Beispiel eine Pferdewagenfahrt, gehen ganz viel spazieren oder machen ein Picknick am Strand. Für unsere Gäste ist es ein Highlight, wenn sie im Strandkorb sitzen, mit einem Strandmobil ans Wasser fahren und die Füße ins Meer tauchen können. Das sind so kleine Dinge, die wichtig sind.  Aber natürlich gibt es auch viel Ruhe tagsüber. Zum Beispiel immer nach dem Mittagessen eine Ruhepause von anderthalb Stunden - und hinterher unternimmt man noch was.

Wer kann an solchen Reisen teilnehmen?

Therese Woltemade: Wir hatten bisher auch schon Teilnehmer mit Pflegestufe 3, also mit dem neuen Pflegegrad 4 oder 5. Aber überwiegend hatten die Mitreisenden bei uns Pflegestufe 2, nach der neuen Rechnung also meist Pflegegrad 3. Wer überwiegend bettlägerig ist, für den ist das Programm nicht geeignet. Man muss schon in der Lage sein, mehrere Stunden im Rollstuhl zu sitzen.

Aber möchten nicht viele ältere Pflegebedürftige ein Leben ohne große Veränderungen, einen gleichbleibenden Alltag?

Therese Woltemade: Das ist wahr. Das erleben wir häufig auch, wenn wir Infostände machen, dass wir dann hören: "Nein, das wäre nichts für mich." Aber dieses Bedürfnis nach einem geregelten Leben und Ruhe nehmen wir in unseren Reisen ja auch auf. Und wir machen eben gleichzeitig die Erfahrung, dass andere Pflegebedürftige ein Urlaubserlebnis suchen. Das sind zum Teil Menschen, die ihr ganzes Leben lang häufig Urlaub gemacht haben und für die das ein sehr wichtiger Aspekt ihres Lebens ist. Entsprechend groß ist die Nachfrage nach den Reisen bei uns.

Wer meldet sich bei Ihnen, Pflegebedürftige selbst oder Angehörige?

Therese Woltemade: Vielfach sind es Angehörige, die unser Angebot im Internet gefunden haben. Das sind oft auch Menschen, die Entlastung von der Pflege wünschen - oder auch eine Bleibe für einen pflegebedürftigen Verwandten suchen, während sie selbst einen Familienurlaub machen. Viele Pflegedienste und die Pflegekassen geben die Information über die Urlaubsmöglichkeit an Ihre Patientinnen und Patienten beziehungsweise Versicherten weiter. Aber am Wichtigsten für uns ist die Mund-zu-Mund-Propaganda von zufriedenen Gästen.

Fahren viele Angehörige mit auf Ihren Reisen?

Therese Woltemade: Überwiegend nehmen pflegebedürftige Menschen alleine teil. Manchmal, besonders bei Ehepaaren, kann es aber auch wichtig sein, gemeinsam einen Urlaub zu erleben. In diesen Fällen geht es dann um eine optimale Entlastung der pflegenden Angehörigen. In einigen Fällen ist es auch so, dass Angehörige beim ersten Mal mitfahren und wenn sie sehen, dass alles gut funktioniert, machen sie im nächsten Jahr getrennt Urlaub.

Die Pflege wird also in jedem Fall von Ihnen gesichert?

Therese Woltemade: Ja. Bei uns gibt es eine Eins-zu-eins-Betreung. Wir haben einen Kreis von rund 40 bis 45 geschulten ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern, die dann im Laufe des Jahres bei den verschiedenen Urlauben eingesetzt werden. Für jeden Pflegebedürftigen ist tagsüber ein Helfer zuständig. Die Begleitpersonen helfen bei der Pflege und unterstützen vor Ort bei Aktivitäten und Ausflügen. Zusätzlich gibt es einen Nachtdienst.

Da ist ja sehr viel Nähe dabei.

Therese Woltemade: … Ja, das ist so.

Passt das dann immer?

Therese Woltemade: Wir machen vor der Reise Hausbesuche und viele Gäste kennen wir bereits von vergangenen Reisen. Es gelingt uns in aller Regel gut, die passenden Personen zusammenzubringen. Das Urlaubskonzept ist ja aufwendig und teuer.

Ist das nur etwas für Wohlhabende?

Therese Woltemade: Ja und nein. Ich nenne ein Beispiel: Eine zehntägige Reise nach Berlin für einen Gast mit Pflegegrad 3 kostet 4.095,- Euro. Bei Anspruch auf Verhinderungspflege und/oder Betreuungsleistungen übernimmt die Pflegekasse den Pflegeanteil in Höhe von 1.800,- Euro. Wir unterstützen unsere Gäste dabei, Pflegekassenleistungen zu beantragen. Bei Menschen mit geringem Einkommen kann unser Förderverein den verbleibenden Urlaubsanteil von 2.295,- Euro bezuschussen. Der Förderverein schießt jährlich bei fünf bis zehn Prozent der Reisen etwa dazu.

Was verändert sich durch den Urlaub für die Teilnehmer?

Therese Woltemade: Das ist natürlich unterschiedlich. Aber man merkt, dass der Urlaub den Menschen richtig guttut. Manche blühen richtig auf. Zu Hause sind viele sehr stark an die eigenen vier Wände gebunden und haben relativ wenig Anregung. Das ist im Urlaub ganz anders. Ein besonders schönes Erlebnis auf Borkum war ein Inselrundflug. Zwei Damen - 88 und 92 Jahre alt -, die zum ersten Mal in ihrem Leben geflogen waren, sagten nachher "Wir waren im Himmel und sind nochmal zurück auf die Erde gekommen."

Kontakt

Urlaub & Pflege e. V.
Voßhof 10
48291 Telgte
Telefon: 02504 7396043
Telefax: 02504 7396044
E-Mail: post@urlaub-und-pflege.de
Internet: urlaub-und-pflege.de

Der Verein hat Zweigstellen in Bad Salzuflen, Münster, Hamburg und Betzdorf.

 

Bild: Fotostudio Akzente, Telgte © Therese Woltemade

Themenhinweise:

Autor: Rolf Winkel

Zuletzt aktualisiert am 08.05.2017