Aktuell beleuchtet / 13.12.2016

Geld für Gesunde?

Beim Bonus für wenig Fehlzeiten ist sich die Fachwelt uneins. Firmen setzen verstärkt auf Prävention.

Junge Frau macht Liegestütze. Bildnachweis: wdv © Hermann. Olaf

Geld für Gesundheit. Kann das gut gehen? Daimler handelt derzeit mit dem Gesamtbetriebsrat eine neue Betriebsvereinbarung über zusätzliche Maßnahmen zur Gesundheitsprävention aus. Der Autohersteller will deutschlandweit Gesundheitschecks für alle Beschäftigten anbieten. Teil der Vereinbarung ist aber auch ein Bonus für Mitarbeiter, die selten ausfallen. Diskutiert wird nach dpa-Informationen im letzten Stand eine Prämie von 200 Euro pro Jahr – brutto. Dabei könnte der Betrag auch gestaffelt ausgezahlt werden, wenn ein Mitarbeiter nur wenige Tage gefehlt hat. Bislang ist die Betriebsvereinbarung aber noch nicht in trockenen Tüchern.

Mitte Dezember berät der Gesamtbetriebsrat über den Entwurf. Eine Sprecherin des Betriebsrats wollte sich vor der Entscheidung nicht dazu äußern. Das Unternehmen hält sich ebenfalls bedeckt und will nur über das endgültige Ergebnis berichten. Die „Stuttgarter Zeitung“ und „Stuttgarter Nachrichten“ hatten zuerst über das Projekt berichtet.

Es habe eine zweijährige Pilotphase an den Standorten Stuttgart, Kassel und Bremen gegeben, sagte eine Daimler-Sprecherin lediglich. Wie bei anderen Großkonzerne auch, gibt es bereits eine Vielfalt von Gesundheitsangeboten für die Mitarbeiter über Rückenschulen, Ernährungsberatung und Entspannungstechniken. 

Rechtlich erlaubt

Rechtlich ist Daimler auf der sicheren Seite: Das Entgeltfortzahlungsgesetz stehe dem nicht im Wege, sagt Hans-Hermann Aldenhoff, Leiter der deutschen Büros der internationalen Kanzlei Simmons & Simmons. Im Gegenteil: Dort ist eine Kürzung von Sonderzahlungen wegen Krankheit explizit erlaubt. Aufpassen müssen Arbeitgeber laut Aldenhoff nur, wenn ältere oder behinderte Mitarbeiter diskriminiert werden. Sie könnten unter Umständen einen Schadenersatzanspruch geltend machen. In Daimlers Betriebsvereinbarung ist nach dpa-Informationen aber eine Härtefallregelung vorgesehen. 

Bonus versus persönliche Ansprache

Gesundheits-Experten sehen das Thema gespalten: „Ein positiver Aspekt könnte sein, dass die Eigenverantwortung gestärkt wird“, sagt etwa Elke Ahlers von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung. „Allerdings ist fraglich, ob finanzielle Anreize da das richtige Modell sind.“ Besser wäre die individuelle Ansprache des Mitarbeiters darüber, wie sich seine jeweilige Arbeits- und Gesundheitssituation verbessern lasse. „Sonst besteht auch die Gefahr, dass Krankheiten verschleppt werden.“ Das wiederum würde dem Präventionsgedanken des Arbeitsschutzgesetzes widersprechen.

Auch bei der Techniker Krankenkasse warnt man: „Wenn die Bonifizierung einer niedrigen Fehltagezahl aber dazu führt, dass Mitarbeiter krank zur Arbeit gehen, profitieren weder Arbeitgeber noch Arbeitnehmer.“ Dabei könne es durchaus sinnvoll sein, gesundheitsbewusstes Verhalten zu honorieren. „Zum Beispiel, indem man ein Fitnessangebot im Betrieb installiert, die Mitgliedschaft im Fitnessstudio bezuschusst, einen Nichtraucherkurs anbietet oder das gesunde Kantinenessen bezuschusst.“ Präsentismus hingegen koste mehr als der Produktivitätsverlust durch Fehltage und könne erst recht zu Arbeitsunfähigkeit führen. 

Krankenstand steigt

Zahlen belegen, dass der Krankenstand in Deutschland stetig steigt. Laut DAK Gesundheit war der Krankenstand im ersten Halbjahr 2016 mit 4,4 Prozent so hoch wie seit rund 20 Jahren nicht. Mehr als jeder dritte Berufstätige (37 Prozent) wurde demnach mindestens einmal krankgeschrieben. Im Schnitt fehlten die Beschäftigten 12,3 Tage.

Nach Erfahrung der IG Metall haben Bonus-Regelungen wie sie Daimler plant höchstens kurzzeitige Effekte, tragen auf Dauer aber nicht zu einer niedrigeren Krankheitsquote bei. Es sei sinnvoller, das Geld in Gesundheitsprävention zu stecken.

Ein weiterer Punkt ist die Höhe des geplanten Bonus bei Daimler: Ob die 200 Euro brutto pro Jahr in der gut bezahlten Metallbranche überhaupt ein Anreiz sind, sich für ein oder zwei Tage krank zur Arbeit zu schleppen, ist ohnehin fraglich: Allein die Erfolgsprämie von Daimler für die Tarifbeschäftigten im Konzern lag im vergangenen Jahr bei 5650 Euro. 

Präventionsprogramme kommen in Mode

Hört man sich in der Industrie um, ist das Bonus-Projekt einzigartig. Bei BMW habe man nicht vor, die Anwesenheit mit Anreizen zu belegen, heißt es. Allerdings sei die Erfolgsbeteiligung an die Zahl der tatsächlich geleisteten Arbeitstage gekoppelt – längere Krankheiten wirken sich also aus. Bei Bosch und Volkswagen denkt man über solche Belohnungssysteme für fitte Mitarbeiter nicht nach, wie auch bei der Bahn und Siemens. Bei Audi verweist man auf ein breites Präventionsprogramm. Das enthält bereits eine regelmäßige Vorsorge.

Großkonzerne sowie Klein- und Mittelbetriebe arbeiten zum Beispiel mit der Deutschen Rentenversicherung zusammen und bieten in Reha-Zentren spezielle Präventionsprograme an. Der Vorteil für die Betriebe: Die Leistungen werden von der Deutschen Rentenversicherung finanziert. Zudem verfügen die Kliniken über umfangreiche Diagnostik-Möglichkeiten und Erfahrungen mit Krankheiten, die über Präventionsmaßnahmen hätten eventuell vermieden werden können. Darin liegt der Vorteil für die Rentenversicherung: Mit Präventionsmaßnahmen erreicht sie Arbeitnehmer bevor eine Reha-Leistung nötig wird.

So bietet etwa die Rehaklinik Überruh der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg verschiedene Präventionskurse an. „Unsere Programme setzen auf vier Kernelemente“, erklärt der Chefarzt des Reha-Zentrums in der aktuellen Ausgabe des Magazins „zukunft jetzt“, Dr. Thomas Bösch: „Erstens Sport- und Bewegungstherapie, zweitens Stress- und Burn-out-Prophylaxe, drittens lehren wir gesunde Ernährung und viertens vermitteln wir Entspannungstechniken. Nur diese Kombination sichert einen nachhaltigen Erfolg.“

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Autor

Michael J. John