Rente / 02.11.2018

Altersarmut vorerst keine große Gefahr

Studie: Trotz steigender Zahl von Empfängern der Altersgrundsicherung sind Jüngere deutlich stärker von Armut bedroht als Rentner.

Berlin (sth). Altersarmut stellt auf absehbare Zeit für die große Mehrheit der Menschen in Deutschland vermutlich keine große Gefahr dar. Zwar hat sich die Zahl der Bezieher von staatlicher Grundsicherung im Alter zwischen 2003 und 2016 von etwa 258.000 auf knapp 526.000 mehr als verdoppelt. Der Anteil der bedürftigen älteren Menschen an allen Menschen in Deutschland jenseits der Altersgrenze stieg jedoch im gleichen Zeitraum vergleichsweise gering von 1,7 auf 3,1 Prozent. Manche Medienberichte über eine dramatisch steigende Zahl von Altersarmut-bedrohten Menschen seien deshalb "vollkommen überzogen", stellten die Leiterin des Forschungsnetzwerks Alterssicherung (FNA) bei der Deutschen Rentenversicherung, Brigitte Loose, und der Wirtschaftsforscher Bruno Kaltenborn bereits vor einigen Monaten in Berlin klar.

Den Daten der beiden Experten zufolge lag der Anteil der Ruheständler, die 2016 neben der gesetzlichen Rente die Grundsicherung benötigten, in Westdeutschland mit 3,3 Prozent deutlich höher als in den neuen Ländern (2,1 Prozent). Der Anteil der Frauen mit zusätzlichem Hilfebedarf war laut einer Studie Kaltenborns dabei zwischen 2003 und 2016 rückläufig (von 71 Prozent auf 59 Prozent), während die Quote der Männer mit unzureichender Altersrente im gleichen Zeitraum von 29 Prozent auf 41 Prozent kletterte. Vor allem unter den jüngeren Senioren – von der Altersgrenze bis zum Alter von 69 Jahren – ist die Zahl der grundsicherungsbedürftigen Menschen der Studie zufolge seit Einführung der staatlichen Mindestsicherung im Jahr 2003 deutlich gestiegen (von 90.500 auf knapp 192.000).        

Annahmen für die Zukunft

Für die Zukunft erwartet Wirtschaftsforscher Kaltenborn eine weiter steigende Zahl mit Rentnern an der Armutsgrenze. Das Ausmaß lässt sich seiner Analyse zufolge aber noch nicht genauer absehen. Laut einer Projektion, die auf einer konstanten Weiterentwicklung des bisherigen Trends basiert, werden im Jahr 2030 etwa 834.000 Senioren ergänzende Hilfe im Alter benötigen – gut 300.000 mehr als derzeit. Bei einer ungünstigeren Entwicklung könnten am Ende des kommenden Jahrzehnts aber schon 1,05 Millionen Ältere an der Armutsschwelle leben. In Anteilen gemessen, würden bei konstanter Entwicklung im Jahr 2030 jeweils rund 4,3 bis 4,4 Prozent der Frauen und Männer zusätzlicher Hilfe bedürfen; bei insgesamt negativem Trend müssten dann aber auch schon 5,9 Prozent (Männer) oder 5,2 Prozent (Frauen) mit fremder Hilfe leben.

Der erwartete weitere Zustrom von Ausländern, von denen manche bis zur Altersgrenze möglicherweise zu geringe Versicherungszeiten für eine ausreichend hohe Altersrente erwerben, könnte nach den Daten Kaltenborns längerfristig zu einer höheren Hilfequote im Alter vor allem bei Männern führen. Derzeit sei die Armutsgefahr in anderen Altersgruppen aber deutlich höher, so Loose und Kaltenborn. So erhielten 2017 fast 15 Prozent der unter 15-jährigen Kinder und Jugendlichen Sozialhilfe, in der Altersklasse aller Erwerbsfähigen waren es immerhin noch 8 Prozent. Die politische Herausforderung bestehe angesichts dieser Zahlen vor allem darin, "Armut im Erwerbsalter nicht altern zu lassen", erklärten die Alterssicherungsexperten.    

Mehr zum Thema:

www.fna-rv.de

Link zur vollständigen Studie "Grundsicherung wegen Alters: Projektion bis 2030" von Bruno Kaltenborn

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Autor

Stefan Thissen