Altersvorsorge / 22.07.2019

Altersvorsorge: Frauen, zieht die rosarote Brille ab!

Viele Frauen kümmern sich gar nicht oder erst viel zu spät um ihre Altersvorsorge – und verschenken dadurch kostbare Jahre, in denen ihr Erspartes wachsen könnte. Finanzexpertin Helma Sick erklärt uns, warum finanzielle Unabhängigkeit die beste Strategie gegen Altersarmut ist.

Frauen und Altersvorsorge: Junge Frau sitzt im Wohnzimmer mit Tasse und Notebook auf dem Boden, auf dem Dokumente verteilt liegen.

Finanzen, Altersvorsorge, Versicherungen: Dafür ist mein Mann zuständig... Da kümmere ich mich später drum... Das ist mir alles viel zu komplex... So denken leider immer noch viele Frauen. Dabei ist es gerade für sie besonders wichtig, sich finanziell unabhängig zu machen. Denn Frauen sind – wenn es ums Geld geht – in vielerlei Hinsicht benachteiligt.

Sie erhalten oft weniger Lohn für gleiche Arbeit, schuften in Teilzeit- oder Minijobs oder geben ihren Beruf zugunsten der Familie auf. Das alles spiegelt sich nicht nur auf ihrem Konto wider, es wirkt sich auch auf ihre spätere Rente aus.

„Ein Mann ist keine Altersvorsorge“ – so lautet der Titel des Buches von Helma Sick und Renate Schmidt. Sick ist Finanzexpertin, Unternehmerin und Missionarin: Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Frauen für Finanzthemen zu sensibilisieren. Das tut sie als Autorin und Finanzkolumnistin und mit ihrem Finanzberatungsunternehmen „frau & geld“. Und heute hier im Interview.

Mit welchen Fragen, Problemen oder Konstellationen komme die meisten Frauen zu Ihnen?

Helma Sick: Frauen kommen zu uns, weil sie gut verdienen und Geld für ihre Altersversorgung anlegen möchten, eine Erbschaft gemacht haben und das Geld sinnvoll anlegen wollen oder weil eine Scheidung droht und sie ihre finanzielle Situation beunruhigt.

Frauen verdienen heute so viel wie noch nie – warum sind Finanzen trotzdem weiterhin eher ein Männerthema?

Helma Sick: Männer interessieren sich mehr für Geld, sie haben Spaß daran, Geld anzulegen. Und sie sind meist bereit, etwas mehr Risiko einzugehen. Entscheidend aber ist: Männer fangen in der Regel schon früh an zu sparen, oft schon mit Anfang 20.

Frauen schieben dies gern auf bis Mitte 30. Und wenn sie etwas tun, investieren sie in der Regel viel zu kleine Beträge. Und versäumen damit viele Jahre, in denen ihr Erspartes wachsen könnte.

Männer wissen eben, dass sie für sich sorgen müssen, Frauen offenbar nicht.

Oft vertrauen Frauen bei der Altersvorsorge blind auf den Ehemann, überlassen sie Finanzberatern oder machen einfach gar nichts. Warum ist das so fatal?

Helma Sick: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser! Dieser alte Spruch hat leider immer noch seine Gültigkeit. Geldgeschäfte während der Ehe ausschließlich dem Mann zu überlassen, ist unklug. Heutzutage Geld gut und zu den eigenen Zielen und Wünschen passend anzulegen, ist für Laien nicht einfach. Nicht jeder Ehemann ist auch Finanzexperte, auch wenn sich Männer da manchmal gern überschätzen. Gemeinsames Geld sollte auch in gemeinsamen Entscheidungen angelegt werden.

Und auch das ist Realität: Scheitert die Ehe, weil es eine neue Frau im Leben des Mannes gibt, besteht die Gefahr, dass Geld, über das nur ER Verfügung hat, verschwindet. Auch deshalb ist es zu jeder Zeit wichtig, dass SIE weiß, wie viel Geld da ist und wie es angelegt wurde.

Frau ist also selbst schuld, wenn Sie später in die Altersarmut rutscht?

Helma Sick: In vielen Fällen ist nach meiner Erfahrung Altersarmut von Frauen hausgemacht. Natürlich nicht bei Geringverdienerinnen und Alleinerziehenden. Wenn aber Frauen die Elternzeit nicht auf ein, zwei Jahre beschränken, sondern für viele Jahre nicht erwerbstätig sind, also nicht in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen oder lange Jahre Teilzeit arbeiten und auch nicht vom Partner einen Ausgleich verlangen, dann haben diese Frauen ein Altersvorsorge-Problem. Wenn die Ehe nicht hält.

Ich wünsche mir, dass Frauen hier öfter den Verstand einschalten. Ich fände es z.B. wünschenswert, wenn jede Frau, die mit ihrem Partner über Familienplanung spricht, erst einmal zur Deutschen Rentenversicherung geht und sich ausrechnen lässt, was ein längerer Ausstieg aus dem Beruf sie letztendlich an Rente kostet. Dann hätten beide doch gleich eine ganz andere Basis für ein Gespräch.

Bei welchen Frauen sehen Sie ein besonderes Risiko, dass im Alter die Rente nicht reicht?

Helma Sick: Ein großes Problem, das leider in der Öffentlichkeit kaum diskutiert wird, ist die Situation von unverheirateten Frauen in Partnerschaften. Gerade hier stehen Frauen, was ihre Existenzsicherung angeht, auf sehr dünnem Eis, wenn sie ihren Beruf wegen der Familie aufgegeben haben.

Denn anders als bei Eheleuten, gibt es bei Trennung keinerlei Anspruch auf Zugewinn- oder Versorgungsausgleich und auch nicht auf Unterhalt. Verstirbt der Partner und gibt es kein Testament oder Erbvertrag, erben seine Verwandten beziehungsweise die gemeinsamen Kinder. Aber das wissen viele Frauen nicht.

Auch Selbständige haben ein großes Risiko. Sie zahlen nicht – wie Angestellte – zwangsweise in die gesetzliche Rentenversicherung ein. Private Vorsorge wird oft verdrängt, oder es fehlt das Geld dazu. Deshalb bin ich unbedingt dafür, dass auch Selbstständige und Freiberufler in die gesetzliche Rentenversicherung einzahlen.

Viele Frauen im Familienbetrieb, die im Geschäft, der Firma oder der Praxis ihres Mannes mitarbeiten, tun dies entweder ganz ohne Bezahlung oder auf 450-Euro-Basis und damit nur geringfügig sozialversicherungspflichtig. So sind sie billige und jederzeit verfügbare Arbeitskräfte. Jede mitarbeitende Ehefrau sollte auf eine angemessene, sozialversicherungspflichtige Entlohnung für ihre Tätigkeit bestehen. Das heißt, sie sollte darauf drängen, fest angestellt zu werden und ein Gehalt zu beziehen.

Frauen nehmen meist den Großteil der Elternzeit und kehren danach oft nur in Teilzeit wieder in den Beruf zurück. Was bedeutet das für ihre Altersvorsorge?

Helma Sick: Nach einer aktuellen Studie des Bundesfamilienministeriums und des Delta-Instituts für Sozialforschung von 2018 möchten 60 Prozent der in Teilzeit beschäftigten Frauen bis zum Renteneintritt weiter Teilzeit arbeiten. Das finde ich verhängnisvoll, denn das heißt ja auch, dass diese Frauen dauerhaft von ihrem Partner finanziell abhängig sind und bleiben.

Ich finde, Teilzeit ist vorübergehend sinnvoll, solange die Kinder klein sind. Aber keine Frau kann es sich heute noch leisten, viele Jahre aus dem Beruf auszusteigen. Denn mit einem langdauernden „kleinen“ Teilzeitjob schafft es kaum eine Frau ihren Lebensunterhalt und den der Kinder zu erwirtschaften. Sie bleibt also abhängig vom Mann oder ist auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Und TeilzeitARBEIT ist aber natürlich später auch TeilzeitRENTE!

Was könnten Paare ganz konkret tun, damit die Frau durch die Familiengründung nicht benachteiligt wird?

Frauen sollten die Elternzeit mit ihrem Partner je zur Hälfte teilen. Dann müsste keiner der beiden zu lange aus dem Beruf aussteigen. Staatliche Hilfen wie Elterngeld und Elterngeld Plus machen dies möglich.

Ist dies nicht möglich, weil der Partner viel mehr verdient als sie, dann sollte für sie aus dem Familieneinkommen in einen Altersvorsorge-Sparplan eingezahlt werden.

Bei einer Scheidung greift in der Regel der so genannte Versorgungsausgleich. Wenn mein Mann gut verdient und ich die Hälfte seiner Rente bekomme, brauche ich mir doch eigentlich gar keine Sorgen machen, oder?

Helma Sick: Sie braucht sich natürlich keine Sorgen zu machen, wenn der Mann sehr gut verdient, eine hohe gesetzliche Rente nebst Betriebsrente und privaten Renten erwirtschaftet hat. Ist das aber die Mehrheit der Bevölkerung?

Problematisch wird es auf jeden Fall dann, wenn der Mann schon mal längere Zeit verheiratet war. Dann nämlich hat die erste Frau über den Versorgungsausgleich bei der damaligen Scheidung schon einen Teil seiner Rente erhalten. Daran denken viele Frauen nicht.

Es ist einfach so: Sich auf jemand anderen zu verlassen, hat Tücken!

Unabhängig von der Rente findet nach einer Scheidung ein Zugewinnausgleich statt. Was kann das für Auswirkungen auf meine Altersvorsorge haben?

Helma Sick: In diesem Bereich blühen die Illusionen. Laut einer Studie des Delta-Instituts für Sozialforschung im Auftrag des Bundesfamilienministeriums zu „Frauen in Teilzeit“ geht die Mehrheit der verheirateten Frauen im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft (irrtümlich) davon aus, dass beiden Partnern alle vorhandenen Güter gemeinsam gehören. Das aber ist natürlich ein großer Irrtum.

Alles, was vor der Ehe ihm oder ihr gehörte, wird nicht geteilt, das gehört der- oder demjenigen alleine. Nur das, was während der Ehe dem schon vorhandenen Vermögen „zugewachsen“ ist, beispielsweise durch Zinsen oder Dividenden, wird bei einer Scheidung geteilt.

Wenn das Ehepaar während der Ehe gemeinsames Vermögen erwirtschaftet hat, wird dieses geteilt. Wenn es sich um ein großes Vermögen handelt, kann das ausreichen, um ihre Altersvorsorge zu sichern. Aber wer hat das schon.

Was hat die Reform des Unterhaltsrechts in dieser Hinsicht bewirkt?

Helma Sick: Seit 2008 gibt es ein neues Unterhaltsrecht, das mehr Eigenverantwortung fordert. Jeder sollte berufstätig sein und schon heute dafür sorgen, im Falle einer Scheidung nicht mittellos dazustehen.

Beim Unterhaltsrecht geht es ausschließlich um den nachehelichen Unterhalt, der früher lebenslang gezahlt wurde. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Es gibt automatisch Unterhalt nur noch dann, wenn Kinder unter drei Jahren zu versorgen sind oder bei sehr langen Ehen oder wenn der Frau durch die Ehe erhebliche berufliche Nachteile entstanden sind. Oft muss das aber vor Gericht erstritten werden und auch dann ist der Unterhalt meist zeitlich begrenzt.

Der Gesetzgeber geht im neuen Unterhaltsrecht davon aus, dass beide für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen können.

Weitere Informationen

www.deutsche-rentenversicherung.de
Online-Terminvereinbarung der Deutschen Rentenversicherung

Autorenbild

Autor

Johanna Rundel