Altersvorsorge / 04.05.2020

Altersvorsorge in Krisenzeiten: Kein Grund zur Hektik

Der Börsenabsturz löst bei vielen Angst um die Altersvorsorge aus. Doch die ist meist unbegründet – sofern man zuvor alles richtig gemacht hat.

Hände umrahmen ein transparent gezeichnetes Sparschwein.

Stuttgart (jb). Die Corona-Krise hat viele Menschen verunsichert. Nicht nur in Bezug auf Job, Schule, den Alltag oder das soziale Leben. Der Rekordabsturz der Börsen lässt Menschen auch um ihre Altersvorsorge bangen. Denn viele Produkte bauen auf Aktien auf. Solche Krisen seien aber kein Grund für hektisches Agieren, beruhigt Finanzprofi Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Eher ein Anlass, die langfristige Vorsorgestrategie zu überdenken.

Herr Nauhauser, was sollten Versicherte mit ihrer Altersvorsorge jetzt tun?

Nauhauser: In den meisten Fällen würde ich sagen: gar nichts. Die Vorsorge fürs Alter ist ein langfristiges Engagement, meist über Jahrzehnte. Einbrüche an den Börsen gibt es regelmäßig, ob Schwarzer Montag 1987, Dotcom-Blase Ende der 1990er Jahre, 11. September 2001 oder der Bankencrash 2008. Auf lange Sicht hat dies der Aktienentwicklung nicht geschadet. Im Schnitt lag deren Rendite in den vergangenen Jahrzehnten rund vier Prozent über der von Zinspapieren.

Vom aktuellen Kursrutsch sind dennoch viele Vorsorgeprodukte betroffen. Kein Grund zum Handeln?

Nauhauser: Private Lebens- und Rentenversicherungen mit Garantiezins sind aktuell nicht in Gefahr. Bei fondsgebunden Policen sind je nach Fonds Kursverluste wahrscheinlich. Hier lohnt ein Blick in die jährliche Standmitteilung. Aber weniger wegen der Krise, sondern weil diese Produkte meist zu teuer sind. Fonds ohne Versicherung sind günstiger, hier lassen sich zwei Prozent jährlich sparen. Der Kursrutsch selbst ist kein Argument gegen Aktien. Wer einen langen Atem hat, sitzt die Durststrecke einfach aus.

Und wenn meine Fondspolice gerade jetzt zur Auszahlung ansteht?

Nauhauser: Will man sich mit der geringeren Auszahlung nicht zufriedengeben, gibt es mehrere Optionen. Erstens: die Laufzeit verlängern. Manche Policen bieten eine breitere Abrufphase. Zweitens: sich nicht den Betrag, sondern die Fondsanteile auszahlen lassen, um von einer Erholung zu profitieren. Über beide Punkte kann man mit dem Versicherer sprechen. Als dritte Option kann die Auszahlungssumme gleich wieder in Aktienfonds angelegt werden – ganz oder zum Teil. Je nach Bedarf auch verbunden mit einem Fondsentnahmeplan. So werden nur allmählich Anteile verkauft, um die monatliche Auszahlung zu finanzieren. Ungünstig ist es meist, in der Krise aus dem Aktienmarkt auszusteigen. Das merkt man aktuell wieder bei Riesterverträgen.

„Riester-Fondsparpläne leiden besonders unter Börsencrashs“

Inwiefern?

Nauhauser: Riesterverträge müssen laut Gesetz das eingesetzte Kapital inklusive Förderung am Ende der Laufzeit garantieren. Daher minimieren die Anbieter Risiken, indem sie bei fallenden Kursen in sichere Anlagen umschichten, meist in Rentenfonds. Erst nach Erholung der Märkte kann die Aktienfondsquote wieder erhöht werden. Dieses Hin und Her zur Risikosteuerung geht zu Lasten der Rendite. Riester-Fondssparpläne leiden daher besonders unter Börsencrashs.

Wer dagegen auch bei fallenden Kursen feste Monatsraten in Aktienfonds investiert, kauft in der Krise mehr Anteile und profitiert so stärker in der Erholungsphase. Unter Umständen kann es daher sinnvoll sein, Riester-Verträge beitragsfrei zu stellen oder zu kündigen und den Anbieter zu wechseln.

Sollte ich meine Vorsorge also lieber selbst in die Hand nehmen?

Nauhauser: Altersvorsorge wird hierzulande intensiv verkauft, von Versicherern und Maklern. Statt sich zu teuren und nicht zum Bedarf passenden Produkten überreden zu lassen, kann man das Grundkonzept der Vorsorge auch selbst entwerfen. Von eigenen Engagements in einzelnen Aktien – auch in vielversprechende Branchen wie aktuell Pharma – rate ich aber dringend ab. In den aktuellen Kursen sind zu jedem Zeitpunkt sämtliche Informationen und Erwartungen aller Marktteilnehmer eingepreist.

Privatanleger können, ebenso wie Profis, diese durchschnittliche Entwicklung auf Dauer nicht schlagen. Und wenn doch, dann eher aus Zufall. Dazu gibt es etliche Studien. Der US-Ökonom Burton Malkiel etwa hat 2003 ermittelt, dass über 30 Jahre 98 Prozent der aktiv gemanagten Fonds ihren Aktienindex nicht schlagen konnten. Schuld daran sind nicht zuletzt die Gebühren, die einen guten Teil der Gewinne wieder aufzehren.

Zu welcher Strategie raten Sie?

Für die Altersvorsorge empfehle ich eine simple „Buy-and-Hold“-Strategie. Und zwar in breit gestreute passive Indexfonds mit günstigen Verwaltungskosten. Dazu gehören so genannte ETFs auf Indizes wie den MSCI All Country World oder den FTSE All World.

Welche Komponenten sollte ein Portfolio zur Altersvorsorge grundsätzlich enthalten?

Nauhauser: Historische Daten zeigen, dass eine breit gestreute Aktienanlage über 30 Jahre seit 1900 zu 93 Prozent die ertragreichste Anlage war – trotz schlimmerer Ereignisse als die aktuelle Pandemie, etwa Weltkriege, Hyperinflation oder Währungsreform. Mit unserem Online-Renditerechner lässt sich dies von 1969 bis 2018 selbst nachrechnen. In einem ausgewogenen Vorsorgeportfolio können aber auch Immobilien, Rentenpapiere, Fest- und Tagesgeld oder Gold eine Rolle spielen – abhängig von der individuellen Risikopräferenz.

Schulden bis zur Rente abbauen

Ihr Tipp?

Nauhauser: Bis sich Aktienmärkte nach Krisen erholen, kann es fünf oder zehn Jahre dauern. Wer vor Rentenbeginn mehr Sicherheit sucht, reduziert den Aktienanteil einige Jahre zuvor. Ein Anteil liquider Mittel, etwa Tagesgeld, ist wichtig für Notfälle. Offene Immobilienfonds bieten eine etwas höhere Rendite als Zinspapiere. Diese kann man bis 20 Prozent beimischen, sofern das Risiko auf mehrere Fonds gestreut wird. Wer Schulden hat, etwa für Immobilien, sollte sich zudem darauf konzentrieren, diese bis zur Rente loszuwerden.

Goldhändler können sich vor Anfragen kaum retten. Der deutsche Marktführer Degussa spricht von 500 Prozent mehr Umsatz im März. Was halten Sie davon?

Nauhauser: Gold ist eine Krisenwährung. Es erwirtschaftet weder Zinsen noch Dividenden. Ein Anteil von fünf, maximal zehn Prozent ist in Ordnung, weil dadurch das Risiko der Gesamtanlage sinkt. Der Goldpreis schwankt stärker als der Aktienmarkt und steigt meist in turbulenten Börsenzeiten.

Wie sicher sind meine Anlagen, etwa im Ausland?

Nauhauser: Es gibt bis heute keine EU-Einlagensicherung, sondern nur nationale Lösungen. Bei einer erneuten Banken- oder Staatsschuldenkrise wird es vom politischen Willen der Staaten abhängen, im Notfall mit Steuergeldern einzuspringen. Daher würde ich nur Anlagen mit deutscher Einlagensicherung wählen und diese auf die abgesicherte Summe von 100.000 Euro je Kontoinhaber begrenzen.

Wie wird sich die Corona-Krise ansonsten auf die Altersvorsorge auswirken?

Nauhauser: Sehr unterschiedlich. Durch die aktuellen Regelungen zur Kurzarbeit werden die gesetzlichen Rentenansprüche nur wenig gemindert. Längere Arbeitslosigkeit dagegen reduziert die gesetzliche Rente und gleichzeitig die finanziellen Möglichkeiten zur privaten Vorsorge. Möglicherweise wäre es dann sogar eine Überlegung wert, bestehendes Altersvorsorgevermögen in die eigene Aus- und Weiterbildung zu investieren, um Perspektiven für die Zukunft zu sichern.

Weitere Informationen

www.verbraucherzentrale-bawue.de
Online-Renditerechner der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

Autorenbild

Autor

Jürgen Baltes