Rente / 05.10.2021

Arbeitsmarktexperte fordert Ende der Zwangsrente

IAB-Forschungsbereichsleiter Enzo Weber: Langzeitarbeitslose sollten nicht mehr zum vorzeitigen Renteneintritt verpflichtet werden.

Bild zum Beitrag "Arbeitsmarktexperte fordert Ende der Zwangsrente"

München (sth). Für ein Ende der Zwangsverrentung von Arbeitslosengeld II-Beziehern hat sich der Arbeitsmarktexperte Enzo Weber ausgesprochen. In einem Gastbeitrag für die „Süddeutsche Zeitung“ forderte Weber am Montag, dass „niemand mehr zum vorzeitigen Renteneintritt verpflichtet“ werden solle. Politik und Arbeitsmarktförderung müssten angesichts des demografischen Wandels „alle Hebel in Bewegung setzen, um Ältere länger im Arbeitsleben zu halten“, schreibt der Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Derzeit sind Langzeitarbeitslose verpflichtet, so früh wie möglich vom „Hartz IV“- in den Rentenbezug zu wechseln – in der Regel mit 63 Jahren. Dabei müssen sie auch den bei vorzeitigem Rentenbeginn üblichen Rentenabschlag in Kauf nehmen.

Die Zwangsrente sei „besonders ungerecht“, meint Weber. Denn sie gelte nur für diejenigen, die mindestens 35 Versicherungsjahre vorweisen könnten. Wer nicht so lange gearbeitet habe, hätte „nicht vorzeitig in Rente gehen müssen“. Zudem gebe es für Menschen, die weniger verdient und deshalb so geringe Sozialbeiträge gezahlt haben, dass ihr Rentenanspruch unter das Grundsicherungsniveau gesunken ist, eine „Ausnahme in der sogenannten Unbilligkeitsverordnung“, stellt Weber fest. „Wer also nicht so viele Stunden gearbeitet hat, müsste nicht vorzeitig in Rente gehen.“

Beispielrechnung verdeutlicht das Problem

Der Nürnberger Arbeitsmarktforscher verdeutlicht das Problem anhand einer Beispielrechnung: "Wer 34 Jahre lang ordentlich verdient hat, kommt, sagen wir, auf 1400 Euro Rente. Wer 35 Jahre lang gearbeitet und den gleichen Monatslohn erhalten hat, kommt auf einen etwas höheren Betrag, nämlich 1.441 Euro. Da bei 35 Beitragsjahren aber Anspruch auf die vorgezogene Altersrente besteht, werden durch den verpflichtenden Renteneintritt Abschläge von 14,4 Prozent fällig. Es bleiben 1.234 Euro - also weniger als im ersten Fall." Die meisten Menschen seien sich "wohl einig, dass dies nicht gerecht ist", so Weber.

Um das Problem zu entschärfen, schlägt der Wissenschaftler vor, die Pflicht zur Inanspruchnahme der vorgezogenen Rente abzuschaffen und die in diesem Fall erst zu einem späteren Zeitpunkt beginnende Rente mit den weitergezahlten Grundsicherungsleistungen zu verrechnen. Die Differenz zwischen beiden Summen müsse die Rentenversicherung dann an den Bund überweisen. Der Vorteil dieses Weges aus Webers Sicht: Der Vorrang von Rentenansprüchen werde erst im Nachhinein geltend gemacht "und direkt zwischen den beteiligten Institutionen geregelt wird, statt auf Kosten eines vorzeitigen Renteneintritts der betroffenen Personen". Dieses Vorgehen wahre finanziell die Nachrangigkeit der Grundsicherung, "ohne dass irgendjemand zu einem fremdbestimmten Zeitpunkt vorzeitig in Rente gehen müsste", argumentiert der IAB-Experte.

Autorenbild

Autor

Stefan Thissen