Gesundheit / 07.06.2021

Arbeitsunfähig, berufsunfähig, erwerbsunfähig – wer hilft?

Wenn die Gesundheit streikt, hilft oft der Staat, das Einkommen zu sichern. Doch die Unterstützung hat Grenzen. Wem welche Leistungen zustehen und wo private Vorsorge wichtig ist.

Arbeitsunfähig, berufsunfähig, erwerbsunfähig – wer hilft? – Mann mit Unerschenkelprothese bei Gehübung an einem Barren.

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Bis zum Rentenalter fit bleiben – und einen möglichst gut bezahlten Job ausüben. Möglichst noch im Wunschberuf. Das stellen sich viele Arbeitnehmer vor. Doch was ist, wenn die Arbeitskraft zu früh nachlässt? Eine schwere Krankheit oder ein Unfall können die Existenz bedrohen. Welcher Fall ist wie abgesichert? Ein Überblick.

Arbeitsunfähigkeit: nur vorübergehend krank

Wer als gesetzlich Krankenversicherter krankheitsbedingt vorübergehend kein Arbeitsentgelt mehr bekommt, zählt als arbeitsunfähig.

  • Für mindestens sechs Wochen ist Ihr Einkommen voll gesichert. So lange muss Ihr Arbeitgeber Gehalt oder Lohn voll weiterzahlen („Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall“).
  • Danach erhalten Sie Krankengeld von Ihrer Krankenkasse.

Wie lange und wie viel Krankengeld gibt es?

  • Krankengeld steht Ihnen wegen derselben Krankheit längstens für 78 Wochen zu. Die sechswöchige Entgeltfortzahlung des Arbeitgebers ist dabei miteingerechnet.
  • Das Krankengeld beträgt 70 Prozent Ihres Brutto­gehalts, aber nicht mehr als 90 Prozent des Netto­entgelts – und maximal 112,88 Euro pro Kalendertag. Abgezogen jeweils noch die Beiträge zur Renten-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung.

Die Einkommenseinbußen betragen bei Arbeitnehmern in der Zeit des Krankengeld-Bezugs meist gut 20 Prozent. In rund 2,1 Millionen Fällen zahlten die gesetzlichen Krankenkassen im Jahr 2019 Krankengeld.

Arbeitsunfall: die gesetzliche Unfallversicherung zahlt

Bei einem Unfall am Arbeitsplatz ist die gesetzliche Unfallversicherung (GUV) zuständig, zu der Berufsgenossenschaften (BG) und Unfallkassen gehören. Das gilt auch für so genannte Wegeunfälle. Das sind Unfälle auf dem direkten Weg zwischen Wohnung und Arbeitsplatz.

Als Arbeitnehmer stehen Sie ab dem ersten Beschäftigungstag unter Schutz der GUV. Eine Wartezeit müssen Sie hier nicht erfüllen.

Welche Leistungen gibt es bei einem Arbeitsunfall?

  • Verletztengeld: Die Berufsgenossenschaften (BG) und Unfallkassen kommen für Behandlungskosten sowie Reha-Maßnahmen auf und zahlt als Lohnersatz bis zu 78 Wochen Verletztengeld (80 Prozent des Bruttoverdienstes).
  • Unfallrente: Wenn eine Minderung der Erwerbsfähigkeit (MdE, auch als Gliedertaxe bekannt) eintritt, erhalten Sie eine Unfallrente. Eine Teilrente gibt es schon ab einer Minderung von 20 Prozent. Die volle Unfallrente ersetzt Ihnen zwei Drittel Ihres bisherigen Bruttoentgelts. Arbeitseinkommen, das Sie weiterhin erzielen, wird nicht auf die Unfallrente angerechnet. 
  • Hinterbliebenenrente: Im Todesfall zahlt die Berufsgenossenschaft einmalig ein Sterbegeld und eine Hinterbliebenenrente an die Witwe oder den Witwer beziehungsweise an den Partner einer eingetragenen Lebenspartnerschaft. Kinder unter 18 Jahren haben Anspruch auf eine Waisenrente. 

2020 wurden 760.000 Arbeitsunfälle registriert. Hinzu kommen noch 153.000 so genannte Wegeunfälle. 2019 wurde in knapp 18.000 Fällen eine neue Unfallrente bewilligt.

Berufskrankheit: muss anerkannt sein

Möglicherweise ist Ihre Erkrankung beruflich bedingt. Auch dann ist die gesetzliche Unfallversicherung (GUV) zuständig. Die Leistungen entsprechen denen im Fall eines Arbeitsunfalls.

Was ist eine Berufskrankheit?

Was als Berufskrankheit gilt, ist genau festgelegt. Aktuell umfasst die Liste der anerkannten Berufskrankheiten etwa 80 Leiden. Zuständig ist ein beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales angesiedeltes unabhängiges Beratungsgremium, der Ärztliche Sachverständigenbeirat „Berufskrankheiten“.

Typische Berufskrankheiten sind Lärmschwerhörigkeit, Hautkrankheiten, Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparats sowie Erkrankungen der Atemwege und der Lungen, des Rippenfells und Bauchfells. Hier geht es unter anderem um Asbestose und Silokose.

Oft stellt sich die Frage, ob eine Krankheit privat, etwa durch starkes Rauchen, oder beruflich, etwa durch das Einatmen von Fasern, verursacht ist. Psychische Leiden werden bislang nicht als Berufskrankheit anerkannt.

2020 wurden bei Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern in knapp 54.000 Fällen der Verdacht auf eine Berufskrankheit bestätigt.

Berufsunfähigkeit und Erwerbsunfähigkeit: wichtiger Unterschied

Eine schwere Erkrankung kann zur Berufsunfähigkeit oder zur Erwerbsminderung führen. Diese Begriffe werden oft verwechselt.

  • Berufsunfähig sind Sie, wenn Sie wegen Gesundheitsproblemen nicht mehr in Ihrem bisherigen Beruf, aber noch in einem anderen Beruf arbeiten können. Konkret heißt das meist: Sie müssen voraussichtlich mehr als sechs Monate am Stück krank sein – und einen Grad der Berufsunfähigkeit von mindestens 50 Prozent erreicht haben. Dabei kommt es nicht nur auf Ihre zeitliche Belastungsgrenze, sondern auch auf die Art der noch möglichen Tätigkeiten in Ihrem Beruf an, etwa, ob Sie noch die Kernaufgaben erledigen können oder nicht. 
  • Erwerbsgemindert sind Sie, wenn Sie auf nicht absehbare Zeit gar nicht oder nur noch einige Stunden am Tag arbeiten können – und zwar irgendeine Arbeit. Die Einschränkung bezieht sich also ausschließlich auf das tägliche Arbeitspensum. Der Beruf spielt keine Rolle.

 

 

Berufsunfähigkeit: private Vorsorge muss sein

Um sich gegen Berufsunfähigkeit abzusichern, müssen Sie in aller Regel privat vorsorgen. Von den Leistungen der Rentenversicherung bei Berufsunfähigkeit können nur noch Versicherte, die vor dem 2. Januar 1961 geboren wurden, profitieren.

Die Stiftung Warentest rät, eine Berufsunfähigkeitsversicherung möglichst in jungen Jahren und bei voller Gesundheit abzuschließen. Denn wer bereits gesundheitlich vorbelastet ist, muss für eine Police teuer bezahlen oder findet gar keinen Versicherer. Höhe der monatlichen Rente und Dauer der Zahlung vereinbaren Sie mit der Versicherung.

In jedem Fall sollten Sie sich vorher umfassend und unabhängig beraten lassen, denn beim Abschluss lauern viele Fallstricke. Die Verbraucherzentralen sind hierfür eine gute Anlaufstelle.

Erwerbsminderungsrente

Dauerhaft zu krank, um voll zu arbeiten? In vielen Fällen hilft dann der Staat – mit einer Erwerbsminderungsrente. Wir zeigen, wie’s geht.

Erwerbsminderungsrente der Rentenversicherung

Sind Sie erwerbsgemindert, haben Sie unter Umständen Anspruch auf die Erwerbsminderungsrente der gesetzlichen Rentenversicherung. Je nachdem, wie viele Stunden Sie täglich arbeiten können, erhalten Sie auf Antrag entweder eine Rente wegen voller oder teilweiser Erwerbsminderung längstens bis zum Beginn der Altersrente.

Um die Erwerbsminderungsrente zu bekommen, müssen Sie in der Regel bestimmte Wartezeiten erfüllen. Zudem wird die Rente meist zunächst nur befristet auf bis zu drei Jahre gewährt. Danach können Sie einen neuen Antrag stellen. Eine unbefristete Rente gibt es nur, wenn es von Beginn an unwahrscheinlich ist, dass Sie wieder gesund werden.

Die Höhe der Rente hängt weitgehend von Ihren bisher erworbenen Rentenansprüchen ab. Neue Erwerbsminderungsrenten lagen 2019 im Schnitt bei gut 800 Euro.

Erwerbsminderungsrente auch bei privatem Unfall

Bei einem Freizeitunfall springt die gesetzliche Unfallversicherung nicht ein. Die gesetzliche Rentenversicherung zahlt jedoch, wenn eine gravierende Erwerbsminderung eintritt – unabhängig davon, wie die Erwerbsminderung zustande gekommen ist.

So erhalten Sie beispielsweise auch dann eine Erwerbsminderungsrente, wenn Ihre Erwerbsminderung Folge eines Sportunfalls ist.


Reha vor Rente

Vorrangiges Ziel der Rentenkasse ist es allerdings, Sie wieder fit für die Arbeit zu machen. Die Versicherung finanziert deshalb unter anderem Krankenbehandlung, Therapien und Rehabilitation. Erst wenn diese Maßnahmen nicht greifen oder eine Rehabilitation von vornherein keinen Erfolg verspricht, erhalten Sie eine  Erwerbsminderungsrente.

2019 erhielten rund 1,8 Millionen Versicherte eine Erwerbsminderungsrente. In rund 160.000  Fällen begann die Rente 2019. Der Rentenbewilligung lagen häufig psychische Leiden zugrunde.  Danach folgten Skeletterkrankungen, vor allem Bandscheibenleiden, Krebs und Herz-/Kreislaufleiden.

Erwerbsminderungsrente plus Unfallrente – was wird angerechnet?

Die Erwerbsminderungsrente kann gekürzt werden, wenn gesetzliche Rente und Unfallrente zusammen über 70 Prozent des Entgelts erreichen, das der Berechnung der Unfallrente zugrunde lag.  Genauso wird verfahren, wenn Sie später die gesetzliche Altersrente erhalten.

Dagegen haben die Leistungen einer privaten Berufsunfähigkeitsversicherung keinen Einfluss auf Unfallrente und Erwerbsminderungsrente, sie werden nicht verrechnet.


Schwerbehinderung: frühere Altersrente möglich

Als schwerbehindert gelten Sie, wenn Sie nach der „Versorgungsmedizin-Verordnung“ (VersMedV) einen Grad der Behinderung von 50 Prozent erreicht haben.  Dabei gelten andere Regeln als bei der „Gliedertaxe“ der gesetzlichen Unfallversicherung oder bei der Entscheidung über die Erwerbsminderung in der gesetzlichen Rentenversicherung.

Zuständig für die Anerkennung der Schwerbehinderung sind die Versorgungsämter. 7,9 Millionen Menschen waren Ende 2019 in Deutschland als schwerbehindert anerkannt. Mehr als drei Millionen davon waren im erwerbsfähigen Alter.

Schwerbehinderte genießen unter anderem Vorteile beim Kündigungsschutz. Eine eigene Rente zahlen die Versorgungsämter nicht. Als Schwerbehinderter können Sie jedoch unter Umständen bis zu fünf Jahre vor ihrem regulären Rentenalter in Altersrente gehen – dann aber mit Rentenabschlägen.

Gutachten, die bei der Anerkennung der Schwerbehinderung vorgelegt wurden, können gegebenenfalls auch beim Antrag auf eine Erwerbsminderungsrente helfen. Doch längst nicht jeder Schwerbehinderter zählt auch als erwerbsgemindert.

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Autor

Rolf Winkel