Aktuell beleuchtet / 22.09.2015

Auf dem Weg in die Freiheit

Kaum eine andere Reha-Form ist so teuer wie die „Sucht-Reha“. Allein die Deutsche Rentenversicherung Baden-Württemberg investiert jährlich rund 50 Millionen Euro in Entwöhnungsbehandlungen – so der offizielle Name.

Rehapatienten unterhalten sich in einem Stuhlkreis. Bildnachweis: wdv © Hermann, Olaf Georg

Kostentreibend wirkt nicht nur die intensive Therapie, auch die langen Verweildauern. Zwischen 12 und 24 Behandlungswochen kann eine Entwöhnungsbehandlung in Anspruch nehmen. „Das Geld rechnet sich“, ist sich Hubert Seiter, Erster Direktor der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg, sicher: „Die Patienten kommen zurück ins Leben, in Familien, in Jobs.“ Mit einem Pressetross hatte er Sucht-Rehakliniken im Badischen besucht. Er will für die Entwöhnungsbehandlung werben, auch wenn sie sein Haus viel kostet: „Raus aus dem Hinterhof-Image der Sucht“, fordert Seiter energisch: „Uns ärgert jeder Antrag, den wir nicht erhalten, weil wir dann keine Chance haben zu helfen.“

Gute Erfolgsaussichten

Eine, die die helfende Hand ergriff, ist Sabrina: Die 23-Jährige hat – so formuliert sie es selbst – „so ziemlich alles querbeet genommen.“ Vor ein paar Monaten ist sie Mutter geworden. Hubert Seiter und die Presse lernen sie in der Rehaklinik Freiolsheim kennen, eine Fachklinik für Drogenabhängige. Hier werden Drogensüchtige nach ihrem akuten Entzug behandelt. 60 Therapieplätze bietet die Klinik – und eine Familienstation. Die ist jetzt Sabrinas Lebensmittelpunkt – und die ihres Sohnes und ihres Freundes. Zusammen ist man stärker. Jetzt soll sich alles ändern. Keine Drogen, keine falschen Freunde mehr.

„Unsere Patienten haben gute Erfolgsaussichten, wenn sie sich auf die Therapie einlassen. Zwei Drittel schaffen ein cleanes Leben“, so Therapeutin Heide Holfelder-Schulmeister. Gleichsam ist die Arbeit der Therapeuten schwieriger geworden: „Den klassischen Drogenabhängigen, der nur eine Droge konsumiert, gibt es nicht mehr“, berichtet Therapeut Georg Mäder: „Viele der Süchtigen konsumieren wahllos fünf bis zehn Suchtmittel.“ Den Teufelskreis einer solchen Mehrfach-Abhängigkeit zu durchbrechen erfordert viel Geduld – auch so erklären sich die langen Therapiezeiträume. Es gehe zunächst darum, die Psyche zu stabilisieren, um dann nüchtern Entscheidungen zu treffen, erläutert Mäder.

Das klingt fast simpel, ist aber eine Sisyphusarbeit. In Hunderten Therapiestunden – in der Gruppe und einzeln – kreist alles nur um eines: die Sucht. Das war auch in der Zeit vor der Klinik der Alltag der Patienten. Doch jetzt suchen sie mit den Therapeuten den Notausgang. Sie müssen herauskriegen, was zur Sucht führte, Sucht-Mechanismen entlarven und sich vor Rückfällen wappnen. 

Backgammon und Ausmalbücher

Dazu greifen Sucht-Kliniken auch tief in die „Trickkiste“: So muss jeder Patient in Freiolsheim für andere Patienten langfristige Projekte durchführen – etwa Backgammon-Nachmittage oder eine Tischtennis-Gemeinschaft organisieren. „Ressourcen entdecken und weitergeben“, erklärt Mäder die Idee. In der Kreativ-Werkstatt setzt die Klinik Freiolsheim auf „Zen-Inspiration“: ornamentreiche Ausmalbücher für Erwachsene, die eine ruhige Hand und viel Aufmerksamkeit benötigen. Mit ihnen gelingt es, sich auf Gedanken fern der Sucht zu konzentrieren.

Direkt neben dem Kunst-Raum liegt eine Schlosser-Werkstatt. Dort werden unter anderem im Auftrag für die Industrie Regale geschweißt. Ein Ort, in dem sich Patient Sven (30) sichtlich wohler fühlt. Amphetamine und Heroin waren seine Drogen. Kontakt zu „normalen Menschen“ habe er am Ende nicht mehr gehabt. Er meint Menschen, die nicht süchtig sind. Zurück in seine Heimat will er nicht. Zu viele Scherben hat er hinterlassen. Deswegen will er die Arbeitstherapie für einen Neustart nutzen, sich auch beruflich neu orientieren. 

Mit „Biss“ zurück in Arbeit

In dieser kleinen Halle wird klar, dass es nicht nur Auftrag der Klinik ist, Menschen von der Sucht zu befreien, sondern ihnen zusätzlich eine Job-Perspektive zu verschaffen. „Viele unserer Patienten sind kreativ, haben Organisationstalent und sind sehr leidensfähig“, sagt Georg Mäder. Alles das sei auch eine Folge der jahrelangen Sucht.

Um sie besser in den Arbeitsmarkt zu begleiten, setzt die Klinik Freiolsheim zusammen mit der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg auf das Projekt „Biss“ (Berufliche Integration nach stationärer Suchtbehandlung): Dazu erhalten Patienten nach ihrer stationären Therapie einen Praktikumsplatz im Betrieb. Arbeitgeber und Arbeitnehmer lernen sich kennen. Gibt es Probleme oder gar einen Rückfall, können sich beide – Ex-Patient und Arbeitgeber – direkt an die Klink wenden. Die Klinik kooperiert mit zahlreichen Arbeitgebern, die inzwischen ihre Vorbehalte gegenüber Ex-Süchtigen fallengelassen haben. Die Arbeitgeber schätzen die hohe Motivation seiner Schützlinge, berichtet Therapeut Hans Marx – ein Übriges tut der Fachkräftemangel. Von 89 Teilnehmern zwischen Januar 2013 und August 2015 sind 76 in Arbeit und Ausbildung.

Nach Vorstellung von Hubert Seiter könnten noch viel mehr Abhängige wieder in die Abstinenz geführt werden. Zu viele Patienten „klebten“ in einer Substitutionsbehandlung. So sinnvoll die Behandlung mit Methadon auch sei, „das Ziel muss eine Abstinenz sein“, kritisiert Seiter: „Man muss immer wieder gucken, ob jetzt ein Fenster zur Therapie offen ist.“ Das geschehe zu selten. Zu viele Patienten verweilten viel zu lange in einer Substitutionsbehandlung, ohne die Chance auf ein drogenfreies Lebens zu nutzen. Hier müsse auch die Politik handeln. 

Mit „Knall“ aus der Spielsucht

Ein „cleanes Leben“ ist auch Ziel der Patienten in der Kraichtal-Klinik in Münzesheim. Sie hat sich schon in den 80er-Jahren auf die Therapie von Spielsüchtigen spezialisiert. „Damals war es noch umstritten, ob Spielsucht wirklich eine Sucht ist. Viele Forscher meinten nein, aber alle Patienten sagten mir, dass es Sucht ist“, erinnert sich Chefarzt Dr. Martin Beutel.

Heute ist exzessives Spielen als Sucht anerkannt, die Scham sie zuzugeben aber weiter groß, wie Patienten schildern. Oft muss es erst einen Knall geben, bevor der Schritt in eine Entwöhnungsbehandlung gewagt wird. Wie etwa bei Norbert. Jahrelang spielte er, lieh sich Geld, glaubte das Spielen im Griff zu haben. Dann will ein Gläubiger Geld sehen, schickt einen Mahnbescheid. Seine Schulden und die Spielsucht fliegen auf, seine Frau trennt sich von ihm, er geht in eine Suchtberatungsstelle, die schickt ihn nach Münzesheim. Ein harter, lauter Knall. Das Spieler-Gen passt so gar nicht zu dem ruhigen Mann mit kleiner Brille und den grauen Haaren. Man würde ihn eher in einer Bibliothek als in einer Spielhalle vermuten.

Auch Andreas sieht nicht aus wie jemand, dem das Spielen das Leben versaut hat. Eine Trennung mit Sorgerechtsstreit warf ihn aus der Bahn. Beim Spielen fand er Ablenkung. Ein anderer Patient war vorübergehend abstinent, glaubte es geschafft zu haben. Dann wurde er rückfällig. „Wegen zwei Euro“, die er in einen Automaten gesteckt hatte, wie er bitter anfügt. 

„Runterfahren“ als Ziel

Im Gegensatz zu Ex-Drogensüchtigen scheinen mehr Spielsucht-Patienten noch in Lohn und Brot. „Wenn jemand zu seinen Problemen steht, reagieren die Chefs in der Regel sehr positiv“, weiß Martin Beutel. Die Sozialprognose bei therapierten Patienten ist gut: Zwei Drittel der Patienten blieben nach der Entwöhnungsbehandlung abstinent. Der Weg dorthin ist nicht leicht: „Die Patienten müssen lernen, dass sie nicht mehr ein so hohes Kick-Level brauchen“, erklärt Daniel Nakhla, der therapeutische Leiter der Kraichtal-Klinik. „Runterfahren“, nennt es einer seiner Patienten.

Wie heftig so ein Bremsvorgang für die Betroffenen sein muss, lassen die Schilderungen aus der Zeit der Sucht erahnen. Oft stundenlang saßen sie vor Automaten, bedienten mehrere gleichzeitig. Dass Mitarbeiter der Spielhallen auf auffällige Spieler zugehen, hat keiner der Patienten erlebt. Mit kostenlosen Snacks und Getränken hätte man für eine gute Atmosphäre gesorgt. Kein Wunder: „Ich habe bis zu 2.000 Euro an einem Abend verspielt“, erzählt einer der Spieler.

Jetzt finden die Patienten Ruhe im klinikeigenen Park, der zu den schönsten in Deutschland gehört. Von einer Mauer geschützt schlängeln sich kleine Wege durch eine chinesische Landschaft mit Pagode, Karpfen-Teich und einem Meer von Blumen, die nun viel verlockender leuchten als LEDs. 

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Autor

Michael J. John