Altersvorsorge / 25.05.2020

Betriebsrente: Wie steht es um die Pensionskassen?

Immer mehr Pensionskassen stecken in Schwierigkeiten, Versicherte sorgen sich um ihre Rente. Zu Recht?

Betriebsrente: Wie steht es um die Pensionskassen? – Mann hält Geschäftsunterlagen in der einen Hand und tippt Zahlen in einen Taschenrechner.

Die Niedrigzinsen belasten die 135 Pensionskassen in Deutschland offenbar schwerer als andere Altersvorsorge-Anbieter. Drei Kassen haben die Renten gekürzt, sieben weitere den Rentenfaktor für künftige Auszahlungen. Bei jeder dritten Kasse mussten Arbeitgeber schon Geld zuschießen, 36 stehen unter intensivierter Aufsicht der Bafin. Bei den rund fünf Millionen Versicherten wächst denn auch die Sorge um ihre Rente. Doch Georg Thurnes sieht dazu wenig Grund. Der Vorstandsvorsitzende der Arbeitsgemeinschaft betriebliche Altersvorsorge (aba) erklärt die Zusammenhänge und gibt Tipps.

Herr Thurnes, wie steht es um die Pensionskassen in Deutschland?

Thurnes: Ihnen geht es so wie vielen Anbietern, die langfristige Zinsgarantien gegeben haben: Man leidet unter dem andauernden Niedrigzins. Dieser trifft grundsätzlich alle langfristigen Sparvorgänge, auch die der betrieblichen Altersversorgung, bei der Pensionskassen ja nur eine von fünf möglichen Durchführungsformen sind.

Wieso leiden aber die Pensionskassen offenbar stärker als andere?

Thurnes: Eine Erklärung liefert die Kapitalmarkttheorie: Lange Laufzeiten sind von Zinsänderungen stets stärker betroffen als kurze. Und Pensionskassen, die hauptsächlich lebenslange Leistungen erbringen, haben einen sehr langfristigen Finanzierungsbedarf. Dabei sind die traditionellen, als Versicherungsverein organisierten Kassen sehr effizient aufgesetzt. Ihr Administrationsaufwand ist gering, und es ist kein Aktionär mit Dividendeninteresse involviert. Das macht ihre Leistungen attraktiv.

Gleichzeitig wurden sie hinsichtlich ihrer Kalkulationsgrundlagen nicht übermäßig vorsichtig aufgestellt. Denn in der betrieblichen Altersversorgung gilt die Einstandspflicht des Arbeitgebers. Er muss einspringen, wenn die Pensionskasse die Leistungen nicht vollständig erbringen kann. Bei Lebensversicherern und deren Pensionskassen, zumeist Aktiengesellschaften, sind die Umstände oft anders.

Inwiefern?

Thurnes: Private Lebensversicherer und ihre Pensionskassen kalkulieren in der Regel vorsichtiger. Sie unterstellen etwa bei der Rentenberechnung eine höhere Lebenserwartung und eine niedrigere Verzinsung. Private Versicherer kalkulieren so, als gäbe es keinen Einstandspflichtigen. Aus dieser vorsichtigen Kalkulation entstehen Überschüsse, die normalerweise den Versicherten gutgeschrieben werden.

Als Folge der Niedrigzinsen werden Überschüsse nun aber in erheblichem Umfang in eine sogenannte Zinszusatzreserve eingebacht, um die garantierten Leistungen länger sicherstellen zu können. Das geht natürlich zulasten der Höhe der Gesamtleistungen an die Versicherten. Trotz dieser Unterschiede sind Pensionskassen generell eine gute Form, für das Alter vorzusorgen.

Auch wenn bereits drei Pensionskassen ihre Leistungen und sieben ihre Rentenfaktoren gekürzt haben?

Thurnes: Man muss unterscheiden: Leistungskürzungen für Anwärter und aktuelle Rentenbezieher sind die letzte Stufe der Eskalation. Und wie gesagt muss der Arbeitgeber diese dann ausgleichen. Die Absenkung von Rentenfaktoren dagegen bedeutet ja lediglich, dass Einzahler auf künftige Beiträge eine niedrigere Verzinsung erhalten. Im Fachjargon spricht man von Future Service.

Die Absenkung von Leistungen für den Future Service erhöht die Sicherheit der Leistungen insgesamt. Betroffen ist man in dem Fall umso weniger, je älter man bei der Absenkung bereits ist. Das halte ich für einen sehr generationengerechten Weg, mit der andauernden Niedrigzinslage umzugehen.

Warum?

Thurnes: Weil dadurch ein sanfter Übergang entsteht. Das Problem von Pensionskassen und anderen Vorsorgemodellen sind ja nicht die Neuverträge, die mit 0,9 Prozent oder weniger verzinst werden müssen, sondern die Altverträge mit drei oder vier Prozent Garantiezins. Ich halte es nicht für generationengerecht, wenn die Finanzierung der Altverträge zulasten der jungen Versichertengenerationen geht, die dann selbst für ihre Altersversorgung in die Röhre schauen.

In die Röhre schauen auch Versicherte in Pensionskassen, deren Arbeitgeber nicht mehr existiert.

Thurnes: Der Arbeitgeber ist eigentlich ein Sicherheitsgarant. Vermutlich jede Pensionskasse dürfte aber Berechtigte haben, hinter denen kein Arbeitgeber mehr steht. Das geschieht vor allem durch Liquidation oder Insolvenz. Diese Versicherten hätten im Zweifel tatsächlich Einbußen. Hier wird künftig der Pensionssicherungsverein einspringen, der mit der anstehenden Gesetzesänderung auch traditionelle Pensionskassenzusagen gegen die Folgen der Arbeitgeberinsolvenz absichert.

Jede vierte Pensionskasse unter „intensivierter Beobachtung“

Wie beunruhigend finden Sie, dass 36 Kassen unter intensivierter Beobachtung der Bafin stehen?

Thurnes: Pensionskassen müssen zweimal im Jahr eine Vorausberechnung präsentieren, bei der die Bafin echte Schockszenarien vorgibt. Wer diese nicht mehr besteht, kommt unter Beobachtung. Das ist erstmal kein Grund zur Sorge, es wird ja dann noch besser aufgepasst.

Pensionskassen müssen einfach unglaublich vorausschauend rechnen. Ich bin selbst Mathematiker einer Pensionskasse, die vor dem Zweiten Weltkrieg gegründet und gleich danach in die Liquidation geschickt wurde. Bis heute gibt es hier noch 18 Witwen mit einem Durchschnittsalter von über 90 Jahren. Erst wenn diese uns verlassen haben, ist auch die Geschichte der Pensionskasse zu Ende.

Ganz praktisch gefragt: Was raten Sie Versicherten in Pensionskassen, die jetzt Angst um ihre Rente bekommen?

Thurnes: Meist hat man die Option, den Vertrag beitragsfrei zu stellen. Das empfiehlt sich aber nicht, wenn dadurch Förderungen von Arbeitgeber oder Staat verloren gehen. Allen, die schon etwas länger dabei sind, würde ich von einer völligen oder teilweisen Stornierung abraten. Denn ich glaube nicht, dass sie wesentlich bessere Vorsorgealternativen finden.

Auch ich bin in einer Pensionskasse versichert. Und vielleicht muss ich irgendwann auch Leistungskürzungen hinnehmen. Trotzdem fahre ich damit bestimmt nicht schlechter, als wenn ich anders vorgesorgt hätte. Wäre ich heute jung, würde ich angesichts der Niedrigzinsen eher auf eine vielleicht riskantere, aber chancenreichere Altersvorsorge setzen.

Welche zum Beispiel?

Thurnes: Das hängt von der individuellen Situation und der Förderung ab. Erste Wahl ist für mich die betriebliche Altersvorsorge des Arbeitgebers. Sie findet im großen Kollektiv statt und ist daher aus Sicherheits- wie Kostenaspekten immer besser. Ansonsten würde ich in der privaten Vorsorge eher fondsgebunden sparen. Ich selbst habe in ETF-Fondssparpläne investiert sowie in eine Versicherung ohne Garantien.

Neu in der betrieblichen Altersvorsorge ist ja das Sozialpartnermodell. Ihre Einschätzung hierzu?

Thurnes: Das Sozialpartnermodell ist für mich die ideale Antwort auf die schwierige Zinssituation. Da wird nichts garantiert, das gibt den Anbietern mehr Spielräume bei der Kapitalanlage. Das bedeutet zwar, dass die Rente nicht immer steigt, sondern auch mal sinken kann. Doch auf jeden Fall steigen die Chancen auf höhere Renten. Und Sicherheit bringt das große Kollektiv, in dem man spart. Hinsichtlich der schützenden Rahmenbedingungen der betrieblichen Altersversorgung halte ich dieses Modell für nahezu alternativlos.

Das Sozialpartnermodell kurz erklärt

2018 hat der Gesetzgeber das Sozialpartnermodell eingeführt. Die Betriebsrente kann seitdem über eine „reine Beitragszusage“ organisiert werden. Dabei wird nicht mehr wie zuvor eine Rentenhöhe garantiert, sondern nur noch eine „Zielrente“ vereinbart, die nach oben oder unten abweichen kann. Anbieter sollen von mehr Flexibilität bei der Anlage profitieren, Versicherte von besseren Renditechancen. Gleichzeitig werden die Arbeitgeber von ihrer Nachschusspflicht befreit. Das soll mehr Kleinbetriebe für die betriebliche Altersvorsorge motivieren.

Experten rechnen damit, dass das Sozialpartnermodell erst 2021 an Fahrt aufnehmen wird. Als erstes Unternehmen hierzulande hat im Oktober 2019 der Versicherungskonzern Talanx dessen Umsetzung mit der Gewerkschaft Verdi vereinbart.


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Autor

Jürgen Baltes