Gesundheit / 06.01.2020

Burnout überwinden: „Durch Reha viel offener geworden“

Jahrelang funktionierte Bärbel S., wollte es anderen Menschen recht machen. Die Konsequenz: Überforderung, Erschöpfung, Burnout. In einer psychosomatischen Reha lernt die 37-Jährige nun ihre Bedürfnisse besser kennen. Besonders der Austausch mit anderen Betroffenen hilft ihr.

Bild zum Thema Burnout überwinden: Reha-Patienten geht im winterlichen Wald rund um die DRV-Höhenklinik Bischofsgrün spazieren.

Vor Reha: Ärzte tun sich mit Diagnose schwer

Seit zweieinhalb Wochen macht Bärbel S. eine psychosomatische Reha. Sie leidet an einem Burnout – wie jeder zweite Patient im Bereich Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Höhenklinik. Hier lernt sie, besser mit Belastungen umzugehen. Im Arbeitsleben, vor allem aber im privaten Bereich. Denn zu Hause wuchs Bärbel S. in den vergangenen Monaten alles über den Kopf. „Irgendwann ging fast nichts mehr“, erinnert sie sich. Am Morgen stand sie zwar auf, brachte ihren sechsjährigen Sohn zur Schule. Doch danach schlief sie fast den kompletten Tag.

Im Februar war Bärbel S. noch voller Elan gewesen. Medizinische Fachangestellte wollte sie werden. Doch nach nur einem Monat hörte sie schon wieder auf. Sie lernte zu langsam, meinten die Kollegen. „Das war das i-Tüpfelchen“, betont Bärbel S. „Ich habe aber zunächst nicht geahnt, dass ich einen Burnout haben könnte.“ Sie klagte über Muskelschmerzen – vom Hals abwärts, die Wirbelsäule entlang bis zu den Waden. Und durchschlafen konnte sie immer seltener.

Doch zunächst konnte ihr niemand sagen, was mit ihr wirklich los ist. „Ich war bei elf Fachärzten, ehe mich mein Hausarzt zum Psychologen geschickt hat“, erzählt Bärbel S. und ergänzt: „Der Psychologe meinte, dass ich bei meiner Vorgeschichte eine Reha machen sollte.“ Das Verhältnis zu ihrem Mann und ihren Eltern ist belastet. Zudem konnte Bärbel S. in der Arbeitswelt nie wirklich Fuß fassen, da sie oft den Job wechseln musste.

Behandlung in Reha: Gruppenerlebnisse und Einzelgespräche

In Bischofsgrün, einer 1.800-Seelen-Gemeinde nahe Bayreuth, tankt sie nun auf. An einem idyllischen Ort, fernab allen Trubels. Zwei Kilometer ist die Höhenklinik vom Ortskern entfernt, umringt ist sie von unzähligen Fichten und Tannen. Im Winter kann man hier stundenlang durch verschneite Wälder spazieren. Heute etwa, an einem Tag im Dezember. Zehn Kilometer lang ist ein Weg, der direkt vor der Klinik beginnt. „Hier bin ich gerne unterwegs“, berichtet Bärbel S. und fährt fort: „Es tut mir gut, alleine in der Natur zu sein und mal nicht angesprochen zu werden.“

Die meiste Zeit verbringt die 37-Jährige aber mit anderen Patienten. Denn eine psychosomatische Reha zeichnet sich vor allem durch Erlebnisse in der Gruppe, durch den Austausch mit anderen Betroffenen aus. Neben Einzelgesprächen mit Therapeuten gehören daher viele Gruppentherapien zur Behandlung. In Rollenspielen lernen die Patienten etwa, mit Stresssituationen besser klarzukommen.

Auch Sport und Bewegung kommen nicht zu kurz. „Das Zirkeltraining mache ich besonders gern“, sagt Bärbel S. „Jahrelang habe ich gar keinen Sport gemacht. Hier erlebe ich, wie wichtig Bewegung für mich ist.“ Ihre Tage beginnen manchmal bereits um halb acht, sind klar strukturiert, aber nicht vollgepackt. So bleibt Bärbel S. genügend Zeit für sich. Und sie spürt, was für ihr Wohlbefinden wichtig ist. Endlich. „Jahrelang bin ich komplett auf der Strecke geblieben. Hier kann ich nicht auf der Strecke bleiben.“

Schwierige Kindheit, viele Jobwechsel

Bärbel S. wuchs auf einem Bauernhof in Oberbayern auf. Früh musste sie funktionieren, half ihren Eltern ab ihrem achten Lebensjahr. Hobbys mussten hinten anstehen, denn Arbeit war wichtiger als alles andere. Das meinten die Eltern. „Da gab es keine Diskussionen“, erzählt Bärbel S. Oft wurde sie angebrüllt, wenn sie nicht so funktionierte wie sie sollte.

Später drängten die Eltern sie zu einer Ausbildung als Metzgereifachverkäuferin. „Ich hätte das nicht gemacht“, betont Bärbel S. Nur ein Jahr übte sie den Beruf aus, dann bekam sie ihr erstes Kind – mit 19 Jahren. Später arbeitete sie im Einzelhandel, in der Elektronikbranche und in der Druckindustrie. Ein Jahr hier, zwei Jahre dort. Und oft am Rande des Existenzminimums. Trotzdem identifizierte sich Bärbel S. mit ihren Jobs, hatte meist einen guten Draht zu Vorgesetzten und Kollegen.

Doch immer wieder musste sie früher als gewollt gehen, weil sie nur befristete Verträge bekam. „Ich bin mir wie in einer Dauerschleife vorgekommen“, sagt Bärbel S. „Es ist total ermüdend, wenn man sich anstrengt, aber trotzdem nicht vorankommt.“

Kraftvoll knallt Bärbel S. den gekneteten Ton auf ein Brett. Mehrere Minuten lang, quasi durchgehend. So wie ein Sportler, der einen Medizinball auf den Boden prallen lässt. Um Muskeln zu trainieren. Dafür macht Bärbel S. das aber nicht.

Sie ist hier, in der Ergotherapie der Höhenklinik in Bischofsgrün, um ihren Perfektionismus abzulegen. „Da geht noch was“, raunt ihr ein Mitpatient zu, der gemeinsam mit Bärbel S. den Ton fürs Töpfern weich macht. Beide lachen, beide necken sich. „Das letzte Mal habe ich in der Schule getöpfert“, sagt die 37-Jährige mit einem breiten Grinsen. Und schiebt nach: „Eigentlich wollte ich das gar nicht machen.“

Seit zwei Wochen werkelt Bärbel S. nun an einem Turm. Mit Fenstern und einer Tür. Für heute hat sie sich das Dach vorgenommen. Perfekt kann es nicht werden. „Ton bekommt man nicht ganz glatt“, erklärt Ergotherapeutin Theresa Holzner. „Damit muss man als Perfektionist erst einmal zurechtkommen.“

Stressfaktoren erkennen und ernst nehmen

Solche und ähnliche Erfahrungen haben auch ihre Mitpatienten gemacht. In einer wöchentlichen, knapp einstündigen Gesprächsgruppe reflektieren sie über ihre Belastungen, erfahren wie Stress entsteht, was man dabei empfindet und wie man sich schützen kann.

Bärbel S. ist heute zum ersten Mal dabei. Vier Männer und zehn Frauen nehmen an der Runde teil, die Sozialpädagogin Frauke Wick moderiert. Alle Patienten haben einen kleinen, farbigen Punkt in der Hand. Später werden sie den brauchen. Doch zunächst steht der Austausch im Vordergrund. Und Leiterin Wick regt die Patienten zum Nachdenken an: „Stellen Sie sich vor, Sie kommen bei einem Marathon nie an.“

Bärbel S. hält kurz inne, dann lächelt sie. Von Beginn an ist sie aktiv, obwohl sie neu in der Gruppe ist. Sie erzählt, wie sie Stress erlebt, geht aber auch auf Beiträge ihrer Mitpatienten ein. Und immer wieder lacht Bärbel S. herzhaft. Obwohl es um ernste Themen geht. Ihre Punkte sollen die Patienten später auf einen Zettel mit einer Aussage über Stress kleben, die dem persönlichen Empfinden entspricht.

Bärbel S. ist sich sicher: „Stress entsteht, wenn wir leben, um es anderen recht zu machen.“ Auf diesem Zettel kleben später die meisten Punkte. „Mir wurde es zu Hause anerzogen, dass ich nicht nein sage und keine negativen Emotionen zeige“, begründet Bärbel S. ihre Wahl. „Müssen Sie es anderen Menschen recht machen?“, fragt Wick. „Natürlich nicht“, entgegnet Bärbel S. energisch.

Guter Draht zu anderen Patienten

In der Reha lernt sie, ihre Bedürfnisse zu erkennen und Konflikte offen anzusprechen. Zu Hause hat sie das in den vergangenen Jahren kaum getan. Nach der Geburt des zweiten Kindes steckte sie immer mehr zurück, kümmerte sich vor allem um den Haushalt und die Kinder. Denn ihr Mann musste als Gemüselieferant nachts arbeiten. Nur selten traf sich Bärbel S. mit Freunden, obwohl sie eigentlich ein aufgeschlossener Mensch ist. „Ich wollte mich nie sozial zurückziehen“, sagt Bärbel S. „Erst seit wenigen Wochen bin ich oft gerne allein.“

In Bischofsgrün lernt sie nun, ihre Freizeit wieder sinnvoll zu gestalten. Zum Beispiel mit Sport, langen Spaziergängen – oder Gesprächen mit Mitpatienten. Davon profitiert Bärbel S. ganz besonders. „Durch den Austausch findet man Lösungen für Probleme, auf die man alleine nie kommen würde.“ Zu einigen Mitpatienten hat sie einen guten Draht, trifft sich mit ihnen für gemeinsame Freizeiterlebnisse – etwa auf dem Christkindlesmarkt in Bayreuth. „Durch die Reha bin ich schon viel offener geworden“, sagt die 37-Jährige. „Ich bin eigentlich unternehmungslustig und entdecke diese Seite wieder.“

Belastungstest an Feiertagen

Über Weihnachten ist Bärbel S. zuhause, die Feiertage mit ihrem Mann und den Kindern verbringen. Um herauszufinden, woran sie während ihres Aufenthalts in Bischofsgrün noch arbeiten sollte. Solche Belastungstests sind wichtige Bestandteile einer psychosomatischen Reha, erleichtern den Patienten die Rückkehr in die Normalität. „Wir bereiten sie schrittweise vor und entwickeln mit ihnen natürlich auch berufliche Perspektiven“, unterstreicht Chefarzt Dr. Thomas Kirchmeier. Einen Lehrgang möchte Bärbel S. nach ihrer Reha machen, um bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben.

Das Dach für ihren Turm bekommt sie heute nicht ganz fertig. Immer wieder muss sie mit Wasser und Pinseln nachbessern, denn immer wieder entstehen kleine Risse im Ton. „Nichts wird hier perfekt. Ich bin ja schließlich kein Profi“, sagt Bärbel S. – und lacht mal wieder herzhaft. Obwohl sie die Situation ärgert, obwohl sie gerne den perfekten Turm formen würde. „Es nervt mich tierisch, wenn etwas nicht so klappt wie ich mir das vorstelle“, betont Bärbel S. – und greift erneut zum Pinsel. Daher hat sie schon länger keinen Kuchen gebacken. „Vielleicht“, sagt sie, „vielleicht werde ich das in einigen Wochen mal wieder machen.“

Autor: Daniel Seehuber

Mehr Informationen

www.hoehenklinik-bischofsgruen.de
Die Höhenklinik Bischofsgrün der Deutschen Rentenversicherung Nordbayern. Sie ist auf Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Innere Medizin und Kardiologie spezialisiert

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Daniel Seehuber