Rente / 11.10.2021

Die Höhe des richtigen Rentenniveaus bleibt offen

Wissenschaftler: Es fällt überraschend schwer, konkrete Vorsorgeziele für das Alter schlüssig zu begründen und klar zu beziffern.

Bild zum Beitrag"Höhe des richtigen Rentenniveaus bleibt unklar". Das Bild zeigt eine Frau mit Laptop auf den Knien und Taschenrechner auf dem Sofa.

Bad Homburg (sth). Die seit der Riester-Reform von 2001 anhaltende Frage nach dem richtigen und notwendigen Sicherungsniveau der gesetzlichen Rente lässt sich wissenschaftlich nicht klar beantworten. Das ist das Ergebnis einer Analyse der Rostocker Demografie-Forscher Christian Dudel und Julian Schmied sowie des Bochumer Ökonomen Martin Werding, die bereits im vergangenen Jahr in der Zeitschrift „Wirtschaftsdienst" veröffentlicht wurde. Zentrale Erkenntnis ihrer Untersuchung ist, dass es „überraschend schwerfällt, konkrete Vorsorgeziele für das Alter schlüssig zu begründen und klar zu beziffern", schreiben die Wissenschaftler.

Ausgangspunkt der Studie war das im Jahr 2018 bis zum Jahr 2025 gesetzlich festgeschriebene Mindest-Rentenniveau von 48 Prozent. Die Empfehlungen der Regierungs-Rentenkommission, die Ende März 2020 vorgelegt wurden, lagen den Forschern für ihre Studie noch nicht vor. Die zehn Mitglieder der Rentenkommission, unter ihnen fünf Politiker der Regierungsparteien, hatten langfristig einen Korridor für das Rentenniveau von 44 bis 49 Prozent vorgeschlagen. Ab dem Jahr 2025 sollen den Empfehlungen zufolge sogenannte Haltelinien für das Rentenniveau und den Rentenbeitrag für jeweils sieben Jahre gesetzlich festgeschrieben werden – erstmals für die Jahre 2026 bis 2032.    

Armutsvermeidung oder Lebensstandardsicherung?

Als Hauptproblem erwies sich für die Forscher, die sich jetzt auf die Suche nach der angemessenen Höhe des Rentenniveaus machten, die Bestimmung des Sicherungsziels. Während das in den angelsächsisch geprägten Ländern vorherrschende Beveridge-Systeme den Versicherten nur eine – meist steuerfinanzierte – Grundrente gewähren soll, zielen die in Mittel- und Südeuropa dominierenden, an den Bismarckschen Sozialgesetzen orientierten Rentensysteme darauf, „einen (zentralen) Beitrag zur Lebensstandardsicherung im Alter zu leisten". Renten nach Beveridge hätten daher tendenziell eine einheitliche Höhe, Bismarcksche Renten stünden dagegen eher „in einer festen Beziehung zu den individuell geleisteten Beiträgen", so die Wissenschaftler. 

In Deutschland sollte bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts die gesetzliche Rente eines Durchschnittsverdieners mit etwa 45 Beitragsjahren den im Erwerbsleben erreichten Lebensstandard auch im Alter sichern. Seit der Riester-Reform von 2001 gilt es unter den meisten Politikern und Wissenschaftlern aber als ausgemacht, dass das damalige Netto-Rentenniveau von etwa 53 Prozent vor Steuern wegen der demografischen Entwicklung auf Dauer nicht finanzierbar sei. Deshalb solle kapitalgedeckte Zusatzvorsorge der Bürger das allmählich sinkende gesetzliche Rentenniveau stabilisieren. Die mehrfachen Erschütterungen an den Finanzmärkten seither – aktuell durch die Corona-Krise hervorgerufen – wecken jedoch bei manchen Experten Zweifel, ob die Alterssicherung aus gesetzlicher Rente und ergänzender Vorsorge tatsächlich die erhoffte stabile Versorgung im Alter sichern kann.

Lebensstandardsicherung auch früher nicht nur durch die gesetzliche Rente

Aus aktuell verfügbaren Daten ergebe sich, dass in Deutschland „gesetzliche Renten allein wohl nie im eigentlichen Sinn lebensstandardsichernd gewesen sind", lautet das Fazit der Wissenschaftler. Um dieses Ziel zu erreichen, sei auch in der Vergangenheit in den meisten Fällen ergänzende Altersvorsorge schon erforderlich gewesen. „Entsprechende Instrumente wurden und werden von vielen auch genutzt", heißt es in der Studie.

Dennoch sind nach Ansicht von Dudel, Schmied und Werding mit Blick auf die demografische Entwicklung und die Kostenbelastung der Rentenversicherung für das künftige Rentenniveau noch viele Fragen offen – zum Beispiel: Wie kann die Verbreitung ergänzender Altersvorsorge, mit einem Verzicht auf laufenden Konsum in der Erwerbsphase zugunsten eines höheren Alterseinkommens, weiter erhöht werden? Muss die Teilnahme daran verbindlicher gemacht als dies derzeit der Fall ist? Welcher Weg der zusätzlichen Altersvorsorge ist am besten geeignet, Schwächen wie fehlende Transparenz, hohe Kosten und niedrige Erträge zu begegnen?

Fragen, die in der Altersvorsorge-Debatte sicher noch für viele lebhafte Diskussionen sorgen werden. 

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Autor

Stefan Thissen