Rente / 01.07.2019

Die Psychologie der Flexirente

Noch nutzen nur wenige Menschen die neuen Möglichkeiten der Flexirente. Dafür gibt es viele Gründe.

Bild zum Thema Die Psychologie der Flexirente: Mann im mittleren Alter sitzt mit gerunzelter Stirn imBüro an einem Notebook.

Mit Einführung der Flexirente wollte die Bundesregierung den Übergang zwischen Beruf und Rente flexibler gestalten. Hinzuverdienstregeln wurden gelockert und neue Einzahlungsmöglichkeiten in die Rentenkasse geschaffen. So können Arbeitnehmer vorzeitig in Rente gehen, müssen dafür zwar Abschläge in Kauf nehmen, dürfen aber bis zu 6.300 Euro im Kalenderjahr anrechnungsfrei hinzuverdienen. Alternativ können sie ihre Arbeitszeit reduzieren, eine Teilrente in Anspruch nehmen und entsprechend mehr als 6.300 Euro im Kalenderjahr erzielen.

Doch die Regeln sind kompliziert, der Nutzen ist stark einzelfallabhängig, die Unwissenheit groß und der Beratungsbedarf entsprechend hoch. Daher werden die neuen Möglichkeiten derzeit nur zaghaft genutzt. Ein Gespräch mit Andreas Schwarz, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Baden-Württemberg.

Noch werden die Möglichkeiten der Flexirente eher selten genutzt. Woran liegt das?

Andreas Schwarz: Fünfzig Prozent bei der Wahrnehmung von Renten-Themen ist Psychologie. Im Moment beschäftigen sich die meisten Menschen mit der Frage, kann ich früher abschlagsfrei in Rente gehen, also mit der Altersrente für besonders langjährig Versicherte, die vulgo immer noch als „Rente ab 63“ bezeichnet wird.

Dabei liegt die Altersgrenze hierfür dieses Jahr bereits bei 63 Jahren und acht Monaten und spätestens in zwei Jahren müssen wir von der „Rente ab 64“ sprechen. Die Menschen haben ein fixes Rentendatum im Kopf, auf das sie, um Abschläge zu vermeiden nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip konsequent hinarbeiten. Dass es in Form der Flexirente eine ebenfalls attraktive Möglichkeit gibt, im Altersübergang Rente und Arbeit flexibel zu verbinden, übersehen sie dabei.

Das Ansinnen der Politik war ja eigentlich, den Übergang ins Rentenalter flexibler zu gestalten. Gibt es da noch Potenzial bei der Flexirente?

Andreas Schwarz: Ich erlebe immer wieder Versicherte, die auf ihre Renteninformation schauen und sagen, dass die Rente nicht reichen wird, wenn sie mit vollen Abschlägen früher in Rente gehen. Andererseits befürchten sie, es gesundheitlich gar nicht bis zum gesetzlichen Renteneintrittsalter zu schaffen. Dann frage ich, ob sie sich vorstellen können, während der Übergangsphase in Teilzeit zu arbeiten und eine Teilrente zu beziehen. Die Höhe der Teilrente können sie über ihren Hinzuverdienst dann in nahezu beliebiger Höhe selbst festlegen.

Sobald die Rente später in voller Höhe bezogen wird, wird der bislang nicht in Anspruch genommene Teil der Rente mit einem geringeren oder auch gar keinem Abschlag ausgezahlt und bei Erreichen der Regelaltersgrenze wird die Rente unter Berücksichtigung der aus der Teilzeitarbeit weiter eingezahlten Beiträge neu berechnet. Und plötzlich sehen die Menschen eine Perspektive. Wenn wir das vermitteln können, hat die Flexirente noch Potenzial.

Sie denken vor allem an Menschen, die in sehr anstrengenden Berufen arbeiten – wie zum Beispiel Pflegekräfte?

Andreas Schwarz: Richtig, hier wissen viele sogar noch nicht einmal, dass man die aus gesundheitlichen Gründen reduzierte Arbeitszeit mit einer Teilrente kombinieren kann. Aber ich sehe auch einen anderen Trend: Es gibt gerade unter den Besser qualifizierten und Akademikern immer mehr Menschen, die sogar über die Regelaltersgrenze hinaus arbeiten. Ihnen macht Arbeit einfach Spaß. Sie wird nicht als Belastung empfunden, sondern ist Teil ihrer Selbstverwirklichung. Durch das Leistungsverbesserungsgesetz, von dem die Flexirente ein wesentlicher Bestandteil ist, können sie sogar auf die Versicherungsfreiheit ab der Regelaltersgrenze verzichten und weiterhin Rentenversicherungsbeiträge zahlen, die so ihre Rente erhöhen.

Zudem findet über die Regelaltersgrenze hinaus keine Einkommensanrechnung mehr statt Dafür wird die Rente bei fortgesetzter Beitragszahlung immer zum 01.07. unter Berücksichtigung der hinzugekommenen Beiträge des vorherigen Kalenderjahres neu berechnet. Man erhöht also nebenher seine Altersversorgung.

Heute versuchen Betriebe, ältere Mitarbeiter zu halten. Könnte die Flexirente hier auch ein Mittel sein?

Andreas Schwarz: Ja, etwa in dem Fall, in dem ein Mitarbeiter sagt, ich will zwar weiter arbeiten, aber ich will nicht mehr jeden Tag in der Werkshalle oder auf der Baustelle stehen. Durch die Flexirente eröffnen sich hier Gestaltungsmöglichkeiten bei denen das Fachwissen dem Betrieb länger erhalten bleibt.

Können Sie sich vorstellen, dass die Flexirente noch flexibler wird?

Andreas Schwarz: Das kann ich mir gut vorstellen – etwa bei der Berechnung des Hinzuverdienstdeckels. Weil man sich vor Missbrauch fürchtete, wurde die Flexirente an einigen Stellen doch sehr mit Bürokratie beladen.

Ein zweites Thema ist aber auch das „Wording“: Verdient ein Versicherter vor dem Erreichen der Regelaltersgrenze mehr als 6.300 Euro pro Kalenderjahr hinzu, wird der übersteigende Betrag anteilig an der Vollrente angerechnet. Viele Menschen verstehen das so, dass die Rentenversicherung ihnen nun auf Dauer etwas wegnimmt und in die eigene Tasche steckt.

Dabei schreiben wir ihnen für den Teil, der angerechnet wird, in Form reduzierter Abschläge ja etwas gut. Nur in der komplizierten Berechnung mit veränderten Zugangsfaktoren versteht das kaum ein Mensch. Vielleicht wäre der Vorgang leichter verständlich, wenn es für den Anrechnungsbetrag – wie für die aus dem Teilzeitentgelt geleisteten Beiträge – eine zusätzliche Gutschrift im Versicherungsverlauf gäbe. Das würde es anschaulicher machen, dass sich die Flexirente gleich doppelt lohnt. Wie gesagt, das Thema Rente hat auch viel mit Psychologie zu tun.

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Die neuen Möglichkeiten der Flexirente

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Autor

Michael J. John