Rente / 25.08.2021

DIW-Chef kritisiert deutsches Rentensystem

Fratzscher: Rentenversicherung entwickelt sich immer stärker zu einer massiven Umverteilung von unten nach oben, von Arm zu Reich.

Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Prof. Marcel Fratzscher – Bild: DIW Berlin © B.Dietl

Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Prof. Marcel Fratzscher

Berlin (sth). Scharfe Kritik an den Verteilungswirkungen des deutschen Rentensystems hat der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, geübt. „Unser Rentensystem entwickelt sich immer stärker zu einer massiven Umverteilung von unten nach oben, von Arm zu Reich", schreibt Fratzscher in einem aktuellen Gastbeitrag auf "Zeit online". Einer der wichtigsten Treiber der Ungleichheit sei die vom Bildungsniveau und beruflichen Status abhängige Lebenserwartung, so Fratzscher. Dies mache „grundlegende Veränderungen der gesetzlichen Rente" notwendig, damit sie „nicht nur auskömmlich für alle ist, sondern die Gesellschaft nicht noch stärker spaltet".

Das sogenannte Äquivalenzprinzip in der Rentenversicherung, nach dem jeder in die Rentenversicherung eingezahlte Euro im Alter den gleichen Rentenanspruch zur Folge hat, „klingt erst einmal fair, ist es aber nicht", kritisiert der Berliner Ökonom. Menschen mit körperlich und psychisch stark belastender Arbeit würden nicht nur mit größerer Wahrscheinlichkeit berufsunfähig, sondern hätten „eine deutlich geringere Lebenserwartung". Diese Beschäftigten würden deshalb „mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Rente für einen deutlich kürzeren Zeitraum beziehen als Beamte und Beamtinnen", so Fratzscher. Zudem hätten Arbeiterinnen und Arbeiter „geringere Löhne und Einkommen und somit auch niedrigere monatliche Renten" zu erwarten, stellt der DIW-Chef fest.

„Einzelne Berufsgruppen erzielen negative Rentenrendite"

Die Umverteilung von unten nach oben in der Rentenversicherung gehe so weit, dass einzelne Einkommens- und Berufsgruppen im deutschen Rentensystem „eine ,negative Rendite' erzielen", folgert Fratzscher: „Sie zahlen während ihrer Erwerbstätigkeit mehr Euro in die gesetzliche Rente ein, als sie im Alter an Rente insgesamt ausgezahlt bekommen". Auf der anderen Seite käme ein überproportional großer Teil der jährlich etwa 100 Milliarden Euro Steuerzuschüsse an die Rentenversicherung denjenigen zugute, die „gut bezahlte Jobs hatten und eine lange Lebenserwartung haben", moniert er. Angesichts der wachsenden Zahl von Neurentnern und -rentnerinnen fordert der DIW-Präsident deshalb von der nächsten Bundesregierung eine Reform, die die gesetzliche Rentenversicherung "auf eine nachhaltige Basis" stelle.

„Dazu gehört auch die Erhöhung des Renteneintrittsalters", so der Berliner Makroökonom. Er räumt jedoch ein, dass viele Menschen mit stark belastenden Jobs schon heute häufig nicht bis zum gesetzlichen Rentenalter durchhalten könnten. Fratzschers Plädoyer lautet deshalb: „Menschen in bestimmten Berufszweigen, die psychisch und physisch hart belastet werden, sollten für ihre Beiträge in die gesetzliche Rente einen höheren Anspruch an monatlichen Rentenzahlungen erwerben – mit dem Ziel, sowohl die Unterschiede in der Lebenserwartung auszugleichen als auch eine drohende Altersarmut zu vermeiden."

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Autor

Stefan Thissen