Rente / 20.05.2019

Faktencheck Altersarmut: Ist Österreichs Rentensystem wirklich besser?

Rentnern in Österreich gehe es deutlich besser als Rentnern in Deutschland, argumentieren vor allem gewerkschaftsnahe Forscher. Aber ist das wirklich so? Wir haben die beiden Rentensysteme miteinander verglichen.

Bild zum Thema Vergleich Rentensystem Österreich-Deutschland: Länderflaggen von Deutschland und Österreich wehen an Fahnenmasten vor einem See.

Inhalt

Der Ausspruch „Tu felix Austria“ (Du, glückliches Österreich) bescheinigt unseren Nachbarn in der Alpenrepublik seit Jahrhunderten eine besonders glückliche Lebensart. Auch mit Blick auf die Alterssicherung haben die Österreicher – zumindest nach Ansicht von gewerkschaftsnahen Forschern aus Deutschland und Österreich – das bessere Los erwählt.

In der Donau-Republik seien die Bürger durch ein höheres Rentenniveau sowie durch steuerfinanzierte Ausgleichszulagen bei Rentenbeginn „besser geschützt“ als Rentenversicherte in Deutschland, heißt es in einer gemeinsamen Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) bei der Hans-Böckler-Stiftung, des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Technik sowie der Arbeiterkammer Wien.

In Österreich zahlen auch Selbstständige und Beamte ein

Doch woher rührt die Begeisterung? Vor allem wohl daher, dass sich das österreichische Alterssicherungssystem nach wie vor „weitgehend auf die umlagefinanzierte gesetzliche Rentenversicherung“ konzentriert, in die auch Selbstständige und – seit 2005 – zunehmend Beamte einbezogen seien, wie es in der Studie heißt.

Während die Arbeitnehmer in Deutschland seit der Riester-Reform von 2001 das sinkende Versorgungsniveau der gesetzlichen Rente durch betriebliche oder private Zusatzvorsorge ausgleichen sollen („Drei-Säulen“-Alterssicherung), setzen die Österreicher weiter de facto auf ein „Ein-Säulen“-System. Dieses solle „auch in Zukunft eine Lebensstandard sichernde Funktion ausüben“, so die Autoren der Studie. Zudem sei der Beitragssatz zur Rentenversicherung in Österreich höher als in Deutschland.

Höhere Beiträge, vor allem für Arbeitgeber

Tatsächlich kommen österreichische Arbeitnehmer nach einer Analyse der Rentenexpert*innen Birgit Alshut-Mann und Reinhold Thiede von der Deutschen Rentenversicherung auf erhebliche höhere Renten als ihre deutschen Kolleginnen und Kollegen (s. Tabelle 1). Allerdings unterscheiden sich auch die Beitragssätze zur Sozialversicherung in beiden Ländern deutlich (s. Tabelle 2). Im Bereich der Rentenversicherung zahlen die Arbeitgeber in der Alpen-Republik demnach sogar einen höheren Anteil der Beiträge (siehe Tabellen):

Höhe der durchschnittlichen Bruttorente 2015 (monatlich)
Rentenarten Österreich
14 Renten pro Jahr
Deutschland
12 Renten pro Jahr
Altersrenten 1.231 Euro 909 Euro
Erwerbsminderungsrenten 1.133 Euro 808 Euro
Witwen-/Witwerrenten 704 Euro 626 Euro
Beitragssätze zur Sozialversicherung
Sozialversicherungszweig Österreich Deutschland
Rentenversicherung
– Arbeitgeber
– Arbeitnehmer
22,80 %
12,55 %
10,25 %
18,6 %
9,3 %
9,3 %
Krankenversicherung 7,7 % 14,6 %
(plus Zusatzbeitrag nach jeweiliger Krankenkasse)
Arbeitslosenversicherung 6,0 % 3,0 %
Pflegeversicherung 2,6 %

Österreich: Längere Wartezeiten und voll versteuerte Renten

Allerdings sind auch die Voraussetzungen für einen Rentenanspruch in beiden Ländern unterschiedlich. Während in Deutschland selbst langjährige Hausfrauen und -männer schon nach der Erziehung von (mindestens) zwei Kindern einen Rentenanspruch haben, müssen Versicherte in Österreich 15 Jahre Versicherungszeit („Wartezeit“) vorweisen. In einigen Punkten sind die Leistungen der Nachbar-Rentenversicherung auch schlechter als bei uns:

  • Der Rentenabschlag bei einem vorzeitigen Rentenbeginn beträgt in Österreich 4,2 Prozent pro Jahr, in Deutschland 3,6 Prozent;
  • Der maximale Rentenabschlag bei Erwerbsminderungsrenten ist mit 13,8 Prozent höher als in Deutschland (10,8 Prozent);
  • Der Rentenzuschlag bei aufgeschobenem Rentenbeginn liegt pro Jahr mit 4,2 Prozent niedriger als hierzulande (6,0 Prozent),
  • Renten werden in Österreich bereits heute in vollem Umfang besteuert (in Deutschland zu 76 %).
  • Der höhere Eingangssteuersatz (25 Prozent) bei unseren Nachbarn trifft auch Rentner.

Angesichts dieser Differenzen – und trotz der generellen Ähnlichkeit beider Rentensysteme – lautet das Fazit der deutschen Rentenexperten: Bei der Alterssicherung ist in Österreich vor allem „vieles anders“ als in Deutschland.

Weitere Informationen

www.boeckler.de
Vergleichende Studie des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) über die Rentensysteme in Österreich und Deutschland (PDF)

www.deutsche-rentenversicherung.de
Folien zu einem Vortrag der Expert*innen Birgit Alshut-Mann und Reinhold Thiede von der Deutschen Rentenversicherung über die Unterschiede der Rentensysteme in Österreich und Deutschland

Autorenbild

Autor

Stefan Thissen