Nachgefragt / 23.04.2018

Fatigue-Syndrom: Chronisch Kranke sind häufiger erschöpft

Müde, unmotiviert, zurückgezogen: Eine wissenschaftliche Studie zeigt, wie Patienten mit chronischen Krankheiten unter Erschöpfung leiden und ob eine Reha ihnen helfen kann.

Frau mit Händen an der Stirn – Bildnachweis: wdv © Lauer, Jan

Dr. Bernhard Krohn-Grimberghe ist Chefarzt der Rheumaklinik Bad Wildungen der Deutschen Rentenversicherung Oldenburg-Bremen. In seiner Klinik werden Patienten mit rheumatischen und orthopädischen Erkrankungen behandelt. Oft leiden diese zusätzlich an chronischer Erschöpfung. Betroffene sind weniger belastbar, dauerhaft müde, können sich schlecht konzentrieren und spüren wenig Antrieb ihr Leben aktiv zu gestalten.

Zusammen mit weiteren Ärzten analysierte Krohn-Grimberghe die Erschöpfungszustände genauer. Im Interview mit ihre-vorsorge.de erklärt er, wie Betroffene leiden und wie eine Reha ihnen helfen kann.

Herr Dr. Krohn-Grimberghe, wie misst man überhaupt chronische Erschöpfung?

Krohn-Grimberghe: In der Wissenschaft nutzt man dazu Fragebögen. Chronische Erschöpfung ist auch unter dem Begriff „Fatigue-Syndrom“ bekannt. Wir haben in der Studie unterschieden zwischen „allgemeine Müdigkeit“, „körperliche Müdigkeit“, „verminderte Aktivität“, „verminderte Motivation“ sowie „mentale Müdigkeit“.

Chronische Erschöpfung hat zudem auch einen emotionalen Aspekt: Betroffene ziehen sich häufig zurück, distanzieren sich und können nicht mehr mitfühlen.

In welchem Zusammenhang stehen diese Indikatoren mit chronischen Erkrankungen?

Krohn-Grimberghe: Genau das war die spannende Frage für uns. Wir haben unterschiedliche Gruppen untersucht: Patienten mit entzündlichem Rheuma, chronischem Schmerzsyndrom – also Fibromyalgie – sowie mit orthopädischen Leiden. Als Kontrollgruppe dienten Menschen ohne chronische Erkrankung.

Wir haben festgestellt, dass 50 Prozent der Patienten der Orthopädie und Rheumatologie auffällige bis sehr auffällige Werte der vitalen Erschöpfung aufweisen. Das gilt besonders für Fibromyalgiepatienten. Alle Patienten hoben sich deutlich von der gesunden Kontrollgruppe ab.

Gab es Unterschiede zwischen Männern und Frauen?

Krohn-Grimberghe: Ja, Frauen zeigen häufig einen höheren Grad an chronischer Erschöpfung.

Was steckt dahinter?

Krohn-Grimberghe: Das haben wir nicht erforscht. Eventuell ist es die Doppelbelastung aus Haushalt und Beruf.

Kann eine Reha Betroffenen helfen?

Krohn-Grimberghe: Das gehört zu den erstaunlich positiven Ergebnissen der Studie: Ja, Reha hilft chronische Erschöpfung abzubauen – und das sogar nachhaltig. Auf allen Ebenen der chronischen Erschöpfung lassen sich im Verlauf einer Reha Verbesserungen nachweisen. Wir haben die Patienten auch sechs und zwölf Monate nach ihrer Reha befragt.

Alle Patienten waren zu Beginn der Reha vom Fatigue-Syndrom stärker betroffen als die gesunden Befragten. Während der Reha haben sich ihre Werte stark verbessert. Und auch wenn sechs und zwölf Monate später die Erschöpfung wieder zugenommen hat, so ist diese bei keiner der Gruppen wieder auf das Ausgangsniveau angestiegen.

Die Patienten haben also hinsichtlich Müdigkeit, Erschöpfung, Motivation und mentaler Müdigkeit viel erreicht.

Wie erklären Sie sich den Effekt?

Krohn-Grimberghe: Wenn man die Gründe in einem Wort zusammenfassen sollte, ist es wohl der multiprofessionelle Ansatz in der Reha: Hier arbeiten vom Sozialdienst, über Psychologen, Ärzte und Therapeuten bis hin zur Ernährungsberatung alle zusammen.

Ich bin davon überzeugt, dass dieser ganzheitliche Ansatz Patienten hilft. Eine solche Betreuung erhalten unsere Patienten zuhause nicht.

Welche Angebote in der Reha helfen Patienten mit Fatigue-Syndrom besonders?

Krohn-Grimberghe: Die Patienten weisen unterschiedliche Muster auf. Insofern werden sich die Angebote unterscheiden. Häufig sehen wir zum Beispiel Patienten, die im Beruf sehr engagiert sind und dann in eine Krise kommen. Hier vermitteln wir, dass das Arbeiten nicht alles ist und dass das Leben noch schöne andere Aspekte beinhaltet.

Wir haben zum Beispiel ursprünglich ein Hochbeet für unsere Patienten mit Rheuma- oder Bandscheibenleiden angelegt. Heute ist es Teil unseres Genusstrainings. Patienten lernen bewusst zu genießen.

Das Leben wieder genießen lernen hilft demnach auch chronisch Kranken …

Krohn-Grimberghe: Das kennen wir doch alle: Man kommt gestresst von der Arbeit, grübelt, ist unzufrieden. Da ist es ganz wichtig, dass wir uns mal ablenken. Für chronisch Kranke gilt das besonders: Sie haben nicht nur die Arbeit, sondern auch ein Leiden, das sie belastet.

Und warum ist für Sie als Arzt in einer Klinik der Deutschen Rentenversicherung die Studie so wichtig?

Krohn-Grimberghe: Studien zur chronischen Erschöpfung sind in der Reha noch eine Nische. Wir Studienautoren regen an, dass man der chronischen Erschöpfung mehr Aufmerksamkeit widmet.

Konkret könnte man zum Beispiel im Aufnahmegespräch Fragen stellen, die sowohl die physische, als auch die kognitive und emotionale Erschöpfung berücksichtigen.

Zudem wäre zu überlegen, ob man dann entsprechend die Angebote ergänzt – etwa durch spezielle Einzel- oder Gruppensitzungen zur Behandlung der Erschöpfung, Selbstsicherheits- sowie Problemlösetrainings.

Um den Erfolg der Reha weiter zu stärken, wären auch Nachsorgeangebote denkbar. Das Ziel einer Rehaklinik ist ja immer, die Arbeitsfähigkeit und Teilhabe am sozialen Leben zu stärken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Weitere Informationen

Rehabilitation: Ziele, Arten, Ablauf
Themenbereich Rehabilitation auf ihre-vorsorge.de

Autorenbild

Autor

Michael J. John