Nachgefragt / 03.03.2016

Helfen im Dreiklang

Prävention, Reha, Nachsorge: Holger Baumann von der DRV Rheinland über neue Ansätze und Angebote der Rentenversicherung.

Eine ältere Dame mit einer Fitnesstrainerin. Bildnachweis: Getty Images ©

Aachen (mjj). 1.500 Wissenschaftler, Ärzte, Psychologen und Therapeuten diskutierten während des Rehabilitationswissenschaftlichen Kolloquiums in Aachen über die aktuellen Trends und neue wissenschaftliche Erkenntnisse in der Rehabilitation. Gleich zu Auftakt der Veranstaltung forderte Holger Baumann einen neuen Leitgedanken für die Rehabilitation. Baumann ist Mitglied der Geschäftsführung der Deutschen Rentenversicherung Rheinland.

Sie plädieren für „Prävention vor Reha vor Rente“. Was meinen Sie damit?

Holger Baumann: Die Deutsche Rentenversicherung will Menschen noch früher mit medizinischen Leistungen helfen – nicht erst, wenn eine schwere Krankheit vorliegt. Sobald erste gesundheitliche Einschränkungen erkennbar sind, greifen unsere Präventionsangebote. Wir helfen also, bevor Reha-Bedarf entsteht. Damit wollen wir auch verhindern, dass Krankheiten einen chronischen Verlauf nehmen. Deswegen sind wir sehr dankbar für das neue Präventionsgesetz, das uns solche Leistungen und eine engere Zusammenarbeit mit den Krankenkassen für unsere gemeinsamen Versicherten ermöglicht. Damit übrigens nicht genug: Die Deutsche Rentenversicherung baut auch die Angebote für Nachsorge aus, um den Erfolg einer Reha langfristig zu sichern. Der Dreiklang, den wir anstreben, beinhaltet damit Prävention, Reha und Nachsorge.

Im Präventionsgesetz steht, dass Präventionsleistungen Menschen erreichen sollen, die besonderen beruflichen Belastungen ausgesetzt sind oder andere persönliche Risikofaktoren aufweisen. Wie kommt die Rentenversicherung an diese Menschen? Von sich aus wer

Holger Baumann: Ja, das stimmt. Darum setzen wir auf die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen. Diese haben den Vorteil, dass sie schon anhand der Krankheitstage erkennen können, ob sich eine besondere gesundheitliche Problemlage anbahnt. Konkret könnten die Krankenkassen zum Beispiel Menschen beraten, die bereits über Fehlzeiten von vier bis sechs Wochen verfügen und ihnen dann entsprechende, abgestimmte Präventionsangebote der Kranken- und der Rentenversicherung empfehlen.

Bei uns im Rheinland funktioniert das schon: Zusammen mit der AOK Rheinland-Hamburg haben wir das „Pauli-Projekt“ für eine bessere Versorgung von psychosomatischen Patienten entwickelt. Die Idee ist, dass die AOK Rheinland-Hamburg die Patienten mit psychosomatischen Indikationen sehr früh identifiziert. Das macht sie über ein Fehlzeiten-Screening. Dann bietet sie ein niedrigschwelliges Therapieangebot an, an das sich unsere psychosomatische Reha direkt anschließt. Für uns hat das den Vorteil, dass wir Patienten mit unserer Reha schon ein bis eineinhalb Jahre früher erreichen. Zu diesem Zeitpunkt hat sich die Krankheit noch nicht chronifiziert. Durch diese Vorgehensweise gewinnen alle: Zunächst erhält der Patient schneller Hilfe. Die Krankenkasse profitiert, weil bereits nach der Erstversorgung ein Teil der Patienten an den Arbeitsplatz zurückkehren kann. Und die Rentenversicherung profitiert, weil sie früh mit Reha und Nachsorge helfen kann. Dadurch haben wir einen wesentlichen größeren Erfolg bei der Wiedereingliederung in den Job verglichen mit der klassischen Vorgehensweise, die erst später greift.

Was ist mit Haus- und Betriebsärzten – muss man die auch verstärkt ins Boot holen?

Holger Baumann: Der Hausarzt sollte der Lotse seines Patienten im Gesundheitssystem sein. Unser Gesundheitssystem macht es den Ärzten aber schwer, diese Funktion wahrzunehmen. Ihnen fehlt oft die Zeit für eine entsprechende Beratung. Ich wünsche mir hier mehr Engagement der Hausärzte und eine intensivere Prüfung der Präventions- und Rehaleistungen der Rentenversicherung.

Mit Betriebsärzten arbeiten wir hingegen hervorragend zusammen – auch dank eines Konzepts, das wir hier im Rheinland entwickelt haben: WeB-Reha. „WeB“ steht für „Werks- und Betriebsärzte“. Wir erhalten im Vorfeld einer Reha von Werks- und Betriebsärzten Informationen über die gesundheitlichen Einschränkungen der Arbeitnehmer. Zudem liegen uns standarisierte Profile mit Arbeitsplatzbeschreibungen vor. So können wir in der Reha zielgenauer helfen. Und wir können nach der Reha den Betriebsärzten zurückmelden, was der Patient leisten kann. Von diesem bewährten Modell profitieren die Unternehmen und vor allem die Beschäftigten.

Worin unterscheiden sich Präventionsleistungen der Deutschen Rentenversicherung von Präventionsleistungen anderer Sozialversicherungsträger?

Holger Baumann: Die Krankenkassen bieten die meisten Präventionsleistungen an. Ihre Maßnahmen sind eher gesundheitspolitisch ausgerichtet und sollen Breitenwirkung haben. Unsere Präventionsleistungen zielen hingegen darauf ab, vor allem die Beschäftigungsfähigkeit einzelner Versicherter zu sichern. Oft habe ich auch den Eindruck, dass Präventionsprogramme der Krankenkassen nicht so effektiv und nachhaltig sind und vor allem die erreichen, die sowieso schon etwas für ihre Gesundheit tun. Wir wollen aber eher denen helfen, die schon erste gesundheitliche Einschränkungen haben – wie etwa Bluthochdruck, Diabetes oder Übergewicht. Mithilfe der Krankenkassen können diese Menschen identifiziert werden und durch eine gezielte Prävention oder Reha Hilfe bei der Änderung ihres Lebensstils erhalten.

Um das zu finanzieren, haben wir zusätzliche Haushaltsmittel für Präventionsangebote bereitgestellt. Die Zahl unserer Präventionsleistungen soll sich in diesem Jahr verdoppeln.

Welche Präventionsleistungen bietet die Deutsche Rentenversicherung Rheinland konkret an?

Holger Baumann: Zwei bis drei Tage verbringen Teilnehmer wohnortnah in einem unserer Präventions-Zentren. Dort wird unter anderem der Gesundheitsstatus erhoben, ein Trainings- und Ernährungsplan erstellt sowie Bewegungstherapien und Schulungen durchgeführt. Danach trainiert der Patient auf Kosten der Deutschen Rentenversicherung Rheinland vier bis sechs Monate nach Feierabend in einem unserer Präventions-Zentren. Nach etwa einem halben Jahr erhalten die Teilnehmer dann noch einen „Refresher-Tag“ zur Auffrischung des Erlernten.

Das alles kostet Geld. Reicht das Reha-Budget dafür?

Holger Baumann: Wir haben jahrelang dafür gekämpft, dass das Reha-Budget erhöht wird. Jetzt wurde es erhöht – mit dem Ziel, dass die Rentenversicherung auch mehr Präventionsleistungen erbringen kann. Das Geld lohnt sich: Der Patient profitiert, weil eine Chronifizierung nicht eintritt. Volkswirtschaftlich ist das auch günstiger als später die Folgen einer chronischen Krankheit zu finanzieren.

Kann man demnach festhalten: Prävention ist günstiger als Reha?

Holger Baumann: Natürlich ist Prävention nicht so teuer wie eine Rehabilitationsleistung. Aber ich möchte an dieser Stelle betonen: Es geht nicht darum, Geld zu sparen. Unser Ziel ist es, unseren gesetzlichen Auftrag zu erfüllen: die Erwerbsfähigkeit der Menschen zu erhalten, stärken oder wieder herzustellen. Wir haben Präventionsangebote nicht eingeführt, um in der Reha Geld zu sparen, sondern weil wir für unsere Versicherten notwendige präventive Gesundheitsleistungen zum Erhalt der Erwerbsfähigkeit anbieten wollen. Mich würde freuen, wenn wir insgesamt mehr Menschen mit Präventionsleistungen und Reha erreichen.

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Autor

Michael J. John